Der Sittich


Unlängst geschah's zur Mittagszeit, 
während ich noch ziemlich breit 
von der Riesenportion Nudeln, 
die jetzt meinen Magen hudeln 
in weichen Kissen so hindöse 
und damit Weltprobleme löse, 
klopft es weder gut noch böse, 
doch hart an meine Fensterscheibe, 
sodass ich mir die Ohren reibe.

Was will dies penetrante Klopfen? 
Soll ich mir jetzt die Ohren stopfen? 
Oder will dies klopfend Wesen 
mir damit die Leviten lesen? 
Dass ich es einsichtig erhöre 
und dem Verdauungsdös abschwöre 
oder ist's nur eine lästig Göre? 
Das ist es wohl und gibt gleich Ruh 
Ich rülps und mach die Augen zu.

Wie ich mich so im Sicheren wiege 
und  in meinem Traum rum fliege, 
klopft es abermals recht laut. 
Stopp das – ich hab noch nicht verdaut! 
Kann man denn hier nicht einmal pennen? 
Muss immer auf Kommando rennen? 
Dies Wesen, das lernt mich gleich kennen! 
Ich latsch zu diesem blöden Fenster 
und denke mir, ich seh Gespenster!

Da sitzt auf meinem Fensterbrett, 
er schielt doch tut dies ziemlich nett, 
mit links nach rechts, mit rechts nach mittig 
ein prächt'ger, schwarzer Wellensittich. 
Wie ich mir so die Augen reibe, 
mir dies Bild ins Gedächtnis schreibe, 
wünsch ich mir, dass er doch bleibe. 
Ich wünsche, also öffne ich
dem animalisch Klopferich.

Kaum ist mit neugierig Elan 
und Schwung das Fenster aufgetan, 
da saust auch schon durch meinen Raum 
recht wild, er lässt ein wenig Flaum, 
der neue Gast mit wenig Masse, 
doch schnell sodass ich in nicht fasse 
gezielt zu meiner Kaffeetasse. 
Lässt sich auf deren Rand absinken 
und fängt gleich gierig an, zu trinken.

Ich sag: „Hey, mittäglicher Gast, 
trink bitte nicht mit soviel Hast! 
Ich hab ihn mit viel Müh' gekocht 
und ihn serviert, du nur gepocht! 
Bist du auch durstig unterm Fittich, 
du frecher, kleiner Wellensittich. 
Bevor du weiter trinkst, ich bitt' dich: 
"Sag, wie du heißt, Kaffeeschakal!“ 
Sprach der Sittich: „Schauenwirmal!“

Ich bin baff und doch auch heiter 
der Sittich trinkt gleich munter weiter. 
Der Trunk, er muss gleich alle sein. 
Er ist's und der Gast fällt hinein 
bis auf den Grund der großen Tasse, 
die Chance ist da, dass ich ihn fasse. 
Mein Herz das mahnt, dass ich das lasse. 
Ich frag: „Geht's gut im dunklen Tal?“ 
Von daher tschilpt es: „Schauenwirmal!“

„Du kleines, interessantes Wesen, 
ich hoff' du wirst vom Sturz genesen. 
Deine leibhaftige Präsenz 
sorgt im Quartier für Turbulenz. 
Als du am Fenster so gesessen, 
hab ich den Weltschmerz glatt vergessen. 
Du flatternd, schnabelnd Seelenfressen.“ 
Behutsam komme ich heran 
und aus der Tasse schielt's mich an.

Der Blick ist, kurz gesagt, idiotisch 
doch andererseits auch recht hypnotisch. 
„Du kleiner Räuber mit viel Makel, 
bist du in etwa ein Orakel? 
Kannst du mir vielleicht Antwort geben 
auf quälend Fragen, die im Leben 
eines jeden Menschen beben? 
Weißt du, wo er ist, der Gral? 
Zurück kommt nur ein: „Schauenwirmal!“

„Ist da noch Hilf' für den Planeten, 
ich meine, abseits der Moneten? 
Kann der Mensch auch ohne Raffen 
freudig etwas Schönes schaffen? 
Kommt er mit Sinn für die Natur, 
die er blindlings überfuhr 
nicht doch zurück in eine Spur, 
die, weg von der Profitgierlinie 
allen Lebewesen diene?

Kann der Mensch sich überwinden, 
Ketten sprengen, die ihn binden? 
Kann er die Dunkle Macht besiegen 
und Dinge wieder gerade biegen? 
Kann er wahrhaft demokratisch, 
mehr dynamisch jetzt als statisch, 
ein kleines bisschen mehr sokratisch 
einen Dritten Weg einschlagen, 
das Alte in das Neue tragen?

„Wirkt hier noch der Liebe Kraft, 
die ohne Geld das Wunder schafft? 
Die aus jeder Seele singt, 
bis sie im großen Chor erklingt? 
Wird die Agape wieder fließen, 
wird die Filia Wunden schließen 
und darf ein Eros wieder schießen? 
Wird Justitia hier regieren
und Mäßigung die Wirtschaft zieren?

Wird das Land in neuen Zeiten 
mutig - einig vorwärts schreiten? 
Wird unser edles Parlament 
endlich mal intelligent? 
Finden wir zu neuem Glauben, 
wenn wir den alten mal entstauben 
und die Vernunft in ihn reinschrauben? 
Sittich, sags mir noch einmal!“ 
Er flog davon, sang: „Schauenwirmal!“