Malerweg 2022
Der Malerweg ist der Vorzeige – Wanderweg der Sächsischen Schweiz und wahrscheinlich einer der schönsten in der Kategorie „Wilde Romantik“. Wer ihn geht, der kann nachher hervorragende Landschaftsbilder malen. Die Werke von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus sind dafür die besten Beweise. Damit gehört er gewissermaßen zur Grundausbildung eines jeden naturverbundenen Künstlers.
Er ist 116 Kilometer lang, bietet 3500 Höhenmeter und jede Menge fantastische Ausblicke. Vom Pirnaer Stadtteil Liebethal schlängelt er sich durch tiefe Schluchten und über schroffe Felsen die Elbe hinauf, setzt mit der letzten Fähre vor der tschechischen Grenze in Schmilka auf die andere Seite über und wandert dann elbabwärts erneut bergauf, bergab und in Zick Zack Linie wieder nach Pirna. Zumeist wird er in 8 Etappen unterteilt, die in ihren jeweiligen Schwierigkeitsgraden ein wenig variieren. Ich bin ihn in zwei Tagen gelaufen. Wie bitte? Ist das nicht ein bisschen extrem? - Naja, seitdem ich weiß, dass es Verrückte gibt, die 170 Kilometer am Stück gehen, hat sich mein Verhältnis zu Wanderetappen schon etwas verändert. Aber ich bin ihn auch nur ein Stück gelaufen. Der Grund dafür steht weiter unten im Text, der proportional zur Länge der Wanderung natürlich kürzer ausfällt und sich demnach auch schnell lesen lässt. Ich möchte den Leser ja nicht mit unnötigem Unfug belästigen.
Ich starte 09:00 Uhr in Liebethal. Das ist für meinen Geschmack schon ein wenig spät. Aber ich wollte mir im Supermarkt in Dresden noch einmal frische Brötchen holen, bevor es auf eine supermarktlose Wanderung geht. Und Anreisen musste ich ja auch noch. Also 09:00 hinein in den Liebethaler Grund. Ein schöner Einstieg entlang des Flüsschens Wesenitz, der einen kleinen, verheißungsvollen Vorgeschmack gibt auf das da Kommende. Leises Plätschern des Wassers, sattes Grün, urwüchsiges Holz und dazwischen einige schroffe Felsen. Ich bin allein. Zartromantische Gefühle machen sich in mir breit. Ich spüre Frieden. Und dann – Richard Wagner! Wie der Olympische Zeus thront er da plötzlich links am Wegesrand. Erhoben, ehrwürdig, majestätisch und ein wenig pompös fällt sein Blick auf den Wanderer und mahnt diesen, in dieser Gegend bitte den gebührenden Ernst walten zu lassen. Was er hier zu sehen bekommt, was er hier atmen darf ist schließlich monumental, heilig, ein Stück nationales Erbe. Wer hier geht, der lernt malen! Oder komponieren. Ist ja irgendwo das Gleiche. Der Caspar jonglierte mit Farben und der Richard eben mit Noten. Jetzt steht er hier am Eingang zum Malerweg und wünscht allen Wanderern einen guten und tiefsinnigen Tag.
Richard Wagner als Gralsritter. In der rechten Hand den Gral, in der Linken ein Löwenszepter und zu seinen Füßen 5 Figuren, die die verschiedenen Sphären seiner Musik darstellen sollen. Konzipiert wurde das 8 Meter hohe Denkmal bereits im Jahr 1912 für den Großen Garten in Dresden, im Jahr 1933 allerdings an der Stelle verwirklicht, wo der Meister seine erste Inspiration für den "Lohengrin" erhielt.
Über Mühlsdorf und Lohmen, die an diesem Samstagmorgen noch in friedlichem Schlummer liegen, geht es entlang einiger Felder nach Uttewalde und dann hinein in den Uttewalder Grund.
Von welch wildromantischen Schauern man hier ergriffen wird. Felsen, Bäume und die Wolken am Himmel vereinen sich zu einer urtümlichen Sinfonie, schleudern den Betrachter in eine Welt der Fantasie. Sagen und Legenden, Waldgeister und Fabelwesen erwachen zum Leben und Mikrowellen, Ölkrisen und Aktienkurse werden zu einem fernen, unwirklichen Traum.
Über Burg Wehlen, wo neben mir ein Kind das erste Mal in seinem Leben einen Bienenstich erhält (in die Wange; es weint), was mich an meinen ersten Bienenstich erinnert, den ich einstmals an der Ostsee bekam (in die Wange; ich weinte) kommt man nach Stadt Wehlen. Hier am Elbufer endet nach etwa 12 Kilometern die erste Etappe. Das ist ein bisschen wenig, wie ich finde, denn es ist noch nicht einmal Mittag.
Im Uttewalder Grund.
Waldbewohner haben hier mysteriöse Steinhaufen errichtet. Ob Kultzwecke dahinter stecken?
Witzbolde!
Ich laufe gleich weiter über den Schwarzbergweg Richtung Bastei und hier gibt es erstmals ein paar Höhenmeter (300) und ziemlich viele Wurzeln zu überwinden. Viele Leute gehen diesen Weg nicht, sondern erklimmen das Ausflugsziel Nr. 1 in der Sächsischen Schweiz entweder über die Treppen bei Rathen oder fahren benzinkraftgetrieben bis kurz vors Lokal.
Bastei – völlig überlaufen! Es ist schon ein wenig gruselig, wenn man aus einem recht stillen Waldstück kommt und sich plötzlich in einer wabernden Masse Bratwurst essender Menschen befindet. Etwa 99% von ihnen sind Tagesausflügler (grobe Schätzung ohne Gewähr). Man erkennt diese zumeist daran, dass sie Sandalen tragen und T-Shirts mit irgendeinem Wander- oder Naturmotiv. In der Hand halten sie ½ Liter Flaschen Mineralwasser, an denen sie dezent nippen, während sie über den sehr anstrengenden Aufstieg reden, bevor sie sich für ein Gruppenfoto an den bedeutsamen postkartenbekannten Stellen positionieren. Ja, es ist eng auf der Basteibrücke, doch auch der Autor kommt um ein Selfie an diesem Ort nur schwerlich herum. Dann geht es aber schnell weiter vorbei an der Felsenburg Neurathen, zwischen deren Resten ebenfalls gedrängelt wird, die Treppen hinab in den Amselgrund, den Amselsee passierend hinauf nach Rathewalde und weiter nach Hockstein.
Blick von der Bastei Richtung Pirna
Basteibrücke und Felsenburg Neurathen
Malerman
Majestätisch thront dort in wenigen hundert Metern Entfernung die Burg Hohnstein, das Ziel der zweiten Etappe. Zuvor muss ich nur kurz wieder ganz nach unten ins Polenztal absteigen und auf der anderen Seite gleich wieder hinauf. Für etappentreue Wanderer bietet es sich nun wahrscheinlich an, diese tolle Burg zu besichtigen. Nicht aber für den ambitionierten Vorbeiprescher, der aus Ambitionsgründen genau jenes tut. Gleich weiter zur Brandaussicht und dann über Waitzdorf und Kohlmühle nach Altendorf, dem Endziel von Etappe 3. Alles nette, kleine Dörfchen. Häuser, Straßen, eine Kirche, Gänse, Schafe. Das Übliche. Außer in Kohlmühle. Da steht eine Fabrik!
Am Dorfrand von Altendorf finde ich eine kleine Lichtung, direkt am Weg. Die Sonne wird bald untergehen und hier ist es doch ganz gemütlich. „Malerweg in drei Tagen“ scheint mehr als machbar. Ein netter, alter Herr erlaubt mir sogar noch, hier zu schlafen, nachdem er mich darauf hingewiesen hat, dass ich mich gefälligst benehme. Vor kurzem hätten ein paar Jugendliche eine öffentliche Bank hier als Klo benutzt. Da kann ich ihn aber beruhigen. Ich hatte nicht vor, ihm einen Haufen auf seine Wiese zu setzen. So etwas mache ich diskret und öffentliche Toiletten gibt es hier genug. Man muss es halt vielleicht mal eine halbe Stunde halten können und nicht gleich bei der ersten Flatulenz in die Hocke gehen. Mit Erlaubnis schläft es sich nochmal so gut. Ich fühle mich geduldet, behütet, abgesegnet, offiziell.
Auf dem "Balkon der Sächsischen Schweiz" - die Brandaussicht.
Burg Hohnstein und das Polenztal.
Der Weg hinab ist nichts für dicke Menschen.
Die alte Linoleumfabrik von Kohlmühle in der Abendsonne.
Es knackt und raschelt im Gebüsch. Erst leise und dezent, dann lauter, heftiger, stürmischer. Es tobt und wimmelt um mich herum und ich werde wach. Eine Gruppe Kobolde der „Freien Sandsteine“ liefert sich ein heißes Gefecht mit einer Abteilung der „Kurfürstlich – Sächsischen Waldtrolle“ und sie schenken sich nichts. Der Kampf wird mit äußerster Verbissenheit geführt. Fichtenzapfen fliegen dicht an meinem Kopf vorbei und schlagen raschelnd neben mir im Gras ein. Gleich neben mir zieht ein Troll gerade einem Kobold dessen Zipfelmütze über das Gesicht. Nunmehr erblindet wankt dieser ziellos umher, stolpert über meinen Rucksack und verheddert sich sodann auf fatale Weise in den Schnürsenkeln meiner Wanderschuhe. Dort steckt ein Kobold gerade einem Troll seine Zunge heraus, einen Mordsapparat, der bis auf den Boden hängt. Dazu schneidet er eine Grimasse und aus seiner Kehle fährt ein markerschütterndes „Bäääh!. Das saß. Der Troll muss weinen. Ein wildes Durcheinander rings um mich herum. Schon wieder ein Fichtenzapfen. Pfeifend kommt er heran gesaust, direkt in meine Richtung. Der Troll hatte wohl den Kobold auf meiner Schulter im Visier, der mir gerade ein Bündel Sauerklee ins Ohr stopfen will. Aber er verfehlt und trifft mich genau an der Stirn. Fichtenzapfenkrümel regnen um mich zu Boden und ich sehe nur noch Sternchen. Gegen 04:30 Uhr dämmert der Tag und ich erwache. Etwas misstrauisch und auch vorsichtig schaue ich mich um. Ich bin allein auf der Lichtung. Keine Spur von der nächtlichen Auseinandersetzung. Alles ist ruhig und friedlich hier. Was für ein seltsamer Traum. Nachdenklich wühle ich in meinem Futterbeutel und fische nach einer Knackwurst. Ich denke mir absolut nichts dabei, als ich einen Fichtenzapfen hervor hole.
Ach, ist das schön, zur frühen Morgenstunde alleine durch den Wald zu wandern. Der Weg führt mich hinab ins Kirnitzschtal zur Ostrauer Mühle. Hier ist ein kleiner Campingplatz, auf dem noch alles schläft. Ich nehme an, es hat niemand etwas dagegen, dass ich mal schnell und ohne zu fragen aufs Klo gehe und mein Wasser auffülle. Ohne einen Laut und sichtbare Spuren zu hinterlassen verschwindet der verwegene Gast alsdann zwischen den Bäumen Richtung Schrammsteine.
Die Schrammsteine sind so ziemlich die erste größere Felsengruppe, die man auf dem Malerweg direkt durchwandert. Schweigend und imposant recken sich die Steinblöcke links und rechts von mir in die Höhe, als ich das Schrammsteintor passiere. Es ist etwa 06:30 Uhr und es ist einfach nur schön, alleine hier zu sein. Alles ruhig. Alles friedlich. Eine stumme Melodie, die Felsen und Bäume hier gemeinsam summen. Dann höre ich etwas. Nicht stumm. Nicht friedlich. Nicht ruhig.
Morgens im Kirnitzschtal.
Ein Spiel von Licht und Schatten.
Das Schrammsteintor.
Es ist … Techno! Jenseits der Schrammsteine wummern Bässe durch den Wald. Sonntag Morgens 06:30 Uhr! Da feiert wohl jemand durch? So ganz im Einklang mit der Natur. Ja, dies ist wirklich ein fantastischer Ort, um sich zuzudröhnen. Vorbei die Zeiten, als sich die Liebhaber dieser zarten, sensiblen Musikrichtung in Kellerclubs verstecken mussten. Auf geht’s! Die Wildnis möchte unbedingt von synthetischen Klängen erobert sein! Ich halte mich schon für ziemlich tolerant. Auch was meine Schmerzgrenze betrifft und ein Zen-Mönch würde sich von einer derartigen Störung sicher nicht anheben lassen. Ich bin aber kein Zen - Mönch und ich ärgere mich. Dieses Gewummer von da irgendwo aus dem Wald begleitet mich den gesamten Schrammsteingratweg. Aber es geht hier ja nicht nur um mich und mein tolles Wandererlebnis, sondern vielleicht ja auch um die Eichhörnchen, die hier wohnen und die den Lärm vielleicht auch nicht so toll finden. Diesen solidarischen Gedanken im Kopf beschließe ich, den just wahrgenommenen Frevel dem nächsten Wildhüter zu petzen.
An der Breite – Kluft – Aussicht ist dann endlich Ruhe und Zeit für ein Frühstück bei einem schönen Blick ins Land. Drüben in Tschechien brennt es. Das verrät mir die weiß – gelbe Rauchsäule, die da aus dem Wald aufsteigt und in einiger Höhe eine lustig Wolke formt. Sieht eigentlich ganz schön aus, wenn es nicht ziemlich blöde wäre. Neulich hat es schon bei der Bastei gebrannt. Hatte ich so am Rande mitbekommen, aber mir nichts weiter dabei gedacht. Doch so langsam dämmert es mir. Noch nicht vollends aber unaufhaltsam.
Nach meiner Pause begegnen mir nämlich in der Tat zwei Männer der Nationalparkwacht. Nette, ältere Herren, denen ich das Technodelikt gleich aufs Brot schmiere. Genau deswegen wären sie hier, erfahre ich. Bei dem Naturbanausen handelt es sich um einen Privatclub am Elbufer, so haben sie gerade herausgefunden, und er darf das. Weil eben Privatclub. Ist halt so. Die beiden Wildhüter sind wirklich furchtbar nett und hilfsbereit. Ich erzähle ihnen meinen Plan und erfahre retour, dass seit dem Brand an der Bastei der Wald komplett gesperrt wurde. Also kein Übernachten in Boofen, auf Rastbänken oder an Ortsrändern. Gar nix! Nada! Wald ist nachts dicht. Keine Ausnahme. Verdammt! Wir wünschen uns gegenseitig noch einen schönen Tag und gehen dann unsere Wege.
Wer erkennt da auch ein Gesicht? So in der Bildmitte.
Waldbrandverursachte Wolke über Tschechien.
Im Moment gelten die Regeln der "Kernzone" für das gesamte Gebiet der Sächsischen Schweiz.
Also Abbruch, weil ich ein gewissenhafter Staatsbürger bin. Es gibt ja noch andere schöne Ecken, wo das Biwakieren weiterhin erlaubt ist. Auch wenn es mir um den Malerweg schon ein bisschen leid tut. Vielleicht ergibt sich ja später noch eine Gelegenheit. Im Winter oder so. Ich steige über den großen Winterberg nach Schmilka ab und fahre dann heim.
Wer sich nicht scheut, in Betten zu schlafen und dafür entsprechend zu zahlen, dem sei die Strecke hiermit ausdrücklich empfohlen. Sie ist zuweilen sogar ein bisschen kniffelig und das macht die ganze Geschichte ja erst reizend. Außerdem lernt er hier malen. Ich kann es jetzt auch schon ein bisschen.
Ob ich hier noch irgendwas gelernt habe? Das weiß ich nicht so genau. Aber eines ist ganz sicher: In der Sächsischen Schweiz spukt es!
Morgennebel.
Felsen.
Schnurps!