Kreta 2021

Die Felsen und Ebenen der Insel leuchten rot-braun im Schein der tief stehenden Sonne und wie kleine weiße Tupfer erscheinen dazwischen die Häuser aus der Luft. Es ist Anfang September kurz nach 18:00 Uhr und das Flugzeug setzt auf dem kleinen Flughafen von Chania zur Landung an. Zwei Jahre ist es her, seitdem ich zum letzten Mal dieses unbeschreibliche Gefühl gespürt habe, das mich im Moment des Einfluges auf Kreta immer überkommt. Es ist das Betreten einer anderen Welt, eines anderen Lebens, einer anderen Sphäre. Auch der Mensch wird hier ein anderer. Eben noch der Bewohner einer mittleren, deutschen Großstadt. Nun Abenteurer, Entdecker, Wanderer. Ich streife eine Identität ab und schlüpfe in eine andere. 

Wie lange genau ich bleiben will, das weiß ich noch nicht. Der ambitionierte Traveller bucht ja erstmal nur den Hinflug und lässt das Ende dann offen. Aber ich habe eine lange Liste von Zielen im Kopf, von sehr vielen Zielen, zu vielen, als dass ich sie alle schaffen könnte. Aber das ist in Ordnung. In der Praxis trennt sich dann die Spreu vom Weizen. 

Mich erwartet in jedem Fall viele Nächte an den Stränden des westlichen Kreta und auch einige im Gebirge. 
Ich will während der gesamten Reise ohne Herberge und Bett auskommen. Das ist im Herbst auf Kreta ohne größere Probleme machbar. Die durchschnittlichen Regentage kann man in diesem Monat an einer Hand abzählen und für diesen Fall habe ich zur Sicherheit ein Tarp eingesteckt. Daneben habe ich natürlich einen Schlafsack, eine Feldflasche, eine Sonnenbrille, ein Smartphone, ein paar extra Klamotten und etwas Cash dabei. Im großen und Ganzen ist das aber auch schon meine ganze Ausrüstung. Möglichst minimalistisch, das macht das Laufen bei 30 Grad im Schatten deutlich angenehmer. Ein Messer kaufe ich mir noch in Chania, denn ich bin mit Handgepäck geflogen. 
Das Flugzeug setzt auf der Landebahn auf und rollt aus. Einige Passagiere applaudieren, doch ihr Klatschen verstummt rasch. Ich glaube, das sind Leute, die zum ersten Mal fliegen und in irgendeinem historischen Leitfaden über Flugbenimm gelesen haben, dass man das so macht und den Piloten damit ehrt. Ich halte das ehrlich gesagt für ein bisschen übertrieben und da ich wohl nicht der einzige. Wenn der Pilot jetzt eine Notlandung durch einen Sturm sicher über die Bühne schaukelt, dann kann er sich meines tosenden Beifalls sicher sein. Aber ich glaube, dass ein Routineflug für einen Piloten nicht viel schwerer ist, als die Fahrt mit einem Linienbus durch den Berufsverkehr. Und solange die Leute nicht jedesmal in helle Begeisterung ausbrechen, wenn dieser an die Seite fährt und seine Türen öffnet, fällt mir das auf einem Standardflug auch nicht ein. Ich vermute, dass der Pilot das ähnlich sieht. 
 

Es ist bereits dunkel, als ich mit dem Bus die Innenstadt von Chania erreiche. Ich will mich erst einmal eingewöhnen und das bedeutet, dass ich mir in einem Supermarkt Verpflegung besorge. Paximadi, diesen leckeren griechischen Zwieback, Oliven und eine Flasche Retsina. Letztere beschleunigt den Vorgang des Ankommens ungemein. 

Ich gehe die Chaledon Street hinab zum Hafen. Die Stadt ist im September, wie erwartet, voll mit Touristen. Die gesamte Hafenpromenade ist ein einziges Meer an dich gestellten und besetzten Tavernenstühlen. Ich bin kein großer Fan davon, in Tavernen zu sitzen und sich bedienen zu lassen. Nach einer Pflichtrunde durch die wirklich schöne Innenstadt laufe ich nach Osten und suche mir ein Nachtquartier.  

Bei Stalos, etwa 30 Gehminuten vom Zentrum gibt es einen kleinen, feinen Sandstrand, der freilich, wie alle in dieser Region, mit Sonnenbetten des dahinter liegenden Hotels bestückt ist. Nachts sonnt sich aber niemand und das gesamte Ufer ist in ein angenehmes Dunkel gehüllt, das den ungelisteten Gast verbergen wird. Am Strandeingang ist auf einem Schild ein durchgestrichenes Zelt sichtbar, aber solange da kein durchgestrichener Schlafsack ist, begehe ich nichts Verbotenes. 

Den Wellen lauschend, Brot und Oliven mampfend, sitze ich da und schaue in die Dunkelheit. Nirgends kann mir diese einfache Mahlzeit so gut schmecken, wie unter dem freien Himmel Kretas. Die Luft ist angenehm mild, der Wind rauscht leise durch das Stroh der Sonnenschirme und trägt mir eine salzige Prise von der See her in meine Nase. Über mir leuchtet bereits der fantastische Sternenhimmel, dessen Anblick mich komplett in eine andere Sphäre katapultiert. Dann geht ein Flutlicht an, das jeden Meter des Strandes erreicht. Ein Mann mit grauem Schnauzer, dickem Bauch und Militärhose hat nun seinen Auftritt. Langsam schlurft er mit seinen Stiefeln von links kommend durch den Sand, geht von Liege zu Liege und stößt zuweilen mit dem Fuß gegen die eine oder andere. Das hat den Effekt, das besagtes Objekt nun wieder in Reih und Glied steht. Sauber ausgerichtet und bereit für den morgigen Gästeansturm. Ich sitze da, kaue Oliven, werde nicht beachtet und dementsprechend auch nicht getreten. Nun räumt er die Aschenbecher und leeren Cocktailgläser von den kleinen Beistelltischen. Ich überlege kurz, ob der Retsina zwischen meinen Knien auch gut genug versteckt ist, werde jedoch abermals keines Blickes gewürdigt. Stille herrscht an diesem Abend hier am Strand. Nur das Rauschen der Wellen das leise Klirren der abtransportierten Gläser. Ich atme ganz ruhig und spucke den nächsten Olivenkern in den Sand. 

Wieder geht er an mir vorbei, diesmal von rechts nach links, ändert dann schlagartig seine Richtung und kommt genau auf mich zu. Er zeigt auf eine Sonnenliege und sagt: „Take one“. Dann verschwindet er hinter der Hotelmauer und es wird wieder dunkel. 

Ein leichtes Grinsen huscht mir immer noch übers Gesicht, als ich mich in meinen Schlafsack lege. Eine Liege besetze ich nicht, sondern schmiege mich in den weichen Sand, den man um diese Jahreszeit noch problemlos ohne Isomatte beschlafen kann. Irgendwie fühle ich mich an diesem Abend schon angekommen und das habe ich nicht zuletzt dieser umwerfenden kretischen Gastfreundschaft zu verdanken. Zufrieden schlummere ich ein und werde nicht mehr gestört. 



Ich will mich erst einmal warmlaufen. Zwar bin ich in Deutschland in letzter Zeit unheimlich viel gejoggt. Aber das Wort „warmlaufen“ erhält unter der brennenden Sonne Kretas eine völlig neue Bedeutung. Bereits morgens 09:00 ist Oberkörper frei kein Problem und so laufe ich mich am ersten Tag sicher nicht nur warm, sondern auch braun. Es geht erst einmal Richtung Westen, der dicht mit Hotels und Tavernen bebauten Hauptstrasse entlang, vorbei an Platanias und Maleme bis nach Tavronitis, einem kleinen aber wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Nordwesten. Von hier geht es weiter mit dem Bus nach Kastelli - Kissamos. Bevor ich Richtung Süden aufbreche, will ich unbedingt die Lagune von Balos erkunden. Der Strand von Kissamos zählt wie auch jener von Stalos nicht zu den Übernachtungshighlights, genügt aber einfachen Ansprüchen. Der Sand hier ist mit Steinen durchsetzt, sodass man vor dem Schlafengehen erst einmal ein bisschen sortieren darf. Aber das ist schon in Ordnung – Strandsurvival!

(Rechts: Strandabschnitt bei Stalos) 

Balos

Der Fußmarsch nach Balos ist die erste große Etappe, die ich dieses Jahr auf Kreta laufe. Es geht stadtauswärts etwa 2km auf der Fernstrasse, vorbei am Hafen und dann über Schotterwege, die auf der Karte nicht verzeichnet sind, in Richtung der großen Halbinsel, an deren nördlicher Spitze die tolle und vielgerühmte Lagune liegen soll. Nach etwa 90 Minuten erreiche ich den Pfad, der mich zu ihr führen wird, ohne größere Probleme. Es ist eine Schotterstrasse, die sich den Felsen entlang windet, plötzlich steil ansteigt und dann noch steiler. Mir läuft der Schweiß und ich überlege, ob ich genug Wasser mitgenommen habe. Auf jeden Fall habe ich knapp an eine Grenze kalkuliert. Aber ich liebe das und wirklich in Gefahr bin ich ohnehin nicht. Etwa alle drei Minuten werde ich nämlich von einem Auto überholt, aus welchem ich mit zunehmender Strecke auch immer respektvoller gegrüßt werde. Ich bin der einzige, der diesen Weg heute zu Fuß zurücklegt und damit auch der einzige, der am Eingang der Halbinsel den Naturschutzeuro nicht zahlen musste. 

Nach etwa weiteren 90 Minuten und einigen 12% Steigungen schlägt die Straße einen scharfen Bogen nach links. Hier treffe ich alle Autos wieder, die mich während der Anreise überholt haben. Eine lange Schlange hat sich entlang des Weges gebildet, denn ab hier ist auch für die bequemer Anreisenden der Fußbus angesagt. In der großen Kurve gibt es auch einen kleinen Parkplatz mit einer Imbißbude, bei der ich mir erzwungenermaßen 0,75 Liter Wasser für 2 Euro kaufe.

 Für solchen Luxus habe ich zwar nicht gespart, aber sicher ist sicher. Mit zahlreichen anderen Besuchern, die Badeschlappen und Handtücher tragen, begebe ich mich alsdann auf die letzten Kilometer Richtung Balos und fühle mich dabei ein bisschen fehl am Platz in meinen Wanderstiefeln. Es ist hier hinten wirklich voll und ein Blick von der Aussichtsplattform in die Tiefe verrät mir schließlich, dass es unten noch viel voller ist. Balos kann nämlich nicht nur mit dem Auto erreicht werden, sondern auch mit dem Boot und ich erspähe bereits von oben unzählige Sonnenbetten, die sich sauber aneinanderreihen und auf denen bereits die Besucher braten. Mir reicht ein Blick von oben in diese wirklich atemberaubende Landschaft, dir menschenleer freilich noch atemberaubender wäre. Nach einer kurzen Rast kehre ich um und laufe die gleiche Strecke wieder zurück. Etwa 30km sollten für den Anfang genügen. Nach einer weiteren Nacht in Kissamos nehme ich den Bus nach Paleochora. Im Süden hat man zumindest zeitweilig die Möglichkeit, große Touristenströme zu meiden.

Die gesamte Halbinsel von Balos besteht aus kargen Felsen und Dornenbüschen. Unkomfortabel, simpel und wahnsinnig schön.

Dass man auf dem Weg zur Lagune allein ist, ist sehr unwahrscheinlich. Balos wird täglich von mehreren hundert Leuten besucht.

Der Blick in die Lagune ist umwerfend. Unten am Strand steht ein Meer aus Sonnenbetten. Übernachten darf man hier aber ausdrücklich nicht.

Paleochora

Paleochora ist eine wirklich nette, kleine Ferienstadt mit allen Versorgungsannehmlichkeiten, die man sich hierzulande nur wünschen kann. Ein breiter, sauberer Strand, an dem sogar ein öffentliches WC steht und davon in Wurfweite ein großer Supermarkt. Hier kann ich es mir konsumtechnisch noch einmal so richtig gut gehen lassen, bevor ich mich nach Gavdos begebe. Von der etwas oberhalb gelegenen venezianischen Festung hat man einen herrlichen Blick über die Stadt. 

Paleochora ist wirklich nett für einen ausgiebigen Strandurlaub, doch das habe ich nicht vor. Ich will nach Gavdos. In die Wildnis. Paleochora ist das Sprungbrett dahin. 

Rechts: Blick von der venezianischen Festung über die Stadt

Die Insel Gavdos


Gadvos ist ein kleines Eiland südlich von Kreta und von der Küste aus nur bei klarem Wetter mit dem bloßen Auge zu erkennen, denn es ist auch nicht besonders hoch. Die wenigsten der vielen Touristen in Paleochora wissen wahrscheinlich gar nichts von seiner Existenz und die meisten von denen, die es wissen, interessieren sich nicht dafür. Was ja nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. 

Gavdos hat für den durchschnittlichen Touristen verhältnismäßig wenig zu bieten. Es gibt dort keine Sonnenschirme, keine reich gedeckten Tische oder All-inklusive-Tauchkurse für Anfänger, keine Modeboutiquen, Souvenirläden oder Eisdielen. Gavdos ist anders und überdies auch noch etwa 4 Stunden mit der Fähre entfernt. Wer nach Gavdos geht, der strandet gewissermaßen in einer anderen Welt. Ein bisschen so, wie Odysseus, der der Legende nach 7 Jahre dort verbracht haben soll, gefangen im Bann der schönen Nymphe Kalypso. 
 

Wer heute nach Gavdos geht, der bleibt nicht ganz so lange, aber dennoch zumeist einen größeren Zeitraum, als normale Touristen. Aufenthalte von mehreren Monaten sind hier nicht die Ausnahme und das liegt wohl vor allem darin begründet, dass Gavdos eben anders ist. 

Ruhiger, besinnlicher, langsamer, sanfter, natürlicher und unkultivierter als die üblichen Reiseziele auf Kreta. Gavdos ist vom Massentourismus bislang weitestgehend verschont geblieben und so kommen jene, die den Weg hierher finden in den Genuss einer halbwegs intakten und zuweilen sogar unberührten Natur. Schroffe Felsenklippen, wilde Pinienwälder und unglaublich weit ausladende Sandstrände mit himmelblauem, kristallklaren Wasser umspielen und vereinen sich hier zu einem Flecken, dem man ohne größere Schwierigkeit das Attribut „paradiesisch“ verleihen kann, zumindest wenn man von den herkömmlichen Maßstäben ausgeht. Die Insel präsentiert sich als ein kleines, naturbelassenes Idyll und das ist nicht unbedingt jedermanns Geschmack, denn Gavdos muss man zweifelsohne aushalten können. Was auf Gavdos nämlich am allermeisten passiert, das ist …. nichts! 
Und das bietet dem Besucher jede Menge Möglichkeit zu Besinnung, Reflexion und Kontemplation. Etwas, was in der westlichen Welt nicht mehr allzu verbreitet ist und dementsprechend ungewöhnlich. 

Wer sich allerdings für das Kleine und Feine zu sensibilisieren versteht, der kann hier zahlreiche fantastische Entdeckungen machen. Sowohl im Innern, wie auch im Außen. 

Der Strand von Sarakiniko, aufgenommen vom "House of Exiles", dem Refugium griechischer Kommunisten und Systemgegner während der Metaxas - Diktatur. Gavdos diente damals als eine Art Gefängnis.

Vormals ein Hippiestrand findet man ihn mittlerweile von zahlreichen Tavernen und Minimärkten bebaut. 

Auch ein neues, kleines Amphiteater wartet hier auf kulturelle Belebung. 

Der Strand Agios Ioannis - in heutigen Tagen der erste Anlaufpunkt für Freicamper.  
Vom Discovery - Channel wurde er zum zweitbesten Strand der Welt gekürt. 

Endlose Dünen, bizarre Felsformationen und uralte Zedern geben diesem Ort einen einzigartigen, ja magischen Charakter. 

Selten sind die Zelte so freistehend, wie auf diesem Bild. Zumeist werden sie etwas windgeschützter direkt in die Büsche gebaut.

Ein recht abenteuerlicher, "modernisierter" Ziegenpfad führt von Agios Ioannis nach Lavrakas, einer von der Zivilisation nahezu abgeschnittenen Gegend. 

Blick über den Uwald von Lavrakas. Die gesamte Insel ist Mitglied im Natura 2000 Netzwerk. 

Die Trinkwasserversorgung wird in dieser Ecke durch einen Brunnen mit laborgprüftem Grundwasser sichergestellt. 

Einige Menschen leben hier auch dauerhaft in so genannten Kavazzas. Im Winter bei einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit ganz sicher nicht angenehm. 

Wer auf Gavdos etwas erleben will, der muss selbst aktiv werden und hier bieten sich dem Menschen mit Eigeninitiative zahlreiche Möglichkeiten. Manch einer baut sich aus Natursteinen ein kleines Lager um sein Zelt oder er verschönert den Strand mit Kunstwerken. Andere bringen ihre Angel mit oder eine Harpune und gehen auf Fischfang. Wieder andere begeben sich auf einen der zahlreichen Naturpfade, die die Insel durchziehen. Zwar kann man Gavdos an einem Tag beinahe ohne Probleme umrunden (sofern man gut zu Fuß ist), aber es gibt für den neugierigen Entdecker doch allerhand Möglichkeiten, auf seine Kosten zu kommen. 

Verfallene Dörfer, einsam in der Wildnis stehende Kapellen und auch die ein oder andere antike Ausgrabungsstätte. Gavdos war seit der Steinzeit besiedelt und hatte in seinen Hochzeiten bis zu 8000 Einwohner. Das Leben hier muss den Umständen entsprechend (Wasser gab es hier im Sommer nur aus Zisternen und der zum Teil zwar fruchtbare Boden ist mit Steinen gespickt) sehr hart gewesen sein und für die verbliebenen 50 ist es das auch ganz sicher immer noch. Auf Gavdos muss man nämlich nicht nur überleben können, sondern man muss es auch aushalten... 

Der Doppelstrand von Pirgos an der Westküste ist nur über einen steilen Pfad oder per Boot erreichbar. Selten trifft man hier mehr, als eine Handvoll Menschen. 

Gleiches gilt für Potamos im Südwesten. Immerhin hat der Pfad hinunter hier ein Geländer. Eine Gehzeit von etwa drei Stunden (Hinweg) sollte man für einen Besuch aber einplanen. 

Definitiv allein ist man in Lakudi an der Ostküste. Kiesstrände gelten in dieser Region schon als unattraktiv.

Der Pfad nach Tripiti ist wunderschön, wenn auch etwas schweißtreibend. Festes Schuhwerk ist hier, wie auch auf allen anderen Pfaden, durchaus vorteilhaft.

Kap Tripiti - der südlichste Punkt Europas. 
Auf dem Felsen wurde ein überdimensionaler Stuhl installiert.

Ganz schön windig hier...

Die Flussläufe der Insel sind in der warmen Jahreszeit ausgetrocknet und bieten sich als interessante Wanderwege an.

Im Teich unterhalb des kleinen Wasserfalls brüten Wasserschildkröten. Wenn man ganz leise und vorsichtig ist, dann kann man eine sehen.

Auf dem Pfad vom Hauptort Kastri nach Ambelos liefen einst Packtiere. Heute ist man hier ganz allein. Reste einer "Pflasterstraße" sind noch erkennbar. 

In Ambelos, dem höchsten Punt der Insel, leben heute noch zwei Einwohner. 

Verlassene Ortschaften finden sich über die gesamte Insel verteilt. Hier - das Dorf Pateridon.

Auch einzeln stehende Gebäude mit landestypischer Architektur findet man zuweilen mitten in der Wildnis. 

Gavdos ist ganz sicher einen (längeren) Aufenthalt wert. Aber nur für jene, die es anders mögen. 
Nach etwa zwei Wochen habe ich dieses Mal genug vom Eiland der Kalypso. Ich hatte mir noch einige Trips in Kretas Süden vorgenommen. Die Welt ist schließlich größer, als das Paradies.


Glückliche Schweine auf Gavdos

Glückliche Ziegen auf Gavdos

Glückliche Menschen auf Gavdos

Auf dem E4



 

Der europäische Fernwanderweg E4 führt laut Karte genau an der Südküste entlang. 

Wenn man in Paleochora die Fähre nach Gavdos nimmt, hat man die Gelegenheit, die Strecke schon einmal von der Distanz zu betrachten. Es geht mit dem Boot schließlich erst einmal zum Nachbarort Sougia, dann nach Agia Roumeli und zuletzt nach Loutro, bevor man Richtung Süden in See sticht. Fährt man also diese Küste mit den imposanten Felsen und den tiefen Schluchten entlang, fragt man sich – wo bitte ist denn hier der Weg? Achso – irgendwo da oben auf den Felsen, dann hinunter in die Schlucht und wieder hinauf. Ganz einfach! 

Von Paleochora nach Sougia

Ich verbringe noch zwei Nächte in Paleochora und genieße die Annehmlichkeiten dieses Ortes, seinen breiten Strand und auch den gut gefüllten Supermarkt, bevor ich mich am Montag Morgen auf den Weg Richtung Sougia mache. 

Der Weg führt anfangs ostwärts auf einer Schotterstraße, bevor es nach dem Gialiskari – Beach auf einen felsigen Küstenpfad geht. Hier steht idealerweise auch noch ein Schild, das den interessierten Wanderer über die Strecke informiert. Etwa 10km, 450 Höhenmeter und 6 Stunden Fußmarsch liegen vor mir und unterwegs besuche ich noch die antike Stadt Lissos, wo es auch einen Brunnen mit Trinkwasser gibt. Darum mach ich mir aber keine Sorgen. Ich habe 4 Liter dabei und Lissos liegt ohnehin fast ganz am Ende des Weges. 

Nach etwa 1km kommt der erste ordentliche Anstieg, in Serpentinen einem steilen Geröllhang hinauf, dann über ein Plateau, wieder hinab und schon bin ich in Lissos. Was auf Kreta an antiken Ausgrabungsstätten einsam und kaum beachtet vor sich dahinhinstaubt, ist wirklich bemerkenswert. Der komplette Grundriss einer vorchristlichen Stadt wurde hier in den 1950er Jahren freigelegt. Tempelmauern, Bodenmosaiken, Grabstätten, Reste von Bädern, ein kleines Theater und eine vollständig erhaltene byzantinische Kapelle mit Original – Wandmalereien stehen hier mehr oder weniger unbeachtet einfach herum. Das kann sich nur eine Insel erlauben, die ein Knossos hat.

Noch geht es Richtung Osten flach an der Küste entlang. Das wird sich aber bald ändern. 

Blick hinab nach Lissos. Die ganze Gegend wimmelt nur so von alten Gemäuern und Grundrissen.

Die kleine byzantinische Kapelle ist frei begehbar. Drinnen finden sich Reste von frühmittelalterlichen Wandmalereien.  

Ich sitze auf dem kleinen Rastplatz in Lissos und mache mir einen Salat. Gurke, Tomate, Zwiebel, Oliven, Thymian, Salz und Öl in einen Napf gegeben, gut verrührt – und fertig ist die kretische Diät. Lecker, nahrhaft, günstig. Ein Ziegenbock kommt herbei. Er schaut, schnuppert, wirkt sehr zutraulich, steht auf der anderen Seite des Tisches und schaut mich an. Ich heiße meinen Gast willkommen und gebe ihm eine Scheibe Gurke, die er im Nu wegknurbst. Es schmeckt ihm und er will ganz augenscheinlich mehr. Das macht er sehr deutlich, denn schon sind seine Vorderfüße auf dem Tisch und sein Maul steckt tief in meinem Napf, aus dem es augenblicklich zu knurpsen beginnt. Moment, mein Freund – so war das nicht abgemacht! Alles gute Zureden hilft nichts. Ich muss deutlicher werden, stehe auf und erhebe eine kräftige Stimme. Auch das funktioniert erst ab dem Punkt, an dem ich meine Schritte um den Tisch herum in seine Richtung lenke. Er lässt ab, trollt sich und schaut mir für den Rest meiner Mahlzeit aus der Distanz zu, dieser freche, verfressene Bock. Kein ethisches Bewusstsein!

Von Lissos nach Sougia ist es eine knappe Stunde. Es geht erneut einmal steil bergan, dann wenige hundert Meter geradeaus und noch einmal steil in Serpentinen bergab, ein Stück dem trockenen Flussbett entlang und schon hat mich die Zivilisation wieder. Die Etappe ist wirklich schön, zuweilen leicht anstrengend doch auch für weniger sportliche Menschen geeignet. Unterwegs bin ich etwa zwei Dutzend von ihnen begegnet. Ich selbst habe vier Stunden reine Gehzeit und noch die Hälfte meines Wassers dabei. Das macht mich für die kommenden Pfade zuversichtlich. 

 

Sougia ist ein netter, kleiner Touristenort. Es gibt eine kurze Promenade mit Tavernen, zwei Minimärkte und etwas abseits im Osten auch einen Minizeltplatz am Strand mit einer öffentlichen, kostenlosen Dusche. Irgendwo dort in der Nähe mache ich es mir mit einem Bier bequem und lasse es dunkel werden. Morgen früh geht es weiter nach Agia Roumeli. Ich hatte erst überlegt, beide Etappen an einem Tag zu machen aber Gott sei Dank habe ich das sein lassen... 

Von Sougia nach Agia Roumeli

Ein Informationsschild wie gestern kann ich für die heutige Tour nicht finden aber ich habe mich im Ort grob erkundigt – 20km Strecke, Gehzeit etwa 10 Stunden. Gut – wenn ich also morgens um 08:00 loslaufe, dann bin ich bei meinem Tempo am frühen Nachmittag in Agia Roumeli. 

Der Einstieg findet sich leicht. Es geht erst einmal über eine Asphalt- bald über eine Schotterstraße steil bergauf. Das ist frühmorgens und im Schatten noch sehr gut zu bewältigen. Nach etwa 30 Minuten habe ich das auch schon hinter mir und mir präsentiert sich ein atemberaubendes Bild in der Morgensonne. Der Pfad gestern war schön. Dieser hier ist umwerfend! Er schlängelt sich oben auf den Felsen entlang der Küste und eröffnet einige spektakuläre Blicke hinab auf die rotbraune von himmelblauem Wasser umspülte Steilküste. 

Umwerfend ist dieser Pfad aber nicht nur im visuellen Sinn, sondern definitiv auch körperlich! Es geht schon bald wieder bergab, ein Stück geradeaus und wieder hoch. Dann nochmal runter und nochmal hoch. Immer schön in Serpentinen über Geröllhänge. Manchmal ist der Pfad mit schwarzgelben Farbklecksen gut markiert und manchmal eben auch nicht. Wen man sich zu enthusiastisch in das Erklimmen versteigert, kann es passieren, dass man sich plötzlich auf einem Ziegenpfad befindet, auf welchem an dieser Stelle wirklich nur noch eine Ziege weiterkommt. In diesem Fall heißt es umkehren und noch einmal gründlich nach der richtigen Abbiegung suchen. Das kostet ordentlich zusätzlich Kraft und gegen Mittag wird mir solcherart Verlaufen zu schweißtreibend, als das ich ab nun nicht penibel auf die Wegzeichen achten würde. 

Die Landschaft ist, wie gesagt, absolut beeindruckend und abwechslungsreich. Es geht durch den Wald, vorbei an einer byzantinischen Kirche, der Küste entlang, über einen einsamen Strand, trockene Flussläufe hinauf und immer wieder auf und ab. Teils gibt es auch Stellen, bei den fraglich ist, ob es sich hier wirklich noch um einen Pfad handelt oder um eine Kletterwand (natürlich ohne Sicherung). Zum Teil ist es wirklich grenzwertig und in mir wächst ein Verständnis, warum mir unterwegs keine Menschenseele begegnet.

Ich bin wirklich ganz allein hier und das hat etwas sehr Gutes und zugleich auch etwas sehr Schlechtes. Irgendwann am Nachmittag, die heiße Sonne knallt mir in den Nacken, ist Agia Roumeli immer noch nicht in Sicht, meine 4 Liter Wasser neigen sich bedenklich dem Ende zu und dann verliere ich den Pfad. Das ist ein ziemlich blödes Gefühl, das mich in diesem Moment überkommt aber eines weiß ich – Hinsetzen und weinen wird in dieser Situation nicht helfen! Und das würde ja auch noch zusätzlich Flüssigkeit kosten. Also Ruhe bewahren, auf meinen superverlässlichen Schutzengel vertrauen und erst einmal in eine Tomate beißen. Da ist auch Wasser drin. Ab nun langsam bewegen und wenn möglich im Schatten. Nur durch die Nase atmen, damit die Mundschleimhaut nicht unnötig austrocknet. Positive Gedanken machen, Schritt für Schritt gehen und vor allem diesen blöden Pfad wiederfinden! Etwa 15 Minuten brauche ich dafür. Das ist unheimlich viel wertvolle Zeit, wenn man abschätzen kann, dass man Wasser für noch etwa 60 Minuten hat. Dann wird der Durst einsetzen und etwa eine Stunde später werde ich röchelnd in einer Ecke liegen und Sternchen sehen. Aber nicht die am Himmel. In meinem Hinterkopf habe ich noch den Emergency – Call 112. Aber eine potentielle Bergrettung lassen sich die Kreter sicher gut bezahlen, wie ich das so einschätze. Also, das kommt nicht in die Tüte! Ich rette mich selbst und in der Tat taucht nach einem weiteren massiven Anstieg ganz da unten Agia Roumeli vor meinen Augen auf. Der Abstieg geht noch einmal über ein furchtbar unangenehmes Geröllfeld, dann endlich über Serpentinen direkt in den erstbesten Minimarkt zum Kühlschrank mit dem Bier. Dieser war mir in den letzten Stunden unterwegs schon ständig als Vision erschienen. Diese hatte mich so in ihren Bann geschlagen, dass ich in besagtem Zeitraum leider keine Fotos machen konnte.

Diese Wanderung war wirklich ein harter Brocken und ich bin wenig verwundert, als man mir später erzählt, dass es sich hierbei um die „Königsetappe“ handelt und dass dieses Jahr dort schon ein Mann verdurstet ist. Vielleicht sollte das mal auf einem Schild am Einstieg vermerkt werden...

Der Morgensonne entgegen. Noch ist es idyllisch, ruhig und angenehm. Aber vor dem Ziel sollte man den Pfad nicht loben!

Es ist immer noch idyllisch, mittlerweile aber etwas rauer. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, wunderschön und fordernd. 

Erstaunliche Felsformationen kann man auf dem Weg auch reichlich bewundern. Die Zeit wird dann allerdings etwas knapp.

Von Agia Roumeli nach Loutro

Entgegen meiner Annahme, ich würde diese Nacht aufgrund des anstrengenden Tages gut schlafen, bekomme ich am Strand von Agia Roumeli kaum ein Auge zu. Das liegt zum einen wohl daran, dass ich unterbewusst immer noch leicht aufgeregt bin, zum anderen aber daran, dass die Einwohner einen Geburtstag feiern und das machen sie nicht leise. In der Nacht fallen einige Tausend Schüsse. Etwa alle 15 Minuten wird irgendwo in der näheren Umgebung eine Maschinenpistole entleert und zwar bis lange nach Mitternacht. Ich nehme stark an, dass es sich dabei um Platzpatronen handelt. Alles andere wäre nicht nur gefährlich sondern ganz sicher auch sehr teuer. Dass die Kreter gerne ballern, das weiß ich ja. Aber in so einem Ausmaß habe ich es noch nicht erlebt. 
Agia Roumeli ist ja der Ort, an dem die Samariaschlucht endet, jene Touristenattraktion, die jedes Jahr Tausende Besucher anzieht. Im dichten Schwall stürzen diese in der Saison täglich nach Agia Roumeli zu Tale und lassen sich nach einem kurzen Aufenthalt in einer der zahlreichen Tavernen mit der Fähre wieder nach Paleochora verfrachten. Im Grunde besteht Agia Roumeli aus nicht viel mehr als Tavernen und Minimärkten, die in einem Zeitfenster von etwa 2 Stunden ihr gesamtes Tagesgeschäft erledigen. Der Ort lebt von den zahlungskräftigen Besuchern der Samariaschlucht und dementsprechend deftig sind hier die Preise. Ein guter Grund, den Ort am nächsten Tag Richtung Loutro zu verlassen.

Im Vergleich zum gestrigen Tag ist der Weg nach Loutro nicht vielmehr, als ein Sonntagsspaziergang. Aber den habe ich nach dem gestrigen Tag auch bitter nötig. Ein Stück am Strand lang, vorbei an der byzantinischen Kapelle Agios Pavlos (es ist wirklich bemerkennswert, wieviel byzantinisches Zeug sich hier an der Südküste befindet), dann hinauf auf eine Steilküste, 90 Minuten Geröllpfad und schon ist man am Sweetwaterbeach und gleich darauf in Loutro. 

Entgegen meiner bisherigen Domizile gibt es hier leider keinen Strand, an dem man übernachten könnte. Loutro ist eine kleine, felsige Bucht, die nur mit dem Boot zu erreichen ist und bis auf den letzten Meter mit Tavernen und Pensionen zugebaut. Immerhin etwas zu Essen kann ich mir in einem Minimarkt holen, dann begebe ich mich zu der Ruine einer venezianischen Festung etwas oberhalb des Ortes und bette mich dort unter einen Olivenbaum. Ich will morgen früh raus, denn auf meinem Weg weiter nach Hora Sfakion werde ich zwischendrin einen kleinen Abstecher über den Pachnes machen.

Loutro - bis auf den letzten Quadratzentimeter bebaut und nur mit dem Boot zu erreichen. 

Oberhalb des Ortes befindet sich eine alte venezianische Festung.

Individualistisch und doch mit Gemeinsinn - die kretische Bergziege, eine ständige Begegnung.

Von Loutro nach Plakias


Auf dem Pachnes

Es ist noch dunkel, als ich mein Nachtquartier verlasse. Ich bin früher aufgebrochen als sonst, denn ich habe heute viel vor. Im Augenblick befinde ich mich etwa 20 Meter über dem Meeresspiegel und der Pachnes ist mit 2453 Metern der höchste Berg des Idamassivs und damit der zweithöchste der Insel. Man sieht ihn schon von ganz unten und irgendwie scheint er ziemlich weit weg. 

Der erste Teil der Strecke ist sauberer Asphalt, der sich in engen Serpentinen auf etwa 500 Meter zum Ort Anopoli den Berg hoch schlängelt. Dieses nette Bergdorf ist der Punkt, an dem nahezu alle Pachnesexkursionen starten und ich erreiche es gegen 10:00 Uhr. Bis zum Gipfel sind es nach Auskunftstafel jetzt noch 7 – 8 Stunden, d.h. ich werde definitiv da oben schlafen und morgen wieder absteigen. Ich lade mir 8 Liter Wasser in den Rucksack, kaufe mir ein paar Tomaten und gehe dann zum Bäcker, wo ich mir zwei Sesamringe besorge. Der Bäcker ist ein wirklich neugieriger und auch überaus freundlicher Mann. Als ich ihm sage, dass ich jetzt auf den Pachnes zu steigen gedenke, schenkt er mir eine ganze Tüte voll mit leckeren Brotstückchen (sowieso bekomme ich hier dauernd Kleinigkeiten geschenkt; in Tavronitis schon eine Tomate, auf Gavdos ein Feuerzeug, in Paleochora einen Kaffee und die Kassiererinnen in den Supermärkten geben das Wechselgeld gerne auch mal aufgerundet raus. Ich liebe die Mentalität dieser Insel!). Das Brot ist sowas von lecker. Es ist mit Sesam bestreut, leicht knusprig und schmeckt nach Zimt und Kardamom. Es ist so lecker, dass die Tüte schon lange vor dem Gipfel alle sein wird und die Sesamringe warten müssen. 

Wenn man auf den Pachnes will, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man nimmt den Fußpfad oder die 22 km lange Schotterstraße, die bis kurz unter den Gipfel führt. Die Entscheidung wird mir von der Umgebung abgenommen, weil ich den Einstieg zum Pfad nämlich nicht auf Anhieb finden kann und definitiv keine Zeit habe, jetzt ewig zu suchen. Also nehme ich die Straße und das kommt mir nach der Pfadfinderei der letzten Tage auch irgendwie entgegen, denn falsch machen kann man hier nicht viel. Es heißt ganz simpel „Volle Kraft voraus, bis die Socke qualmt!“ 

Endlose Serpentinen. Die Landschaft wird zunehmend kahler, der Ausblick atemberaubender. Von oben knallt heiß die Sonne an diesem klaren und schönen Tag und zugleich pfeift einem hier ein kalter Wind um die Ohren. Gerade dieses gegensätzliche Wetter ist schon eine Herausforderung, wenn man sich mit 18kg auf dem Buckel diesen Berg hinaufschleppt. Stündlich wechsle ich das völlig durchnässte T-Shirt, nur um durch einen Windstoß dabei eine schöne Gänsehaut verpasst zu bekommen. Aber dieses leckere Brot vom Bäcker ist mir ein guter Trost. 

Solange man rödelt, nimmt man die Zeit kaum wahr. Das geht mir an diesem Tag einmal mehr auf, denn irgendwie bin ich Ruckzuck oben. Also, nicht ganz oben aber immerhin fast ganz oben. 

Es ist etwa 16:00 Uhr, als ich das Ende der Straße und den Einstieg zum Gipfelpfad erreiche. Von hier sind es nach meinen Informationen noch 60 – 90 Minuten zum Gipfel. Sonnenuntergang ist 19:00 Uhr. Ich rechne und schaue mich um. Ich bin hier von unzähligen Gipfeln umgeben, hinter denen die Sonne viel früher verschwinden wird und bereits jetzt wird es unangenehm kalt. Dann taste ich meine Fingerkuppen ab und muss feststellen, dass sie seltsam taub und eisig sind. Hatte ich bislang gar nicht so mitbekommen. Vor etwa 45 Minuten bin ich an einer kleinen Schutzhütte vorbei gekommen. Ich laufe dahin zurück und vertage den Gipfelsturm auf morgen früh. Irgendwie erscheint mir das gerade vernünftig. Etwa 35km und 2300 Höhenmeter sind zwar kein Weltrekord, aber ich gebe mich dieses mal damit zufrieden.

Die Nacht ist eiskalt! Obgleich ich alle Klamotten anziehe, die ich mithabe, bekomme ich kaum ein Auge zu. Mein Schlafsack ist für Sommertemperaturen ausgelegt und für den Pachnes definitiv viel zu dünn. Ich bin heilfroh, dass ich in dieser halb eingestürzten Hütte noch eine Wolldecke finde, die ich als Unterlage benutze. Ohne diese hätte sich die Ungemütlichkeit dieser Naht noch einmal potenziert. Ich stehe frühs mit dem ersten Licht auf und bin ziemlich im Arsch. Aber für den Gipfel und den Abstieg nach Anopoli wird es reichen. 

Frühs 09:00 Uhr bin ich auf dem Gipfel. Ich habe Glück, denn das Wetter ist vollkommen klar und ich genieße einen spektakulären Blick über die etwa 50 Gipfel der weißen Berge, alle über 2000 Meter hoch. Ich bin hier ganz allein und am heutigen Tag der allererste Bezwinger. Als ich absteige, kommt mir bereits die erste Wandergruppe entgegen. Die üblich Art, den Pachnes zu besteigen ist nämlich, sich mit einem Jeep bis zum Ende der Straße fahren zu lassen und nur die letzten 90 Minuten zu Fuß zurück zu legen. Aber irgendwie halte ich das für einen Beschiss am Berg. 

Als ich den Einstieg zum Gipfelpfad wieder erreiche, stehen da schon zwei Jeeps und daneben steht Giorgos. Stiefel, Tarnhose, Basecap. Giorgos spricht kaum Englisch und ich kaum Griechisch aber die Verständigung klappt trotzdem ganz gut. Giorgos ist Jäger, das macht er mir mit der Präsentation eines totgeschossenen Hasen und seiner Schrotflinte sehr deutlich. Er wartet hier auf seine beiden Kollegen, die noch in den Bergen unterwegs sind und nach deren Rückkehr werden sie mich mit dem Jeep mit nach unten nehmen. Das ist ein Angebot, das ich unmöglich ausschlagen kann. 

Wir sitzen da und warten. Mehr Jeeps erreichen den kleinen Parkplatz und Gruppen bunt gekleideter, Stöcke schwingender Wanderer machen sich auf ihren Triumphmarsch. Giorgos und ich sitzen da und schweigen. Mit Männern aus den Bergen kann man prima zusammen schweigen und es ist zu keinem Zeitpunkt unangenehm. Ich will Giorgos etwas Geld für das Taxi geben, aber das lehnt er ab. Dann biete ich ihm Oliven an. Die will er auch nicht. Giorgos geht zum Auto, kramt und bringt mir eine Banane. Das Spiel lautet in etwa: „Wer kann den anderen mit edlen Gaben übertreffen?“ Giorgos gewinnt und ich esse die Banane. 
Die Fahrt nach unten ist einfach nur herrlich. Die drei haben sich zusammen in die kleine Fahrkabine gezwängt und ich habe die gesamte Pritsche des Jeeps für mich. Mir wurde sogar noch eine mit Schafswolle gefütterte Jacke für die Polsterung meines sensiblen Hinterteils geliehen. 

Ich frage mich, womit ich soviel Ehre verdient habe. Wahrscheinlich bin ich seit langem der einzige, der den Pachnes komplett zu Fuß hoch gelaufen ist. Diese Ahnung ist mich schon überkommen, als der Bäcker so überaus freundlich zu mir war. 

Gegen Mittag bin ich in Anopoli, werde überaus herzlich verabschiedet und beschließe, heute noch nach Hora Sfakion abzusteigen. Das sind 15 km Asphalt, nicht wirklich attraktiv aber die Aussicht, heute Nachmittag meine Füße ins Meer zu halten, gibt mir Kraft. Ich bin vielleicht 2km stadtauswärts gelaufen, da höre ich hinter mir einen Jeep. Es sind wieder die Jäger. Sie wollen auch nach Hora Sfakion und ihrer erneuten Einladung auf die Pritsche kann ich nicht widerstehen. 30 Minuten später sitze ich am Strand und schlürfe Bier. 

Der Pachnes von Anopoli aus. Von hier bis zum Gipfel sind es etwa 8 Stunden Fußmarsch oder eine mit dem Jeep.

Mondlandschaft. Steinwüste. Die Gegend oberhalb der Baumgrenze hat ihren ganz eigenen Charme.

Und der Ausblick in einem Wort zusammengefasst ist... unbeschreiblich!

Die Imbrosschlucht

Hora Sfakion ist nett. Ich bin schon oft hier gewesen auf meinem Weg nach Gavdos. Viele Tavernen, ein paar Minimärkte und Bäckereien, ein kleiner Sandstrand und die Reste einer venezianischen Festung, in denen man fabelhaft schlafen kann. „Nett“ bedeutet, ich ziehe am nächsten Tag weiter Richtung Frangokastello. Der Weg dahin ist recht unspektakulär – ich nehme die Landstraße. Gegen 09.00Uhr kann ich dann nicht widerstehen und nehme nach links den Einstieg in die Imbrosschlucht. Das ist ein wirklich schöner Wanderweg hoch zur Askifou – Hochebene. Der Eintritt kostet 2 Euro, aber das Kassenhaus ist zu dieser Zeit noch nicht besetzt, was ich nicht schlimm finde. 

Der Pfad durch die Imbrosschlucht ist felsig, zuweilen anspruchsvoll aber safe. Er wird von vielen Touristen gegangen und unterwegs finden sich sogar einige Mülleimer. Ich beschließe, meiner Spontanwanderung einen sportlichen Anstrich zu verleihen, nehme die Uhrzeit und die Beine in die Hand. Wenn ich auf diesen Felsenpfaden loslege, dann komme ich in eine Art Rausch. Das einzige, was zählt, ist genau der nächste Stein vor den Füßen. Nichts weiter. Ich verwandele mich gewissermaßen selbst in eine Bergziege. Die Schritte werden leicht, der Sinn hebt sich und ich werde von Glückshormonen durchflutet. Immer schön freundlich grüßen, wenn ich mir den Weg an einer Wandergruppe vorbei bahne. Sonst erschrecken sich die Leute noch unnötig, wenn eine menschgewordene Bergziege an ihnen vorbei rast.

Kurz vor dem Kassenhäuschen am oberen Ende kehre ich um und bewege mich wieder springend ins Tal. Unterwegs kommt mir kurz der Gedanke, dass ich wahrscheinlich noch nie soviel Spaß hatte, wie jetzt gerade. Es ist schrecklich anstrengend, jeder Schritt braucht volle Konzentration, ich bin völlig in meinem Film „Carsten Belletz – die Bergziege“. Dass die Leute verwundert schauen, ist mir ziemlich egal. Einige werden mir im Nachhinein sagen, dass sie das sehr beeindruckend fanden. Aber das ist mir auch egal. Naja – ein bisschen schmeichelhaft finde ich es schon. Insgesamt brauche ich für die Imbrosschlucht einmal hoch und wieder runter 120 Minuten. Das ist ganz respektabel, aber sicher ausbaufähig. Zumal ich zu Beginn ja auch noch Fotos gemacht habe. Das Kassenhäuschen am unteren Ende hat mittlerweile geöffnet und ich drücke hier auch noch die zwei Euro ab. Das war es mir wert. 

Am späten Nachmittag erreiche ich den Strand von Frangokastello. Der Ort ist wenig reizvoll. Er liegt an der Spitze einer ebenen Landzunge und einzig die venezianische Festung hier ist bemerkenswert. Die wird aber gerade renoviert und eine Besichtigung ist nicht möglich. 

Im 19. Jahrhundert haben hier 200 kretische Freiheitskämpfer im Kampf mit einer osmanischen Armee ihr Leben verloren. Die Legende besagt, dass ihre Geister sich im Morgennebel am Strand manifestieren. Das ist sicher nur eine Spukgeschichte, auch wenn Berichte von Wehrmachtssoldaten aus dem 2. Weltkrieg dies angeblich bestätigen. Wahrscheinlich hatten die einen Inselkoller. Von allen guten Geistern werde aber auch ich diese Nacht verlassen. 



Hora Sfakion in der Morgensonne. In dem Wäldchen links befindet sich... eine venezianische Festung!

Die Imbrosschlucht in der Morgensonne. Noch ist es ganz ruhig, doch schon bald werden hier Dutzende Wandergruppen zu Tale stürzen. Am oberen Ende, auf der Askifou - Hochebene, befindet sich übrigens eine Festung (eine osmanische!)

Frangokastello - eine venezianische Festung.

Plakias

Bereits kurz nach der Imbrosschlucht hatte ich ein leichtes Stechen im rechten, unteren Schienbein, das sich auch heute früh bemerkbar macht. Das ist sicher nur eine kleine Verspannung. Das Beste ist, einfach ignorieren und loslaufen. Das löst sich schon unterwegs. Also laufe ich los. Etwa eine Woche habe ich noch auf Kreta (den Rückflug hatte ich unterdessen schon gebucht gehabt, nachdem ich meine Planungen vor Ort abgeschlossen hatte). Ich will noch zum Kloster Preveli laufen und als krönenden Abschluss den Psiloritis bezwingen. Die Strecke nach Plakias ist da erst einmal verhältnismäßig einfach. 30Km Landstraße und ein paar hundert Höhenmeter. Das Stechen geht aber nicht weg, sondern wird schlimmer. Mittlerweile bin ich aber mitten auf der Strecke. Zum Daumen raushalten bin ich zu stolz und irgendwie nehme ich das in diesem Augenblick als eine gute Übung im Zähne zusammenbeißen wahr. Also. Ich laufe unter Schmerzen bis Plakias und habe am nächsten Tag den Salat – einen fett geschwollenen Fuß. Die Googlerecherche ergibt recht zügig: Sehnenscheidenentzündung. Zwei Wochen Pause! Restliche Planung: Essig!

Immerhin hätte ich es dümmer erwischen können, als in Plakias zu stranden. Der Strand lädt zur Übernachtung ein, der Supermarkt ist nur einen Steinwurf entfernt. Ich besorge mir Alexis Sorbas auf englisch und richte es mir so gut es geht auf diesem erzwungenen Strandurlaub ein. 

Alexis Sorbas vom Nikos Kazantzakis ist die Kretalektüre schlechthin. Niemand hat eine einzigartige Landschaft und ein faszinierendes Lebensgefühl besser in Worte gefasst, als dieser Mann. Gerade in englischer Sprache entfaltet der Roman in mir eine gewaltige Wirkung und sorgt dafür, dass ich mich auf Kreta ein bisschen mehr daheim fühle, als ich es bislang schon tat. Irgendwann werde ich ihn auch noch auf griechisch lesen, aber das dauert noch ein paar Jahre. 

Der Wind pfeift die letzten Tage mit etwa 40km/h über den Strand. Tags wie Nachts, ununterbrochen und das sorgt dafür, dass ich in dieser Woche schon ein bisschen mehr die Tage zähle, als sonst auf diesem Trip. Ich bin ein bisschen froh, als ich in den Bus Richtung Chania steige. In Deutschland bin ich zwar immer noch Invalide, aber wenigstens werde ich dort ein Dach über dem Kopf haben und muss Nachts keinen Sand fressen, der mir ins Gesicht weht. 

Plakias ist nett und man kann es hier auf jeden Fall aushalten. Etwa 70% der Bewohner sind während der Saison Touristen und davon sind gefühlt 70% Deutsche. Für einen Strandurlaub ist dieser Ort ideal.
Was vielleicht nicht ideal, aber unheimlich schön ist, sind die krassen Wettergegensätze, die man auf Kreta zuweilen beobachten kann.

Chania

Zwei Nächte habe ich noch in Chania. Humpelnd bewege ich mich durch die Gassen der wunderschönen Altstadt. Nicht übermäßig viel, aber eben doch ein bisschen und so gut es eben geht. Den ganzen Tag sitzen kann ich einfach nicht. Am innenstadtnahen Kalimaki – Beach kann man schlafen, zwar nicht sonderlich komfortabel aber für meine Ansprüche ausreichend. 

Ich sitze am Plataia Square, wie schon oft, beobachte Menschen, die Tauben füttern und lasse die Reise langsam ausklingen. Unweit entfernt steht eine Gruppe Schwarzer und unterhält sich. Ich schaue genauer hin und ja – das ist Modu (Modu ist ein junger Mann ohne Papiere aus dem Senegal, der sich hier wacker durchschlägt. Ich hatte ihn vor zwei Jahren in Chania kennengelernt und mich mit ihm angefreundet). Er trägt die schwarze Regenjacke, die ich ihm bei meinem letzten Besuch morgens auf dem Tisch liegen gelassen hatte.

Ich gebe ihm einen Kaffee aus und kaufe ihm einen Cheesepie. Dann gehen wir in sein neues Domizil. Er wohnt gerade im 5. Geschoss eines Rohbaus direkt am Plataia Square, in dem er auch tagsüber arbeitet. Er hat sich dort ein Zelt hingebaut und meint, dass er nächsten Monat sicher wieder ein Zimmer hat. Wir gehen ganz nach oben aufs Dach, sitzen dort und schauen über die Stadt. Er meint, das sei ihm schon wichtig, dass er auf jeden Fall eine gute Aussicht hat. Das kann ich gut verstehen. Ich schenke ihm zum Abschied 10 Euro. Ich weiß nicht, ob ihm das wirklich hilft. Mehr als eine Geste ist es nicht. 

Dann geht auch schon mein Flieger zurück nach Deutschland. Ich komme als Verletzter wieder, aber alles andere wäre ja auch langweilig. 

Der Yachthafen von Chania. 

Blick von der venezianischen Festung auf die Hafeneinfahrt.

Über den Dächern von Chania.