Kreta 2022

 

Kreta – du Schöne! Wild – majestätischer Fels voller Olivenbäume, gerahmt von schneeweißen Stränden und umspült von türkisfarbener See. Nach Oregano und Ziegen duftest du, Heimat der Minoer, Hort bezaubernder Mythen, Schauplatz bewegender Geschichten, Wiege der abendländischen Kultur. Wieder komme ich dich besuchen, oh du verlängerte Sonnenliege der Ägäis, eine tiefe Sehnsucht im Herzen und kühne Pläne im Sinn. Über dich will ich schreiten und auch durch dich hindurch, meine Haut dabei bräunen und beflügeln den Geist. Reich will ich werden an Erlebnissen und Impressionen. Einblick will ich nehmen in deine Geheimnisse und Rätsel und mir auf deinen verschlungenen Pfaden die Hacken wundlaufen. Wahrlich, Kreta – du hast viel zu geben an Menschen, die dich mit offenen Augen bereisen. Ich versuche, mich würdig zu zeigen deines Reichtums. Auch wenn ich dir selbst nicht mehr zu bieten habe, als diesen kleinen Lobgesang. 

Ein guter Start 


Kreta – ich komme wieder und ich habe noch eine Rechnung offen. Du erinnerst dich. Letzten Herbst war ich ein Stück deiner Küste entlang gewandert und war alsbald gehinkt. Das war nicht sehr schön, aber ich habe es mal als „ungünstiges Schicksal“ abgeheftet. Nun also will ich vollenden, was letztes Jahr in Plakias endete: die Südküste bis Matala zu schreiten und unterwegs noch knusprig braun und endlich weise zu werden. 


Als das Flugzeug abends auf dem International Airport „Ioannis Daskalogiannis“ nahe Chania aufsetzt, ist der diesjährige Plan in meinem Kopf bereits gereift. Zuerst E4 Westküste von Falasarna nach Paleochora, dann ein paar Tage Gavdos, dann wieder E4 nach Matala und schließlich die Insel einmal quer hinauf nach Iraklio durchschnitten. Das ist eine sportliche Strecke und so soll es ja auch sein. Grenzen austesten ist wichtig für die Selbsterkenntnis und wer sich nicht steigert, der fällt zurück. 

Man, ist das frisch hier auf Kreta. Ich wollte eigentlich in die Sonne fliegen und dem deutschen Mistwetter entfliehen. Mittlerweile hat der Wetterbericht sich aber um 180 Grad gedreht. Sowohl auf Kreta, wie in Deutschland. Dort sind jetzt 25 Grad für die nächsten Tage angesagt und hier 20! Verkehrte Welt aber mir bleibt nichts, als diesen Umstand zu akzeptieren und was langärmliges anzuziehen. 

Es ist bereits dunkel, als ich im Bus nach Kissamos sitze. Der ist fast leer, bis auf mich und das Pärchen vorne links. Er tippt auf seinem Smartphone, während sie sich immer wieder an seine Schulter anschmust. Bald werden sie wahrscheinlich in einem kuscheligen Bett so weitermachen, und ich mir an einem dunklen Strand der Nordküste ein Quartier suchen. Irgendwie habe ich mich noch nicht richtig eingewöhnt, und ich würde gern mit dem Typ tauschen. Erscheint mir gerade irgendwie behaglicher und ich verstehe nicht, wie man in seiner Situation auf dem Handy daddeln kann. Egal. Die Brücke hinter mir ist abgebrannt. Carsten Belletz ist die nächsten drei Wochen ohne Dach, Bett und Weib unterwegs. Er entflieht den lauschigen Annehmlichkeiten der Zivilisation und es wird ungemütlich. 

Wer Leute romantisiert oder heroisch verklärt, die sich freiwillig und mit einem lässigen Lächeln auf den Lippen ins Ungemütliche begeben, dem sei hiermit gesagt: Ein Gang ins Ungemütliche ist ganz schön ätzend und kostet Überwindung. Meiner Ansicht nach für jeden. Ich wappne mich mit einigen kämpferischen Sprüchen und bette mich in den kühlen Sand von Kissamos – Beach. „No pain – no gain!“ 
Es ist arschkalt! Richtig kalt! Also, zumindest für kretische Verhältnisse. Etwa 10 Grad Außentemperatur ist für Kreta Anfang Mai absolut unterdurchschnittlich und mein Schlafsack ist viel zu dünn. Es ist weniger die Temperatur an sich, als mehr der steife Küstenwind, der die Kälte durch die Nähte meines Schlafsackes drückt. Ich ziehe mir zwei extra Schichten Klamotten an und friere trotzdem, werde die Nacht gefühlte 20mal wach. Effektive Schlafzeit – 3 Stunden. Guter Start.
Kann nur besser werden, denke ich mir und laufe am nächsten Tag bei herrlichstem Wanderwetter Richtung Falasarna los. Die Sonne scheint mild vom Himmel, die grünenden Hügel der Nordküste grüßen in frühlingshafter Frische und dazu zwitschern die Vögel aus unzähligen Kehlen. 

Einstiegswanderung – 12 km. Easy! Na gut – die ersten 2 Kilometer stadtauswärts sind richtig Mist, da es hier nur einen Weg gibt – den über eine stark befahrene Hauptstraße, vorbei am Hafen von Kissamos. Hier rollen außergewöhnlich viele Lkws und die erste breitgematschte Katze dieser Saison grüßt mahnend von der Mitte der Fahrbahn. Kreta hat nämlich nicht nur eine wundervolle, lebendige Natur zu bieten, sondern daneben auch jede Menge totgefahrener Natur. Igel, Hunde, Katzen und andere Tiere, die man nicht mehr identifizieren kann, prägen das Bild, das sich dem Kretawanderer erschließt, wenn er den Blick von den Wolken direkt vor seine Füße schweifen lässt. Ich denke über die widersprüchlichen Zusammenhänge von Leben und Tod nach und laufe ganz rechts jenseits des schmalen Seitenstreifens. 
Bis Falasarna ist es wirklich nicht weit und nach den ersten etwas stressigen Kilometern angenehm ruhig und friedlich. Ich muss durch eine kleine Ebene, gespickt mit Gehöften und kleinen Pensionen, dann über eine Hügelkette mit einigen Dörfern und schon bin ich am Traumstrand.

Eine Stute wird von einem Bauern direkt an mir vorbei auf den Hof geführt und wird dort von einem ziemlich wilden Hengst freudig begrüßt. Er wiehert feurig und fährt innerhalb von drei Sekunden sein gewaltiges Genital aus. Schnell verschwindet der Bauer mit dem Objekt der Begierde hinter dem Stall und der Verehrer lässt traurig den Kopf hängen, fährt den Schweif zurück und beginnt, Gras zu kauen. Mir als Stadtmensch ist solcherart ländliche Frivolität neu und gestaltet sich als einschneidendes Erlebnis. So einschneidend, dass ich noch Wochen nach dem Vorfall die Bilder deutlich vor Augen habe. Der arme Hengst! Wie grausam sich doch die Zivilisation gegenüber der lieblichen Natur zuweilen zu zeigen scheint. 

Ich gehe weiter. Vorbei an der archäologischen Fundstätte von Trachilos, wo man 5 Millionen Jahre alte Fußabdrücke von Urmenschen gefunden hat. Die ältesten der Welt! Aber so richtig kann ich selbst gar nichts erkennen. Ich zolle dem scharfen Auge des Finders stillen Respekt und trolle mich über die Hügel durch einige beschauliche, verschlafene Dörfchen und duftende Olivenhaine nach Falasarna. 

Der Strand ist Anfang Mai nahezu menschenleer. Das bedeutet eine gratis – Sonnenliege für den Wanderer und einen sehr ruhigen, entspannten Nachmittag. Weniger entspannt ist die Nacht. Nicht nur, dass es ähnlich kalt ist und auch 5 Lagen Kleidung irgendwie wenig bringen. Was meine Situation wirklich mies macht, ist ein Sonnenstich! Oja – man kann sich bei etwa 20 Grad auf Kreta einen Sonnenstich besorgen, wenn man nur genug deutschen Winter und keine Kopfbedeckung mit sich trägt. Diese Nacht ist übel und der Morgen entsprechend düster. Schlafentzogen und hirnverbrannt schleppe mich ächzend und betend nach Kissamos zurück und überlege mir dabei meine letzten Worte, die ich in den Straßenstaub schreiben werde, sollte ich nun das Zeitliche segnen: „Hier liegt Carsten Belletz, von mächtigen Naturgewalten hinweggefegt.“ 

(Rechts: Strand von Falasarna)

Ich erreiche Kissamos am frühen Nachmittag und überdenke meinen Plan. Der Sonnenstich wird heilen, aber mein Schlafsack wird immer noch zu dünn sein und irgendwie gefällt mir diese Aussicht nicht. Nur gut, dass ich in dieser Stadt einen Souvenirladen finde, der glücklicherweise genau einen Schlafsack zu verkaufen hat. Das ist zwar auch ein Billigteil aber immerhin etwas wärmer als meiner. Ich rüste um und steige alsdann in den Bus nach Paleochora. Ich will nach Gavdos und mich erst einmal erholen von meiner Ankunft. Westküstenwanderung ist auf nächstes Mal verschoben. 


Nachdem ich am Strand von Paleochora meine erste halbwegs geruhsame Nacht hatte, sitze ich am nächsten Morgen an Bord der Fähre „Ioannis Daskalogiannis“. Ich bin fast der einzige Passagier und auch die Insel ist zu dieser Zeit nahezu menschenleer. Nur eine Handvoll Camper wohnt am Strand von Agios Ioannis. Das ist herrlich. Allein inmitten urwüchsiger, unberührter Natur, bestens versorgt vom Minimarkt gleich nebenan. Drei Nächte bleibe ich hier, laufe tagsüber auf den Inselpfaden herum, und das macht mir Lust nach mehr und längeren Pfaden. Die Zeit vergeht wie im Flug. Wieder sitze ich auf der Daskalogiannis, diesmal mit Kurs auf Agia Roumeli und ich scharre mit der Hufe. Jetzt geht’s los. An Tag 5 meiner Kretareise. Jetzt geht’s los. Ich bin warm! 

Blick von Falasarna Richtung Kissamos.

Schwierige Entscheidung in Paleochora. 

Gavdos - immer einen Besuch wert.

 Die Samariaschlucht 


Agia Roumeli ist ja so ein reiner Touristenort. Eigentlich besteht er nur aus Tavernen, Pensionen und Minimärkten mit gepfefferten Preisen und hat im Grunde nur eine einzige Attraktion, aber die hat es wirklich in sich: die Samariaschlucht! Tag für Tag wälzen sich hier in der Saison die Touristenströme talabwärts, werden in Agia Roumeli verköstigt und alsdann von der Fähre abtransportiert. Aber die Schlucht hat nicht nur Touristen in sich, sondern auch fantastische Natur und frisches Quellwasser, mit dem ein guter Teil Kretas versorgt wird. Ich will sie von unten angreifen, sozusagen gegen den Strom, oben anschlagen und dann wieder zurück, eben dann mit dem Strom oder vielleicht auch am Strom vorbei. Je nachdem, wie schnell ich bin bzw. der Strom. 

Auf dem kleinen Zeltplatz von Agia Roumeli begegnet mir Simon. Der ist aus Tirol und mit dem Fahrrad unterwegs. Als Bergmensch kommt er aber keineswegs drum herum, morgen auch da hoch zu kraxeln. Wir beschließen, das gemeinsam zu tun doch daraus wird nichts, denn Simons Smartphone ist weg! Ich habe mal gelesen, dass der Verlust des Smartphones für den durchschnittlichen Mitteleuropäer so in etwa einer Nahtoderfahrung gleichkommt. So schlimm ist es bei Simon wohl nicht, dennoch hat die Suchaktion bei ihm Priorität und ich gehe frühs alleine los. 
Die Samariaschlucht ist mit 16 Kilometer angeblich die längste Schlucht Europas und für gewöhnlich wird sie von den bis zu 3000 Besuchern täglich von oben nach unten durchschritten. Von einem „Marathonmarsch“ ist in Reiseführern die Rede und einem „Wettlauf gegen die Uhr“, will man das letzte Schiff in Agia Roumeli noch erreichen. Von 1200 Metern Höhe geht es in einer „etwa 6 stündigen Wanderung“ entlang eines kristallklaren Baches über einen wilden Schlängelpfad um massige Felsbrocken herum durch beeindruckende Natur. 

Die Samariaschlucht an einem Tag hoch und runter mit 13kg Gepäck sollte kein Problem sein. Mit Imbros war ich ja auch am späten Vormittag schon fertig. Verlaufen kann man sich in Schluchten ja kaum und da erscheint mir das Pensum unter dem Motto „Volle Kraft voraus, bis die Socke qualmt“ durchaus machbar. 

Agia Roumeli. Auf dem Hügel darüber liegt eine venezianische Festung. Rechts davon ein kleiner Zeltplatz.

Blick von der venezianischen Festung oberhalb von Agia Roumeli. Der Aufstieg ist nicht ganz ungefährlich.

Blick von der venezianischen Festung in die Samariaschlucht. 

Nach etwa 2 km endet die einführende Pflasterstrasse in einem kleinen Ort mit einem Gedenkstein, der einmal mehr darauf aufmerksam gemacht, dass die eigenen Vorfahren wohl Arschlöcher gewesen seien. Das machen die Kreter gerne und wahrscheinlich haben sie damit recht. In mir poppt die Idee auf, solcherart Monumente einmal einzusammeln und gebündelt in Berlin auszustellen, so ein bisschen, wie das ja auch im Pergamonmuseum mit Kulturgütern aus aller Welt gemacht wurde. Name des Museums: „Mahnmale der Schande“ und am besten baut man es direkt vor das AfD – Büro. 

Egal. Wer will sich von dunklen Episoden der Geschichte schon den Tag verderben lassen. Die Natur ruft. Ich zahle am Pförtnerhäuschen die 5€ Eintritt und begebe mich in die Schlucht. Es ist nun etwa 08:30 Uhr und ich bin hier ganz allein. Stille. Nur das Plätschern des Baches und ein sanfter Wind, der durch die Felsspalten pfeift. Hin und wieder überquere ich das Wasser über einen Holzsteg oder ein paar gezielt platzierte Steine. Ansonsten verläuft der erste Teil der Wanderung absolut gemütlich. Die ersten Menschen, die mir entgegenkommen, sind zwei Jogger, die schon sehr früh oben aufgebrochen sein müssen, denn ich befinde mich noch im unteren Teil. Ob sie danach auch wieder nach oben rennen? Ich weiß es nicht, finde aber meinen Ansatz günstiger. Irgendwann am späten Vormittag kommen dann die ersten Touristenpulks auf mich zu und ich fange gar nicht erst an, die „Hello's“ und „Hi's“ zu zählen, die ich im Laufe meiner Wanderung von mir geben werde. Ab und an vernehme ich von den mir entgegenkommenden auch ein „Brave!“, ein „Wrong way!“ (Was ich bezweifle) oder ein „Impressive!“, was mir (noch) nicht einleuchten will. Im Moment ist das alles voll entspannt. Es geht halt leicht bergauf durch wunderschöne Natur, aber das wird sich bald ändern. Es wird steil. Richtig steil und zwar auch richtig lange! Endlose Serpentinen schlängeln sich die Felswände hinauf und ich verliere zunehmend den Blick für meine Umgebung, denn ich bin nun ausschließlich mit Vorwärtskommen beschäftigt. Nur nebenbei bemerke ich, dass an den Felswänden neben mir noch Schneefetzen kleben (gestern war ich noch baden!). 

In meinem Rucksack befinden sich 3 Liter Wasser und an meinem Gürtel ein weiterer. Das drückt schon ein bisschen aber bislang konnte ich mich durch trinken nicht erleichtern. Weil in einer Schlucht mit klarem Quellwasser, die als Touristenattraktion dient, selbstverständlich alle paar hundert Meter eine Trinkstelle eingerichtet ist. Aber wer hätte da schon von alleine drauf kommen können? Egal! Entweder bin ich zu faul oder zu geizig, mein Wasser weg zu schütten (eine Flasche kostet in Agia Roumeli schließlich unverschämte 80 Cent) und ich schleppe meinen Proviant bis ganz nach oben. 

Über Steine und wilde Fluten.

Da rechts geht der Weg lang.

Immer geradeaus. Verlaufen nicht möglich.

 Die letzten Kilometer ziehen sich ewig und scheinbar immer länger, je näher ich der Ziellinie komme. Es ist anstrengend! Ich bin mir nicht sicher, ob diese Wegmarkierungen mit Kilometerangabe vorteilhaft oder doch eher demotivierend sind. „Nur“ noch 3 Kilometer wirken in meinem Fall aber gerade irgendwie zynisch. 

Etwa 13:00 Uhr habe ich es endlich geschafft. Es ist schon ein bisschen kühl hier oben aber ich habe meine Klamotten ja alle dabei. Ich setze mich an einen Picknicktisch und mache mir eine Büchse Thunfisch auf. Kaum habe ich aber mit meinem Mahl begonnen, da kommt tatsächlich noch jemand die Schlucht hoch. Es ist Simon. Er hat sein Handy gefunden und mich noch fast eingeholt. Da bleibt mir nur Respekt und die Mahnung an mich selbst, dass ich nicht soviel trödeln sollte. Aber er ist ja auch ein Bergmensch und ziemlich fit. Wir beschließen, nach dem Essen gemeinsam zu Tale zu stürzen. Simon macht dabei noch eine terminliche Herausforderung daraus. 17:30 Uhr geht das letzte Boot und er will vorher noch duschen und sein Zelt abbauen. Also 16:30 Uhr unten sein. Das bedeutet rennen. Cool! 

Die nächsten drei Stunden vergehen wie ein Rausch. Ich mag das und Simon auch. Wir springen von Stein zu Stein, so ein bisschen wie ein Bergziegenduett, ins Tal. Das klappt wunderbar und unterwegs zählen wir die Flussüberquerungen, die wir dabei machen. Es sind insgesamt etwa 45 (Angabe ohne Gewähr; es könnte sein, dass man im Bergziegenmodus ein bisschen neben der Realität herrennt). 

16:30 Uhr haben wir tatsächlich Agia Roumeli erreicht, mit pochendem Fuß und stolzgeschwellter Brust. 32 Kilometer, 1200 Höhenmeter, 8,5 Stunden. Simon packt sein Zeug und ich mache mir eine Flasche Retsina auf. Ich schlafe sehr gut diese Nacht und kann hier sogar noch richtig komfortabel duschen. Der kleine, kostenfreie Zeltplatz hier hat nämlich ein kleines, kostenfreies Häuschen mit Dusche und WC für Damen und Herren getrennt, das auch noch täglich gesäubert und mit frischem Klopapier bestückt wird. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand einmalig auf Kreta! 



Es wird steiler, aber auch trockener und schattiger.

Zu Fuß vom Strand ins Hochgebirge in 5 Stunden.

Simon - ein Südtiroler Badass. 

Von Agia Roumeli nach Matala 

Die Sonne geht auf und ich gehe los, bin nun so richtig in Gewaltmarschlaune. Letztes Jahr war ich von hier nach Loutro gelaufen, so als Entspannungsetappe. Es dürfte dieses Jahr kein Problem sein, ein Stück weiter zu kommen, bis nach Hora Sfakion. Das sind geschätzte 25 Kilometer der Küste entlang, nicht allzu schwieriges Gelände. Nur die Sonne drückt heute recht heiß vom Himmel herab und den größten Teil des Weges geht man ohne irgendeine Möglichkeit auf Schatten. Gegen Mittag bin ich schon in Loutro, diesem kleinen, weißen Touristennest, in welchem man nichts anderes tun kann, als in einer Taverne zu sitzen und aufs Meer zu schauen oder halt in eine der vielen mit edlen Speisen gefüllten Glasvitrinen. Ich gehe lieber schnell weiter. Aufs Meer schauen kann ich auch woanders und dieses teure Essen wird von mir eh nur viel zu schnell verdaut. 

Der Pfad von Loutro nach Hora Sfakion ist so ziemlich das einfachste Stück auf dem E4 in dieser Gegend. Eigentlich finde ich ihn ein bisschen langweilig. An den etwas schwierigeren Stellen sind hier sogar Drahtseile angebracht, an denen man sich entlanghangeln kann. Mich irritiert das allerdings eher, als dass es mir hilft. So ein Drahtseil lenkt irgendwie vom Weg ab und wirklich brauchen tut man es nicht. Man denkt einfach nur unnötig nach „Soll ich es jetzt benutzen, oder nicht?“ und das kostet Aufmerksamkeit. Außerdem kommt man sich bei Benutzung leicht unfähig vor. Da lobe ich mir doch die Stellen ohne Seil, die, bei denen ich wirklich knobeln muss und die Kartenzeichner dabei heimlich verfluchen darf, so etwas hier als „Wanderpfad“ ausgewiesen zu haben. 

Agia Roumeli nach Hora Sfakion ist aber bis auf einige, wenige Stellen unproblematisch. Nur die letzten 3 Kilometer legt man auf einer sauberen Asphaltstraße zurück, was dem ganzen Ritt etwas den Reiz nimmt. Aber ich sehe es mal als Einstimmung auf die nächste Etappe. Denn diese wird aus etwa 40 Kilometer Asphalt bestehen – bis nach Plakias. (Anm. Eine nachfolgende Recherche auf Googlemaps ergab, dass es da noch einen Küstenpfad geben soll. Dieser war dem Autor zum Zeitpunkt der Wanderung aufgrund seiner technischen Rückständigkeit allerdings nicht bekannt.) 

Blick zurück Richtung Agia Roumeli. Im Frühjahr blühen hier Pflanzen mitten auf dem Pfad.

Die Daskalogiannis läuft in Loutro ein.

Immer der Wand lang - der Pfad nach Hora Sfakion.

Laufen auf Asphalt kann auf Kreta auch etwas sehr Schönes haben, sofern man nicht gerade eine Hauptverkehrsstraße erwischt. Und die gibt es im Süden überaus selten. Hin und wieder überholt mich ein Mietwagen (diese kann man leicht daran identifizieren, dass sie zu 90% weiß, relativ klein, relativ neu und relativ frisch geputzt sind) und zuweilen ein einheimischer Pick-Up Truck (diese kann man wiederum daran erkennen, dass sie relativ alt, rostig und zerbeult sind, auf der Pritsche einen Hund und eine Überladung Baumaterial oder Ernteerzeugnis mit sich führen und rasen, als gäbe es kein Morgen). Insgesamt ist der Autoverkehr hier aber wirklich erträglich und vorankommen tut man auf der glatten Piste ausgezeichnet, sodass mir viel Zeit bleibt, die schöne, hügelige, im Frühjahr ganz unverbrannte Landschaft zu bewundern. Einzig die Tatsache, dass Asphalt Sonnenwärme stärker reflektiert, als Erdboden, macht mir im weiteren Tagesverlauf ein wenig zu schaffen. Ich werde gewissermaßen von oben und von unten gleichermaßen geröstet, was den Schweiß fließen und den Wasserkonsum steigen lässt. Mein Weg führt vorbei an der Ebene um Frangokastello (diesem venezianischen Fort mit den nebulösen Spukgestalten) und schlängelt sich sanft und beständig über einige kleine Dörfer Richtung Osten. Zur Linken die Weißen Berge, deren Gipfel immer noch schneebedeckt sind. Zur Rechten das heranbrandende Lybische Meer mit noch nicht ganz Badewannentemperatur. Eine zermatschte Schlange liegt dort auf dem Asphalt und ich denke: Pick-Up Truck. Ansonsten passiert nichts. Gar nichts. Stille. Nur mein ebenmäßige Schritt und das sanfte Plätschern des Wassers in der Feldflasche am Gürtel. Laufmeditation. Trance. Die Zeit wird zu etwas Fließendem, Relativem, zu etwas, das man vergisst, in das man eintaucht und darin zu schwimmen beginnt. Man wird gewissermaßen eins mit ihr und mit dem Weg, der unter den Füßen willig dahingleitet. So ein bisschen wie auf einem automatischen Laufband mit einem Landschaftspanorama, das in Zeitlupe an einem vorbeifliegt. 

Dann ist es schlagartig vorbei mit der Idylle. Eine Biene verfängt sich in meinem Bart. Sie kam rechts aus dem Gebüsch geschossen, in sanfter Kurve und mit Höchstgeschwindigkeit. Meine Wenigkeit hatte sie auf ihrem Kurs scheinbar nicht mit einberechnet. Jetzt summt und zappelt sie im haarigen Fangnetz. Bart meldet an Hirn: „Eindringling!“. Hirn meldet an Herz: „Alarm! Kampfbereitschaft! Pumpen!“ Es pocht mir bis zum Hals und adrenalingeschwängertes Blut rauscht durch meine Adern. Die Nackenhaare stellen sich auf, Pupillen erweitern sich und meine linke Schnauzbartspitze beginnt, gefährlich zu beben. Gerade, als meine Handfläche zum Befreiungsschlag ausholen will, löst sich der Gast aus der Verhedderung und fliegt davon, so als wäre gaar nichts gewesen. Mir fallen kurz die Begriffe „Verkehrsrowdie“ und „Unfallflucht“ ein und überlege, dass dieses Verhalten auf Kreta wohl eher die Regel denn die Ausnahme ist. Ich denke an die vielen zermatschten Tiere auf der Fahrbahn, an die zahlreichen Minikirchen daneben, die einen hier stattgefundenen Unfall markieren und komme just einmal mehr an einem zerschossenen Verkehrsschild vorbei. Ich weiß nicht so genau, warum die Kreter aus fahrenden Autos auf Verkehrszeichen schießen. Als deutliches Signal an die Autoritäten, dass man hier macht, was man will (die Kreter sind ja berüchtigt für ihren beachtlichen Stolz und ihren unbeugsamen Freiheitswillen), als Zielübungen, weil es gerade mal wieder an Jagdwild oder unterdrückenden Besatzern mangelt oder vielleicht auch einfach, weil es ihnen halt Spaß macht. Mitunter findet man ja auch eine zerschossene Mülltonne. Abseits der Bettenburgen und Schlemmermeilen ist Kreta durchaus rau und gefährlich. Die Biene hat mir das einmal mehr sehr deutlich gemacht. 

Ich erreiche Plakias am frühen Abend und falle erschöpft in den Sand dieses herrlichen Strandes. Selbstverständlich nicht, ohne mir vorher Futter und einen Wein besorgt zu haben. So lümmelt es sich einfach angenehmer in die Abenddämmerung, die gerade hereinzubrechen beginnt. Wie ich da also so herum lümmele und den Tag Revue passieren lasse, sehe ich mich unvermittelt und plötzlich von vier Bewaffneten umstellt. Die hatten sich geschickt und leise an mich herangeschlichen. Die Schießeisen griffbereit, die Mienen ernst und auf ihren dunklen Westen leuchtet die Aufschrift: „Police“. „Scheiße – jetzt werde ich wegen Landstreicherei verhaftet!“ fährt mir ein Gedanke durch den Kopf und vertreibt den Alkohol, der dort gerade angenehm zu wirken begann. Ich springe auf und versuche, möglichst diplomatisch zu erscheinen. Der Bandenchef richtet in brüchigem Englisch das Wort an mich und nach einem etwas längeren Dialog finde ich heraus, dass sie „illegal“ suchen und ich verdächtig sei, weil ich hier alleine sitze. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit illegale Einwanderer oder Substanzen meint, aber die Tatsache, dass ich hier eben alleine sitze reicht offenbar für eine Kontrolle. Mein Privileg der Geburt kann ich durch Vorzeigen meines Ausweises und Darlegung meiner Verhaltensabsichten auf ihrer Insel irgendwann entkräften. Währenddessen macht sich sein Kollege an meinem Rucksack zu schaffen, aber er bekommt die Riemen nicht auf und ich muss ihm helfen. Meine Kooperation scheint ihn zu überzeugen und er lässt recht schnell von meinem Gepäck ab. Vielleicht hatte er aber auch nach Sichtung meiner getragenen Socken keine Lust mehr, tiefer zu graben. Wir gehen in Frieden und Freundschaft auseinander und jeder widmet sich wieder seinen Geschäften. Ein bisschen nachdenklich bin ich nun aber schon. Ich blicke nach Süden. Jenseits des Meeres gibt es so viele Menschen, die es nicht so gut haben, wie ich. Und manch einer wird dann eben „illegal“. 

Die Weißen Berge auf Höhe von Frangokastello.

Verkehrsschild nahe Frangokastello.

Gruppenfoto - Alle mal "Mäh!" sagen!

Es ist Schontag. Nach drei grenzwertigen Märschen habe ich heute beschlossen, nur bis zum Kloster Preveli zu laufen und am Nachmittag an dessen Palmenstrand herumzuliegen und meine Hose zu waschen, die langsam auch ohne mich zu stehen beginnt. Von Plakias nach Preveli kommt man leider nicht umhin, etwa 5 Kilometer Hauptstraße zu laufen, was schon ein bisschen ätzend, aber in etwa 90 Minuten auch schon bewältigt ist. Dann geht es nach rechts bergauf durch einige verschlafene Nester über einen Bergsattel, auf dessen Rückseite das berühmteste Kloster Kretas liegt. 

Über viele Jahrhunderte waren die Klöster hier ja nicht nur die spirituellen Zentren, sondern zugleich auch wichtige Orte des Widerstandes (Kreta war bis ins 20. Jahrhundert hinein ja fast pausenlos von Fremdmächten besetzt). Die Mönche boten den Freiheitskämpfern Unterschlupf und versorgten sie mit Proviant, Waffen und den neuesten Nachrichten. Aufgrund dessen wurde Preveli im Laufe seiner Geschichte von den Osmanen mehrere Male niedergebrannt. Heute leben noch zwei Mönche hier und für 3€ Eintritt kann man in einem Museum Reliquien besichtigen, ein paar priesterliche Waffen und einen über und über mit goldenen Ikonen aus 4 Jahrhunderten ausgestatteten Altarraum. Der Besuch ist allemal lohnenswert, die Anreise zu Fuß aber nicht ganz einfach. 

Auch nicht ganz einfach aber deutlich stärker frequentiert ist der weitere Weg hinab zum Palmenstrand. Bis Mitte der 90er Jahre war dieser noch Freecampingspot umherreisender Hippies, die sich hier Hütten bauten und versuchten, ein zweites Matala zu errichten. Die Hippies sind mittlerweile verschwunden und haben den Touristenströmen Platz gemacht, die ihre Mietwagen auf einen eigens errichteten, kostenpflichtigen Parkplatz abstellen und sich dann die uralten Steinstufen zum Strand hinabwälzen, um sich dort ungestört und mit leichtem Karibikflair in der Sonne brutzeln zu lassen. Aus dem Inland fließt hier ein Fluss mit kristallklarem Wasser ins Meer, an dessen Ufern ein dichter Palmenwald wächst, der dem Spaziergänger hier einen vorzüglichen Schatten spendet. 

Ich wasche meine Hose im Fluss und erspähe dabei den einzigen noch verbliebenen Hippie: Wassili, einen etwa 60 jährigen Schmuckhändler, der unter einer Palme seine Waren feilbietet. Alles selbstgemacht – Aquamarin, Türkis und andere bunte Steine, deren Namen ich nicht kenne, eingefasst in sauber geschliffenes und poliertes Olivenholz an einer Schnur zum Umhängen. Furchtbar sympathischer Typ. Im Winter, so erklärt er mir, arbeitet der als Olivenernter, in den warmen Monaten zieht er von Strand zu Strand und verkauft seine liebevoll gestalteten Werke. „No boss, no boss!“ fügt er an und lacht. Ich kann ihn gut verstehen, kaufe ihm ein schönes Stück ab, verabschiede mich herzlich und lege mich an den deutlich weniger besuchten Nachbarstrand. Am Abend treffe ich ihn dort noch einmal und er erkundigt sich nach meinen weiteren Plänen. Er bringt mir ehrliches Interesse entgegen und will nicht meinen Ausweis sehen. Toller Mensch. Ich bedanke mich bei ihm, dass er auf diesem Planeten weilt und wünsche mir mehr von seiner Sorte. 



Auf dem Berg - das Kloster Preveli.

Vor dem Berg - der Strand von Preveli mit...

...jeder Menge Palmen.

Exkurs – Überleben im Freien

Was bringt einen Menschen dazu, nur mit dem Allernötigsten ausgestattet durch die Pampa zu ziehen und wie überlebt er dort? Fragen sie zu dieser Thematik bitte Reinhold Messner oder einen anderen Survivalexperten ihrer Wahl. Der Autor ist blutiger Laie mit viel zu viel (schlechter) Ausrüstung, der sich immer irgendwo in der Nähe der Zivilisation aufhält, um in Supermärkten zu jagen oder aufs Klo zu gehen. 

Im Freien schlafen hat etwas tolles und auf Kreta kann man es an 6 von 12 Monaten nahezu problemlos tun. Wichtig sind allerdings ein einigermaßen vernünftiger Schlafsack und eine Isomatte (Danke, Meike!). Ein Zelt braucht man hier nicht zwangsläufig und das wäre mir auch viel zu schwer. Und täglich auf und abbauen ist ja auch irgendwie ganz schön umständlich. Wenn es regnet, dann findet man zur Not auch ein Dach, aber das ist ab Mai sehr selten. 

Vornehmlich an der Südküste bieten die Strände auch genug Kapazitäten zum schlafen. Nicht jeder Meter ist Privatstrand und mit Sonnenliegen bestückt, wie das in weiten Teilen der Nordküste der Fall ist. Als Strandschläfer wird man zumindest vorübergehend geduldet und es ist wohl eher die Frage, inwieweit man selbst den Lärm aus einer angrenzenden Taverne und vorbeispazierende Leute zu ertragen bereit ist. Vertrieben wurde ich bislang nie und mittlerweile habe ich sicher 100 Übernachtungen hier auf dem Buckel. Ausgeraubt oder bestohlen wird man zumindest abseits der großen Städte ganz sicher auch nicht. Schlafen unter dem großen Himmelszelt ist ledigllich etwas unkomfortabel, hat dafür aber etwas befreiendes, schönes, Horizont erweiterndes. Man lernt die Welt und auch sich selbst besser kennen oder vielleicht ja auch ganz neu. Und nicht zuletzt hat es auch noch einen weiteren ganz gewaltigen Vorteil: Man kann sich frühs Kaffee machen ohne aufstehen zu müssen! 

Nach meinem Schontag will ich nun wieder die Hufe etwas kräftiger schwingen. Nächstes Ziel: das viel gepriesene Agia Galini. Wieder mal eine sportliche Strecke von etwa 35 Kilometer, aber da bin ich nach den vorangegangenen Tagen optimistisch. Mein Plan ist, morgen Abend in Matala zu sein, dem ehemaligen Hippiemekka mit den gemütlichen Felsenhöhlen. 

Der Himmel ist an diesem Morgen mit dicken Wolken verhangen, nur schüchtern blinzelt die Sonne zwischen ihnen hervor und an den Hügeln und Bergen zu meiner Linken ziehen dichte Nebelschwaden entlang. Ein bisschen wildromantisch sieht das schon aus. Ich habe mich entschieden, nicht den Weg entlang des langen, einsamen Sandstrandes von Lignes zu nehmen, sondern den Bogen landeinwärts über viele, kleine, einsame Asphaltsträßchen. Ich will vorankommen und da scheint mir Option 2 einfacher. Sand ist schließlich der mieseste Wanderboden. Der Nachteil von vielen kleinen Asphaltsträßchen aber ist, dass sie sich ständig verzweigen, in Sackgassen münden oder in Feldwegen auslaufen, die wiederum zu Pfaden werden und dann erst zu Sackgassen. Wer meint, er könne auf Kreta einfach nach Karte laufen und damit nicht viel falsch machen, der irrt. Mögliche, nicht eingezeichnete Hindernisse sind: nicht beschilderte Abzweigung, Ziegengitter, das sich überwinden lässt, Ziegengitter, das sich nicht überwinden lässt, Ziegengitter, das sich überwinden lässt, aber einen Wachhund dahinter hat, große Schutthalde, fließendes Gewässer (Schmelzwasser), Dornenhecke, Felswand, Abgrund. In diesem Fall ist es ein Wirrwarr aus vielen kleinen Sträßchen, die sich hier wild um die Hügel winden und unzählige Gelegenheiten bieten, sich zu verzetteln. Irgendwann finde ich mich auf einem Feldweg etwa 2 Kilometer nördlich der beabsichtigten Route wieder. „Oh – da unten verläuft ja mein eigentliches Sträßchen.“ wird mir von ziemlich weiter oben schlagartig klar. „Feldweg weiter folgen, den man genau bis dort zum nächsten Hügelchen einsehen kann oder querfeldein über Geröllhalden und Dornenbüsche zum Sträßchen? Ah – da vorne ist ein Häuschen mitten in der Pampa. Das bedeutet, mein Feldweg wird zumindest nicht zur Sackgasse, weil er an der jetzigen Stelle nämlich viel zu schlecht für ein Auto ist.“ Solche und ähnlich logisch meisterhaft herbeigeleiteten Folgerungen benutze ich, um mich zu orientieren. Ich behalte Recht. Mein Feldweg wird breiter und führt auch irgendwann wieder Richtung Sträßchen. Da beginnt es im linken Schienbein zu zwicken! Das kenne ich vom vorigen Jahr. Och nö – blöde Sehnenscheide! Mach mir jetzt bloß keinen Ärger! Ich setze mich auf einen Stein und mache ein Frustfrühstück. Dann öffne ich meinen Schuh und humpele ganz vorsichtig nach Agios Pavlos. Zweiter Schontag hintereinander. 

Agios Pavlos ist im Wesentlichen ein kleiner Strand mit einem Hotel und einigen Tavernen sowie einem Minimarkt, in dem es viel zu wenig Dinge für viel zu hohe Preise gibt. Nicht sonderlich attraktiv für einen längeren Aufenthalt und ich bete, dass ich morgen weiter kann. Was macht man an einem kleinen Strand an einem Nachmittag, an dem man eigentlich weiter will? Man könnte ein Buch lesen, wenn man eins hätte. Man könnte sich betrinken, wenn das nicht doof wäre. Man könnte sich in Meditation üben, wenn das nach einer gewissen Zeit nicht so schrecklich langweilig werden würde. Ich entscheide mich dennoch für letzteres und mache das in liegender Haltung. Soll ja auch ganz gut für die Körperstellen sein, an die sonst kein Sonnenlicht kommt. 

Eine myysteriöse Kreatur tippelt mir zwischen Preveli und Agios Pavlos unvermittelt über den Weg. Auf einer Küstenstraße in etwa 100 Meter Höhe.

Als sie meiner gewahr wird, stellt sie sich erst tot, bäumt sich dann jedoch auf und...

...vertreibt mich schließlich mit einer furchteinflößenden Drohgebärde ihrer messerscharfen Scheren. Eingeschüchtert gehe ich weiter.

Eine Bande Ameisen stiehlt mir einen Kekskrümel am Strand von Agios Pavlos. Nach drei Stunden sind sie mit ihm im Gebüsch verschwunden.

Dem Himmel sei Dank sind meine Schmerzen im Bein am nächsten Tag verschwunden und ich kann weiter. Eine verbindende Küstenstraße nach Agia Galini ist in den letzten Jahren fertiggestellt worden und die ist absolut eindeutig. Ich komme gut voran und kann noch vor dem Mittag in Agia Galini sein. Dennoch bin ich vorsichtig und versuche, das linke Bein möglichst zu entlasten. Da beginnt es, im rechten zu zwicken! Och nö! Wie kann mir das bitte nach zwei Schontagen passieren und wie in Herrgottsnamen soll ich beide Beine gleichzeitig beim Laufen entlasten. Ganz vorsichtig mal wieder, diesmal mit beiden Schuhen geöffnet, schleiche ich nun nach Agia Galini, das ich mit etwas Verzögerung am frühen Nachmittag erreiche. 

Der Küstenort ist wirklich nett, nicht umsonst Ausflugsziel vieler Tausend Touristen jährlich. Dicht gestaffelt erheben sich seine weiß gekalkten Häuser über eine ansehnliche, leicht geschwungene Bucht. Massenhaft Tavernen und Souvenirshops laden hier zu Konsum und Bummel ein, sofern einem danach ist. 

Gleich oberhalb des Hafenbeckens direkt neben Daidalos und Ikarus verläuft eine kleine Steingalerie mit Tischen und Bänken. Sozusagen ein kostenfreier Logenplatz mit schönem Blick auf die ganze Szenerie. Niemand ist hier. Nur ich und eine große frisch gemachte Schüssel mit Salat. Sollte ich die nächsten Tage hier bleiben müssen, wäre dies ein ausgezeichneter Ort zum Schreiben. Doch wundersamerweise verschwindet gegen Ende meiner Mahlzeit das Fußaua und ich beschließe weiterzulaufen. Entlang seiner glamourösen Promenade verlasse ich Agia Galini Richtung Timbaki. Die verbindende Küstenstraße hier ist noch im Bau und ein großer Bagger hat sich als Absperrung quer gestellt. Aber natürlich kann man da als Fußgänger vorbei schlüpfen. Das Herz hebt sich und leicht ist mein Schritt. Küstenstraße im Bau ist der ideale Bodenbelag zum Vorankommen. Schön ebenmäßig festgewalzte Erde, absolut kein Verkehr. „Matala, ich komme!“ denke ich mir und dann stehe ich vor einem Abgrund. Ein etwa 3 Meter breiter Bruch trennt mich von dem Stück Küstenstraße, das von der anderen Richtung vorangetrieben wird. Nächste Woche ist es bestimmt fertig. Aber solange kann ich nicht warten. Zurücklaufen fällt aber aus. Auf der Karte ist nämlich ein durchgängiger Wanderweg entlang der Küste eingezeichnet. Ich klettere zum Strand hinunter und habe Glück. Ist zwar etwas mühsamer über den Kies, aber nach etwa 2 Stunden erreiche ich Timbaki. Das ist ganz anders als Agia Galini. Im Grunde das genaue Gegenteil – ein Landwirtschaftszentrum ohne jede beschönigende Fassade. Ich kaufe mir eine Melone und gehe entlang der Haupstrasse Richtung Osten. Dichter Verkehr wälzt sich hier in beide Richtungen. Laut, stinkend, eilig. In den Cafes zur Linken und Rechten sitzen Menschen, trinken Kaffee oder spielen mit ihren Smartphones. Manche werfen mir einen fragenden Blick zu, als ob sie hier noch nie einen Wanderer gesehen hätten. Ich lächle nur verlegen und trage meine Melone vorbei. Vor mir öffnet sich die Messaraebene – eine ziemlich flache Landschaft voller Anbauflächen. Nicht reizvoll zum Laufen, allerdings schön einfach. Bis Matala komme ich an diesem Tag aber dennoch nicht und beziehe mit meiner kiloschweren Frucht Quartier am Kommos Beach, etwa 7 Kilometer entfernt von Matala. Um „Kuchen-Uwe“ zu begegnen, dem legendären deutschen Auswanderer, der hier seit Jahrzehnten Gebäck feilbietet, ist es schon zu spät. Aber das ist OK. Ich habe Melone. 

Daidalos und Ikarus, die Flugpioniere mit dem tragischen Schicksal. Im Hintergrund - Agia Galini.

Sonnenuntergang am Kommos - Beach.

Die Felsenhöhlen von Matala - heute ohne Hippies.

Entweder ist die nächste Etappe verdammt kurz oder verdammt lang. Ich entscheide mich für letzteres, denn ich hatte für einen Geschmack schon zu viel kurze. Und in Matala schlafen ist ohnehin nicht sehr verlockend. Dieses habe ich am nächsten Morgen schon gegen etwa 10:00 Uhr erreicht und mehr als hier kurz anschlagen und ein paar Fotos mache ich hier nicht. Einst war Matala ja das Hippieparadies der Insel. Die lebten in den Felsenhöhlen der Bucht ihren Traum von Love, Peace & Harmony, bis einige findige Geschäftsleute entdeckten, dass man damit gutes Geld verdienen kann. Heute quetschen sich hier Tavernen, Pensionen und Luxusläden dicht an dicht. Die meisten Menschen mögen es eben lieber so. Einige Minuten Miete in den Felsen kostet nun 4€ Eintritt, die ich nicht berappe. Ich bin nämlich nicht müde und weiß auch schon, was drin ist: Löcher! 

(Rechts: Vermächtnis aus Hippiezeiten)

Von Matala nach Iraklio 

Richtungswechsel. Es geht nun weg von der Küste einmal quer durch die Messaraebene und rechts vorbei am Psiloritis Gebirge nach Iraklio. Adieu, ihr schönen, idyllischen Strände, in deren weichen Sand ich mich des Nachts zu schmiegen gedachte. Hallo, kretisches Inland mit seinen gewundenen Pfaden, urigen Dörfchen und silbrig glänzenden Olivenhainen mit dem verdammt harten Boden, auf dem ich nun zu ruhen beabsichtige. Adieu, du Möglichkeit, sich den salzigen Schweiß mit salzigem Meerwasser abwaschen zu können. Hallo, natürlicher Geruch. 

Auf meinem Weg liegen allerdings nicht nur fruchtbare Ebenen und sanfte Hügelgegenden, die von massigen Hochgebirgen gerahmt werden, sondern daneben auch einige total bedeutungsschwere Orte. Ich gehe im Zickzack vor, um heute noch zwei von ihnen zu erreichen. Zunächst einer kleinen Landstraße entlang gen Norden nach Festos, dem nach Knossos größten minoischen Palast. Der ist weit weniger besucht, führt sozusagen ein Dasein im Schatten seines großen Bruders. Er liegt auf einem kleinen Hügel und von hier oben hat man einen wirklich schönen Blick über die Messaraebene. Ich kämpfe mich bis zum Kassenhäuschen. Den Eintritt von 8€ spare ich mir und begnüge mich mit dem, was ich von hier aus schon sehen kann: viele alte Steine, rechtwinklig angeordnet. Vielleicht könnte ich auch zwischen ihnen umherschweifen, den Hauch vergangener Zeiten atmen, die majestätische Größe des Palastherrschers erspüren, Einblick erhalten in die Würde und Rätselhaftigkeit dieser Epoche, den ehrwürdigen Geschmack der Antike schmecken. Aber ich habe es gerade eilig. In Festos übernachten ist keine gute Idee. Hier gibt es nicht einmal einen Laden, der mir Wasser verkaufen kann. 

Also weiter durch die Ebene, durch endlose, sauber angeordnete Olivenhaine, immer schnurgerade einem Feldweg entlang Richtung Osten nach Agii Deka, in dessen unmittelbarer Nähe sich Gortyn befindet, eine in der Antike unheimlich wichtige Stadt, die bis zu 80000 Einwohner gehabt haben soll. Ein wichtiges Zentrum der Gesetzgebung. Ein Meilenstein unserer Zivilisation und ganz sicher auch dieser Kretareise. Wenn ich das noch vor Sonnenuntergang erreichen will, muss ich mich sputen. Es wird ein Rennen gegen die Zeit. Ich will heute Abend noch nach Gortyn, sodass ich morgen in aller Frühe gleich nach Norden kann. In mir brennt die feurige Glut des Kretaflitzers. Wie ein Wirbelwind fege ich über die Insel. Kein Strand, kein Berggipfel, kein antikes Monument und kein Touristenkaff ist vor meinem gnadenlos dahinschreitenden Stiefel sicher! Aber es wird eng. Verdammt eng. Mir rinnt der Schweiß von der Stirn, die Riemen meines Rucksacks schneiden sich ob seiner Last tief in meine Schultern, die Hose reibt unangenehm an den Innenseiten meiner Oberschenkel und meine Füße schreien nach einer Abkühlung im erlösenden Nass der See. Mit einem „Sei nicht so weich! Deine Vorfahren lachen dich sonst aus. Die haben so eine Strecke in Sandalen zurückgelegt. Mit einer Amphore auf der Schulter!“ wische ich die zaghaften Warnsignale meines Körpers beiseite und erreiche 30 Minuten vor Schließung in der Tat die ehrwürdigen Mauern von Gortyn... oder zumindest, was davon übrig ist. 6€ kostet der Eintritt und hier bezahle ich jetzt mal. Ich bin der letzte Besucher und muss das Personal, das bereits in Feierabendlaune ist, dazu eindringlich überreden. Nachdem ich deutlich gemacht habe, dass ich den ganzen Nachmittag fast gerannt bin, um diese Heilige Stätte noch heute besichtigen zu können, lässt man mich mit einem Murren und einen Verweis auf die Schließzeit ein. Drinnen gibt es viele alte Steine, rechtwinklig angeordnet und dazwischen ein paar umgefallene Säulen. Ein guter Teil des Hauptgebäudes steht aber noch aufrecht und bietet in der Abendsonne ein schönes Fotomotiv. Ob sich der Eintritt hier lohnt? Für diejenigen, die archäologische Studien durchführen oder den Geist vergangener Zeiten atmen wollen sicherlich. Ich schlage hier nur kurz an. Als Rentner mit etwas ruhigerem Blut komme ich aber bestimmt wieder. 

Der Palast von Festos. Im Hintergrund die Messaraebene.

Gortyn. Im Hintergrund die Sonne.

Unbeachtet neben Gortyn - das Apolloheiligtum.

Achja, Olivenhain. Wie bettet es sich doch in dir, du frucht- und segenspendender Hort, du nie versiegender Lebensquell so vieler mediterraner Generationen. Verdammt hart! Es ist schon dunkel, als ich nahe Gortyn beginne, meinen nächtlichen Schlafplatz von Steinen zu befreien, kleinen und großen, und dabei noch bete, dass ich mich nicht in direkter Nachbarschaft zu einem Ameisenvolk niederlege. In der Nähe bimmeln Ziegenglocken. Ein Pick-Up fährt in einiger Entfernung an meinem Lager vorbei, doch der schützende Mantel der Nacht hat sich bereits über mir ausgebreitet. Ich entschlummere selig und rasch. 

Vor dem Morgengrauen aber schon kündigt sich mir noch im Halbschlaf das Unheil an. Anfangs ist es nur eine Ahnung, doch schnell verdichtet sich diese zu furchtbarer Gewissheit. Des Wanderers größter Schrecken hat mich über Nacht ereilt und bestimmt nun über die weiteren Geschicke der Reise: Blase am linken Fußballen und auf dem rechten großen Zeh! Wie kann das sein, so mittendrin? Läuft man sich Blasen nicht eigentlich zu Beginn? Sollte an Stelle einer dünnen, zarten Schicht nicht nunmehr festes, ledriges Material um meinen Fuß gewachsen sein? Scheinbar nicht. 

Gerade die Blase unter dem linken Ballen ist recht groß. Es ist so eine Doppelblase. Also, eine große Beule, ergänzt durch einen etwas kleineren Nachbarn, der sich an diese so halb anschließt. Ich betaste die grausame Wunde und sinne über die recht eindeutige Lehrmeinung: Blasen - wenn man sie hat, ist es zu spät. Die Sonne geht auf und sanft fallen ihre Strahlen über den Olivenhain. Ich versinke in Selbstmitleid, streichle meinen Fuß und habe Zukuftsängste. Dann jedoch balle ich kämpferisch die Faust, hole tief Luft und sage: „Schontag!“ Wenn ich den Rest der Reise nicht liegend verbringen will, dann laufe ich heute so wenig, wie möglich. Das wird eine harte Probe hier in diesem Nest, aber ich werde das schon irgendwie schaffen. Ich krümme die Zehen meines linken Fußes zur Kralle und schaffe so einen schützenden Hohlraum. Dann humpele ich nach Agii Deka, greife dort ein paar Vorräte und begebe mich sogleich wieder hinaus, um mir im Umland einen Lagerplatz zu suchen. 

Die Gegend ist wirklich voller antiker Stätten. Nur 2 Kilometer entfernt gibt es einen Ort mit Namen Ancient Gortyna. Das ist ein Dorf, das um eine Ausgrabungsstätte herumgebaut wurde, welche dort nun umzäunt und unbeachtet vor sich hindämmert. Ähnliches gilt für das Gebiet zwischen diesen beiden Orten. Dort liegt nämlich, ebenfalls umzäunt und kaum beachtet, das Apolloheiligtum. Ein nicht ganz kleiner Ruinenkomplex, versteckt hinter Olivenbäumen. Während sich nach Knossos die Touristenmassen schieben, liegen die meisten anderen Steinmonumente verwaist irgendwo im Nirgendwo. Ich vermute da ein leichtes Ungleichgewicht. Aber das wird schon alles so seine Gründe haben. Unweit des Apollontempels lege ich mich jedenfalls in einen Olivenhain und meditiere... liegend. Meine Blase halte ich dabei in die Sonne. Ich weiß nicht so recht, ob das was bringt, glaube aber daran, dass ein gewisses Maß an Wärme keineswegs schlecht ist. Wie ich dort also so liege und meditiere, die Selbstheilungskräfte meines Körpers wie auch jene der Sonne dabei beschwöre und mit den benachbarten Insekten Freundschaft schließe, überkommt mich die Inspiration zu folgendem Gedicht: 



Im Olivenhain lag er, blinzelnd zur Sonne, 

die da warf über ihn ein segnendes Licht, 

und dem Gestrandeten lachte, der schwieg, 

den verwundeten Zeh zu ihr reckte. 


Dabei sehnend der Nymphe er harrte, 

der Schönen, die zwischen den Bäumen wandelt, 

ihn mit liebkosenden Armen umschlinget, 

die da nicht kam, aus unerfindlichem Grunde. 


Im Olivenhain lag er, fragend die Götter, 

warum sie an diesen Ort ihn gesendet, 

allein, und versehrt von tückischer Blase, 

die da nur schwiegen und lachten. 



Während ich mit tiefer Meditation über den Sinn des Lebens und meines bescheidenen Daseins beschäftigt bin, raschelt es plötzlich im Gebüsch links neben mir. Hinter einem Stein kommt eine Echse hervor, flitzt durch das Gras, unter dem Träger meines Rucksacks hindurch und bleibt halb in dessen Schatten regungslos stehen. Ihr linkes Auge rollt merkwürdig im Kreis, reflektiert dabei das Sonnenlicht und wirft es in einer sich drehenden Spirale auf meine Kaffeetasse. Alsdann streckt sie ihre gespaltene Zunge hervor und zischt in flüsterndem Ton: „Stadtmensch!“. Noch ehe ich mit ihr in Dialog treten kann, verschwindet sie wieder zwischen den Gräsern. 


Tage vergehen mal mehr und mal weniger schnell und ich finde das mal mehr und mal weniger gut. Alles eine Frage der Geisteshaltung und wahrscheinlich sollte man immer in der Lage sein, auch miesen Tagen etwas abzugewinnen, sozusagen aus Zitronen Limonade zu machen. Oder eben aus Blasen Gedichte, aus der Realität einen Traum oder vielleicht auch aus Träumen Realität. Der Tag vergeht jedenfalls schneller, als angenommen. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt. Wenn ein Tag gleichbedeutend mit einem Leben ist, dann möchte ich an dessen Ende eigentlich nicht sagen: „Bin ich froh. Habs schnell hinter mich gebracht!“. Sagen wir es darum mal gemäßigt: Der Tag verlief nicht wie geplant, aber ich habe das Beste daraus gemacht. 

Gegen Abend laufe ich nochmal durch Agii Deka, verproviantiere mich für den morgigen Tag und suche mir hinter dem jenseitigen Ortsausgang Richtung Osten ein Plätzchen in einem Olivenhain. Es dämmert und ich habe es mir bereits gemütlich gemacht. Ein Pick-Up Truck fährt den Feldweg neben mir entlang. Scheinwerfer an. Er rollt vorbei, dann wendet er, kommt genau auf mich zu und bleibt in 10 Metern Entfernung stehen. Ich bin entdeckt! Die Tür geht auf und von hinter ihr wird etwas auf Griechisch in meine Richtung gerufen. Ob eine Schusswaffe auf mich gerichtet ist, weiß ich nicht. Ich stehe auf und gehe den Lichtern entgegen. Hinter der Tür steht ein kleiner, alter Mann mit Basecap, der mich mißtrauisch anschaut. Ich sage „Yassas“ und mache diese Schlafengeste mit den beiden Händen an der Wange. „OK – No Problem. No Problem.“ kommt es zurück. Ich bedanke mich, gehe schlafen und überlege derweil, wie diese Szene alternativ hätte ausgehen können. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass jemand so herzlos ist, einen Wanderer nicht in seinem Olivenhain schlafen zu lassen und was soll ich hier Nachts bitte auch anderes machen, als schlafen? Einen Olivenbaum klauen? Mit Erlaubnis schläft es sich aber auf jeden Fall nochmal so gut und ich bin bemüht, mein Lager am nächsten Tag voller Dankbarkeit extra ordentlich zu verlassen. Alle umgeknickten Grashalme werden wieder aufgerichtet und ich verlasse Agii Deka mit wundersam geheilter Sohle Richtung Norden. 


Das ist ein ganz ordentlicher Marsch, den ich mir da frisch genesen zumute, aber ich kann ja abbrechen, sollte es zu zwicken beginnen. Ich bin nun jedenfalls extra aufmerksam und meine neue Vorsorge besteht darin, alle 90 Minuten meine Schuhe auszuziehen und meine Socken an der Sonne trocknen zu lassen. Man wird eben ruhiger und bedachter mit dem Alter. So in ganz kleinen Schritten. Mein Ziel heute ist der Jouchtas. Das ist der Berg südlich von Iraklio, der „schlafende Zeus“, angeblich seine Grabstätte. Der ist etwa 800 Meter hoch und jetzt noch gute 40 Kilometer von mir entfernt. Anfangs geht es über eine Landstraße und bald durch ein Netz aus Feldwegen über Agia Varvara und Profitis Ilias, einmal um den Jouchtas halb herum und schließlich von der Ostseite hinauf. Dazwischen liegen noch einmal weitere etwa 1200 Höhenmeter. Zumindest geschätzt. Das Gelände hier ist wellig und genau kann ich es nicht bestimmen. Es geht jedenfalls meistens hoch und runter und selten einmal schnurgeradeaus. 

Meine neue Fußschontaktik wirkt – ich komme problemlos voran, alles nach Plan. In Agia Varvara wird mir aus einer Taverne ein „Sparta!“ zugerufen. Ich nicke und lächle. Sparta – für die einen Idealstaat edler Musterkrieger, für die anderen militante Kindsmörder. Ich nehme mal ersteres, überlege aber wie es wäre, wenn ich wirklich einer wäre. Dann würde ich diese Strecke in voller Rüstung absolvieren, die sicher auch ganz ordentlich reibt und am Ziel angekommen würde ich noch erfolgreich das Kriegsbeil schwingen. Naja, vielleicht ist man ja schon Spartaner, wenn man an seine eigenen Grenzen geht oder auch leicht darüber hinaus. 

Die Wanderung durch die Weinberge südlich von Iraklio ist wirklich herrlich, allerdings nicht ohne eben jene Schwierigkeiten, die ich bereits beschrieben hatte. Feldwege enden plötzlich, verzweigen sich unübersichtlich oder münden in einen Fluss (vielleicht mündet auch der Fluss in einen Feldweg). Jedes mal, wenn ich mich verlaufe, schaue ich auf die Uhr. Verlaufen kann ich mir bei meinem heutigen Vorhaben absolut nicht leisten. Es ist ein Lauf gegen die Zeit und ich bemerke einmal mehr, dass mir das unheimlich viel Spaß macht. Wenn ich das gesamte Pensum schaffe, dann setze ich mir heute Abend selbst eine Krone auf. „Carsten Belletz, der Blasenspartaner“ steht da vorne drauf. Das motiviert und mir glühen die Hacken. Hoch nach Profitis Ilias, dem kleinen Bergstädtchen, das dem Jouchtas etwas vorgelagert auf einem Hügel thront, wie eine Akropolis. Es geht verdammt steil hoch hier und ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich dieses Städtchen überfallen wollen würde. Da hätte ich wahrscheinlich ziemlich schlechte Karten. Es würde reichen, wenn von da oben jemand mal pusten würde, und ich würde umfallen und den Berg wieder runterhullern. Es ist wirklich verdammt steil und auf der anderen Seite geht es verdammt steil wieder nach unten, bis es erneut verdammt steil zum Jouchtas hochgeht. Hinzu kommt die schon erwähnte Schwierigkeit A, die an Steilhängen doppelt nervig ist. Es geht durch ein Labyrinth an Feldwegen und ich stelle einmal mehr fest, dass gerade auf Kreta Luftlinie keinesfalls gleich Wegstrecke ist. Schätzungsweise kann man etwa das Doppelte einrechnen, sofern man sich nicht verläuft.

Über sanft geschwungene Oliven- und Weinberge nach Agia Varvara.

Am späten Vormittag sehe ich erstmals das Ziel der heutigen Etappe. Dort ganz hinten, dieser kleine Berg, das ist der Jouchtas.

Der "Weg" durchs Tal dorthin. Nur knietief aber eiskalt!

Blick vom Jouchtas Richtung Osten mit dem Städtchen Ano Archanes.

Bevor man den eigentlichen Einstieg zum Aufstieg auf den Jouchtas macht, ist man schon auf etwa 500 Meter geklettert. Der Aufstieg selbst erfolgt dann über eine Schotterstraße, die sich etwa 5 Kilometer in Serpentinen an der Ostseite nach oben schlängelt und selbst von Mietwagen problemlos genutzt werden kann. Nach einem kleinen Päuschen mache ich mich auf den Weg, der um einiges leichter zu bewältigen ist, als die 500 Meter vorher. Oben gibt es eine kleine Kapelle (es gibt auf Kreta wohl kaum einen Berggipfel ohne Kapelle) und einen fantastischen Blick über Zentralkreta in der Abendsonne. Hier oben schlafen will ich nicht. Zu windig. Ich steige ab, durchquere noch den Ort Ano Archanes am Fuß des Berges, durchwandere eine kleine Schlucht, an deren Ende ein Wasserwerk liegt und finde jenseits von diesem ein Plätzchen in einem Olivenhain. Tagesziel erreicht und noch ein Stückchen mehr. Keine Kraft mehr, mir eine Krone aufzusetzen. Gute Nacht. 

Blick vom Jouchtas nach Westen auf das Psiloritis Gebirge.

Blick nach Norden Richtung Iraklio.

Das Gipfelselfie der Macht.

Es nieselt und der Himmel ist grau. 15 Kilometer sind es bis Iraklio. Alles schläft noch in den Gehöften zwischen den Weinbergen, als ich mir meinen Weg hindurch in die Hauptstadt bahne. Alles? Nicht alles! Ich hatte bislang nicht oder kaum davon gesprochen - aber was einem auf Kreta sehr häufig an domestizierter Fauna begegnet sind Hunde! Hunde hinter Zäunen, Hunde an Ketten, Hunde vor Zäunen, Hunde nicht an Ketten. Hunde, die bellen und solche, denen nur ein dunkles, tiefes Grollen aus der Kehle entweicht. Gott sei Dank begegnet mir ein solcher nicht vor Zaun und ohne Kette. In 80% der Fälle handelt es sich um Wachhunde, die ein recht aggressives Bellen von sich geben und wild an ihrer Kette zerren oder am Zaun hochspringen. Würde ich wahrscheinlich auch machen, wenn man mich lebenslang anketten würde. Dennoch nervt es schon irgendwann, wenn man von jedem dritten Haus, das man passiert, angekläfft wird. Man fühlt sich irgendwie wenig willkommen. Der Rest sind freilaufende Straßenhunde und auch wenn diese einen anbellen, so sind sie dennoch friedlich und zu mir herüber dringt nur ihre schreiende Bitte: „Würste und Liebe!“ Habe ich nicht. Bei mir gibt’s nur Salat und warme Worte.



Chania – die letzten Tage 

In Iraklio hält mich nichts. Die Metropole ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich mir von Kreta erhoffe. Laut, stinkend, voller gestresster Menschen und verstopfter Straßen. Da helfen auch Schaufenster mit tollen Möbeln oder eine „Pizza Gigante“ nichts. 

Ich besteige den Bus nach Georgioupolis. Das ist ein netter, kleiner Ferienort westlich von Rethymno. Der Höhepunkt meines Trips liegt gefühlt seit gestern hinter mir. Fünf Tage habe ich noch, die ich an der Nordküste verbringen will. Ab Georgioupolis kann man hier Richtung Westen auch wandern. Etwas gemütlicher nun, als die Tage zuvor. Ich besuche an diesem Tag noch „Lake Kournas“, den einzigen Süßwassersee Kretas, an dem ich mich auch schlafen lege. Es ist ganz still hier. Nur der doch recht steife Wind treibt Wellen über den See. 

So richtig fit bin ich auch am nächsten Morgen noch nicht. Der Spartanermarsch auf den Jouchtas fordert auch zwei Tage später noch ein wenig Tribut. Außerdem soll es heute Nacht regnen. Gute Aussichten für den Mann ohne Dach. Aber vielleicht ändert sich der Wetterbericht ja noch. Passiert auf Kreta ständig. Richtung Nordwesten breche ich auf. Das Spiel von Wolken und Sonne am Himmel taucht die hügelige Landschaft in ein faszinierendes Licht. Über das Städtchen Vamos laufe ich an diesem Tag bis Neo Chorio, über dessen Dächern der Himmel sich gen Abend tatsächlich zuzieht. Zuflucht finde ich im Schutz der Heiligen Mutter Kirche oder besser: unter dem Vordach der Dorfkapelle. 


Auf zum letzten Gefecht! Auf zurück nach Chania. Und zwar durch die Diktamosschlucht, einer nahezu unbekannten Perle der Nordküste. Etwa 30 Gehminuten von Neo Chorio zweigt bei einem kleinen Brücklein links ein Feldweg ab, der entlang des Flussbetts führt und nach weiteren 20 Minuten endlich hinein. Größer und dichter wird bald das Geröll auf dessen Boden und alsbald, noch ehe man es sich richtig versieht, ist man mittendrin in der Diktamosschlucht. Eintritt muss man hier keinen bezahlen, dafür ein gehöriges Maß an Trittsicherheit und Kraxelfähigkeit mitbringen. Die Diktamosschlucht hat ihre Reize und ganz sicher auch ihre Herausforderungen. Der Pfad ist zwar durchgängig mit rot-weißer Farbe markiert, er selbst ist aber nicht wirklich durchgängig. Zumindest im Frühjahr, wenn das Schmelzwasser scheinbar wichtige Steighilfen weggespült hat. Eine Stelle jedenfalls ist ohne die Aufschichtung eines eigenen Steinhaufens nicht passierbar und gibt mir Anlass, mich als spontanen Treppenkonstrukteur unter Beweis zu stellen. Besser also, man wandert die Schlucht von oben nach unten, wie die Wandergruppe, die mir später entgegenkommt, und die zur Sicherheit ein Kletterseil mit sich führt. Das werden sie auch brauchen und ich hoffe sie landen weich auf meinem Steinhaufen. 

Die Diktamos-Schlucht nahe Chania.

Freundlicherweise hat diese jemand mit Leitern versehen...

... die allerdings nicht überall vorhanden sind. Da heißt es wohl Häufchen machen.

Nach etwa 2 Stunden habe ich die Schlucht passiert und muss noch einmal einen ordentlichen Anstieg bewältigen, bevor ich mich nach Chania zu Tale stürzen kann. Was ich hier die letzten Tage so anstelle, weiß ich noch nicht so genau. Der Kreis ist geschlossen. Fast durchgängig zu Fuß mit freundlicher und gelegentlicher Hilfe der Linienbusse. 

(Rechts: Blick nach Chania)

Vom Zentrum Chanias führt eine etwa 10 Kilometer lange Straße Richtung Westen, die nahezu durchgängig mit Tavernen, Minimärkten und Hotels bestückt ist. Kein Wunder – gleich dahinter verläuft ein unendlich langer Sandstrand mit unendlich vielen Sonnenliegen, dazwischen aber auch unendlich vielen Schlafmöglichkeiten für Individualwanderer. Ich besorge mir ein Buch von Nikos Kazantzakis, „Franz von Assisi“, und lege mich in die Sonne. Bei Kazantzakis geht es ja immer um todernste Themen, um Spiritualität und Freiheitskampf, um ausgemergelte Asketen und Märtyrer, die schier verzweifeln ob der Tragik, Nichtigkeit und Fehlbarkeit der menschlichen Existenz gegenüber dem Ewigen, dem Unfehlbaren, dem Göttlichen. Kazantzakis' Schriften reißen einen hinab in die unheimlichen Tiefen der eigenen Seele oder aber empor, hin zur Erkenntnis der wichtigen Aspekte unseres Daseins. Je nachdem, wie man es aufnimmt und vor allem, wie man es verdauen kann. Ich schaue mich um und frage mich, ob ich zwischen Cocktailbar und Sonnenschirmverleih wohl gerade richtig bin mit dieser Lektüre. 

Am nächsten Tag laufe ich nach Maleme. Dort ist der deutsche Soldatenfriedhof mit den 4500 Gefallenen von der Luftlandung. Hotels gibt es hier nicht mehr so viele und an dem fast leeren Kiesstrand bin ich hier wohl richtiger mit meinem Buch. 

Eine schöne Begegnung habe ich noch in dieser Zeit. Bei Agia Marina, also mittendrin zwischen Chania und Maleme, gibt es einen Bäcker. Giannis ist sein Name und er hebt sich von den restlichen Schmollgesichtern und aufgesetzten Lächeln ab, die einem in der Stadt zuhauf begegnen. Es ist frühmorgens, die Stadt erwacht. Ich trete in die Backstube und will Brot kaufen. Auf einmal werde ich von einem Wirbelwind positiver Energie erfasst. Ich werde aufs Beste bedient, nicht wie ein zahlender Kunde, sondern wie ein Gast. Giannis fragt mich aus, schenkt mir Kekse, zeigt mir Fotos von seiner Familie. Dann verrät er mir sein Geheimnis: Er geht regelmäßig in den Wald, um aufzutanken. 



Giannis - der beste Bäcker Chanias.

Gasse in Chania mit Motoroller und Katze, den beiden eigentlichen Wahrzeichen Kretas.

Das Nautische Museum in der Altstadt.

Ioannis Daskalogiannis, hier mit Taube auf der Schulter.

Den letzten Tag streife ich dann nochmal durch Chanias Altstadt. Deren Gassen sind wirklich zum Träumen. Vor allem die menschenleeren. In den anderen soll man ja immer irgend etwas kaufen. Das einzige, was ich kaufe ist eine Eintrittskarte für 3€ ins nautische Museum am Hafenende. Das ist wirklich sehenswert und zudem fast ohne Besucher. Dann gehe ich noch einmal der Stadtmauer entlang und halte inne am Denkmal eines kretischen Freiheitskämpfers. Es ist Ioannis Daskalogiannis, der Mann, nach dem der zweitgrößte Flughafen Kretas benannt wurde. Er zettelte einen Aufstand gegen die Osmanen an, wurde von verbündeten Russen im Stich gelassen, unter dem Vorwand von Friedensverhandlungen nach Iraklio gelockt und dort bei lebendigem Leib gehäutet. Dass man ihm jetzt ein paar Denkmäler baut, ist da wahrscheinlich das Mindeste. Leben auf Kreta war hart. Aber wahrscheinlich ist Leben immer hart, ob man seine Komfortzone nun verlässt, oder aber auch nicht. 


Zwischen 300 und 400 Kilometer habe ich auf dieser Reise zu Fuß zurückgelegt. Zu den Höhenmetern kann ich keine Angaben machen, aber es waren einige. An 14 verschiedenen Stränden habe ich geschlafen, massenhaft griechischen Salat vertilgt und auch ein paar Chicken Pitas. Ich habe mehrere kleine Wehwehs gehabt, die mich aber nicht hinderten, zumindest den Großteil meines Vorhabens umzusetzen. Ich habe einige tote und viele lebendige Tiere gesehen und eine ganze Handvoll Pflanzen, die ich nicht kenne. Ein paar netten Menschen bin ich auch begegnet, den lebenden persönlich, den toten in ihrer Schrift oder als Denkmal. Ein kleines Gedicht habe ich auch noch verfasst. Ob ich was gelernt habe? Das wissen die Götter, die da nur schweigen und lachen.