Zypern 2022

 

Es geht nach Zypern – der Insel der Aphrodite. Die liegt im östlichen Mittelmeer und sieht von oben in etwa so aus wie eine Bratpfanne. Das trifft den Charakter des Landes auch ziemlich gut, denn es ist hier meistens verdammt heiß und man kann sich vorzüglich durchrösten lassen. Außerdem ist Zypern eine Art kultureller und religiöser Schmelztiegel, in welchem sich europäische und asiatische Einflüsse mehr oder weniger harmonisch miteinander zu verbinden trachten oder zumindest koexistieren. Griechen, Perser, Römer, Franken, Venezianer, Osmanen und Briten waren allesamt hier oder sind es immer noch, entweder leibhaftig oder durch ihre zahlreich in Stein gehauenen Spuren – ein Schlaraffenland für Archäologen und Studienreisende... und selbstverständlich auch für den Ottonormalpauschaltouristen, denn Zypern ist natürlich auch eine Hochburg des Resorthotels. Stahlbeton trifft auf korinthisches Kapitell, Cocktailbar auf Königsgrab und Autobahn auf Maultierpfad. Eine Symbiose aus allem Möglichen und für jeden ist hier was dabei. 


Schonmal was vom Zypernkonflikt gehört? Welcher jetzt? Der zwischen Persern und Griechen? Oder der zwischen Kreuzrittern und Muslimen? Oder der zwischen Venezianern und Osmanen? Oder der zwischen Briten, Türken und Griechen? Ja, genau der. Der aktuelle, der seit 1974 so eine Art Elefant im Raum ist, aber weil Vietnam, Afghanistan und Golfkrieg spektakulärer waren mit mehr Toten und größeren Bomben, fiel die Sache mit Zypern scheinbar irgendwie ein bisschen unter den Tisch. Also, in Zypern ist im Grunde eine permanente Schweinerei im Gange, bei der sich alle Seiten nur verzweifelt die Haare raufen und sich fragen, wie man die Geschichte auflösen soll und weil das aber irgendwie keiner weiß, bleibt eben alles, wie es ist. Das gibt zumindest keine Toten, sondern nur ein beschissenes Klima im Land, so auf politischer Ebene. 

Die Türkei ist 1974 hier mit Panzern reingefahren, um ihre Glaubensbrüder, die vor etwa 500 Jahren ebenfalls mit großen Kanonen hierhergekommen sind, vor dem Hass der Griechen zu beschützen, die schon ein bisschen länger hier sind, so etwa seit der Bronzezeit, in der es noch keine Kanonen gab, sondern nur Äxte und Schwerter, die sie damals auch haufenweise mitgebracht haben. Heutzutage benutzen sie aber selbstverständlich Kanonen und ihre Freunde, die Briten, die hier auch ein paar Stützpunkte unterhalten, haben ihnen zudem ein paar moderne Kampfjets überlassen, mit denen sie jetzt rumfliegen. 

Die Lage hier ist also schon ein wenig angespannt. Aber was solls - ich gehe hier mal ein bisschen wandern.

(unten: Blick auf den Paphos - Forest)

 Von Paphos nach Palaichori 


Es ist der 25.08.2022, Mittag. Meine Maschine landet auf dem kleinen Flughafen östlich von Paphos und gleich nach dem Aussteigen stelle ich fest: Es ist verdammt heiß hier! Die Sonne ballert gnadenlos vom wolkenlosen Himmel. Kein Wind weht. Es wird wohl ein bisschen dauern, bis ich mich akklimatisiert habe. Ich esse an der Hafenpromenade meine erste Portion Griechischen Salat und schaue mich um. Leute sitzen hier unter den schattigen Sonnenschirmen der Cafes oder baden. Ich schwitze, während ich esse. 

Paphos hat in den letzten Jahrzehnten eine recht rasante Entwicklung hingelegt. Vom verschlafenen Fischerdorf zur boomenden Touristenmetropole und Kulturhauptstadt im Jahr 2017. Hier gibt es jede Menge schicke Hotels, viele Shoppingmöglichkeiten, eine ganze Reihe Strände und natürlich Massen an antikem Krempel. Gleich hier am Hafen ist ein weiträumig abgesperrtes Areal mit einigen Quadratkilometern Fundamenten und Bodenmosaiken. Daneben die „Königsgräber“, die nur dem Namen nach die Überreste von Königen beherbergen. Drinnen liegen nämlich ausschließlich Reiche, die vielleicht gerne Könige gewesen wären. Aber heutzutage ist ja der Kunde der König, wohl auch auf dem Friedhof und deshalb geht das schon in Ordnung. 

Wie auch immer – es ist ziemlich heiß und nach Museum ist mir gerade überhaupt nicht. Erstmal nach Norden raus aus der Stadt und warm laufen. „Warm“ ist das kleinere „Heiß“ und wenn ich mich schnell genug bewege, dann entsteht eine Art Fahrtwind, der mir angenehm kühl ins Gesicht bläst. So die Theorie. Leider funktioniert das nicht und der Aufenthalt hier bleibt auch unter Anwendung des Fahrtwindtricks etwas unangenehm. Nach dem zu urteilen, was ich in einigen Survivalbüchern und auch in spirituellen Werken gelesen habe, ist das gut. Was uns nicht umbringt, das macht uns stärker. Ätzende Sachen sind ein Segen und wenn etwas Aua macht, dann sollte man das begrüßen. Schmerz ist ein göttliches Geschenk, das uns wachsen lässt. Zumindest, solange man keinen Hitzschlag erhält, einem plötzlich ein Arm fehlt oder die Nachbarschaft durch sein Gejammer und Geschrei aus dem Schlaf reißt. Ich bin zwei Stunden hier und meine Klamotten kleben mir am Körper. Also, weh tut das nicht direkt. Aber es ist irgendwie ein bisschen eklig. Ist vielleicht auch nicht ganz verkehrt auf dem Weg zur Erleuchtung. „Stinkend und verklebt betrat er das Paradies...“ 



Den Küstenweg nach Norden hatte ich schon beim Landeanflug begutachten können. Hier ist so ziemlich jeder Quadratmeter zubetoniert. Kilometerlang reiht sich Resorthotel an Resorthotel. Davor jede Menge Sonnenschirme und Palmen unter denen Urlauber liegen mit Cocktails, Partymusik und rot gebrannter Haut. Tausende, dicht an dicht. Es riecht nach Sonnencreme und gegrilltem Fleisch. Ich gehe schnell weiter und erreiche am Abend das Städtchen Pegeia. Dort an der „Coral Bay“ beziehe ich gegen Abend mein erstes Nachtquartier. Das ist ein kleiner, öffentlicher Partystrand, angeblich einer der schönsten hier. Er ist zugestellt mit Sonnenliegen, Palmen und Bars. Ein Parkplatz gleich dahinter. 

So richtig bin ich heute noch nicht angekommen. Es ist ein klein klitzekleines bisschen zu heiß, auch nachts, und der erste Wandertag führte durch eine Welt, die nicht die meine ist. Aber an das Klima kann man sich gewöhnen und auch Tatsache 2 lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bald ändern. 

(unten: Blick entlang der Westküste Richtung Paphos, rechts in der Ecke die "Coal Bay")

Wie war gleich mein Plan? Irgendwie einmal um Zypern drum herum und dann auch mal mitten durch, weil in der Mitte ja der Olympos ist, auf den ich unbedingt steigen will. Also erst einmal noch ein Stück weiter nach Norden Richtung Polis. Hier offenbart sich allerdings gleich das erste Problem. Was nämlich die südliche Westküste zu viel hat, das hat die nördliche zu wenig. Versorgungsmöglichkeiten! Die Akamas – Halbinsel ist ein Naturschutzgebiet mit 0 Bebauung. Ich versenke meinen Blick in Googlemaps, grübele und kalkuliere. Unbekanntes Terrain ohne feste Wege, etwa zwei Tagesmärsche, schrecklich heiß, null Versorgung, frisch angekommen. Ich nehme dann mal die Landstraße nach Polis. Diese schneidet besagtes Gebiet so ziemlich genau vom Rest der Insel ab. Das ist ein bisschen schade, erscheint mir aber gerade „vernünftig und machbar“, also die kleinen Brüder von „feige und faul“, aber wer will schon so hart mit sich ins Gericht gehen? Ein schöner Tag wird es allemal. Ich laufe auf sauberem Asphalt durch nur dünn besiedeltes Gebiet, die Aussicht ist fantastisch und der Autoverkehr überschaubar. Heiß ist es aber immer noch. 

Irgendwann am späten Nachmittag bin ich dann in Polis, einem kleinen, netten Städtchen an der Nordküste. Hier ist nicht allzu viel los im Vergleich zu Paphos. Ein halbes Dutzend Hotels, eine kleine, schicke Uferpromenade mit einigen Tavernen und ein vorzüglich gestalteter öffentlicher Kiesstrand. Der schlaue Landstreicher nächtigt allerdings am Strand des Campingplatzes nebenan. Der kann nämlich mit feinstem, kuschelig – weichen Sand aufwarten. 

(unten: die Strandpromenade von Polis)

Polis ist recht weit entfernt von „spektakulär“ in irgendeiner Form. Richtung Westen an der Nordküste entlang kommt man zu den „Bädern der Aphrodite“. Im Wesentlichen ist das ein kleiner Teich, umsäumt von Felsen und ein paar Blumenbeeten. Das ist mir die 10 Kilometer nicht wert und ich gehe am nächsten Tag straight Richtung Troodos – Gebirge. Also nach Südosten auf Feldwegen und kleinen Pflasterstrassen über frisch abgeerntete Felder. Hatte ich schon erwähnt, dass es verdammt heiß ist? Schwitzend quäle ich mich voran und überlege, wie das wohl so war als Kreuzritter im Sommer hier. Ich selbst habe Oberkörper frei und etwa 15kg mit dem Nötigsten auf dem Rücken. Ein Kreuzritter schleppt neben dem Nötigsten ja auch noch seine Werkzeuge und dazu etwa 15kg Kettenhemd, unter welchem sich eine fette, wattierte Kleidung befindet, damit das Eisen nicht auf der Haut scheuert. Sofern er sich um die Mittagszeit nicht in den Schatten verkrümelt, verwandelt er sich zweifelsohne in ein gegrilltes, heiliges Würstchen im Schlafrock. Und wenn dann auch noch „Heiden“ auftauchen, die mit dem Flitzebogen auf ihn schießen, dann wird er auch noch gespickt. Derart Gedanken erleichtern mir meine eigenen Strapazen. Im Vergleich zur Lebenswelt eines Kreuzritters mache ich hier ohne Zweifel Kindergarten. Aber was zum Geier machen eigentlich Kreuzritter auf dieser Insel? Kreuzritter sind auf dieser Insel, weil Jesus und auch Mohammed ein Aha – Erlebnis in der Wüste hatten und Anhänger beider Parteien einige Zeit nach deren Ableben anfingen, das Erlebnis ihres jeweiligen Propheten als das einzig Wahre zu postulieren und darüber zu streiten. Das war zwar nicht im Sinne von Jesus oder Mohammed, deckte sich aber zufällig mit den wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen der mittelalterlichen Herrschaften. 

Richard Löwenherz landete hier im Jahr 1191 während des 3. Kreuzzugs nun außerplanmäßig mit seinem Heer. Das Schiff seiner Gattin Berengaria hatte bei Limassol Schiffbruch erlitten und die Braut war von den hier regierenden Byzantinern gekidnapped worden. Dies war für den englischen König mehr als genug Anlass, ganz Zypern zu erobern. Wirklich etwas anfangen konnte er mit der Insel aber nicht und übereignete sie den Tempelrittern. Diese konnten damit aber auch nichts anfangen und verkauften sie weiter an das Haus Lusignan, ein französisches Adelsgeschlecht, das seine Finger in so ziemlich jeder Kreuzzugsangelegenheit hatte. Deren Herrschaft in den folgenden Jahrhunderten war dann auch wenig populär. Sie selbst lebten in Saus und Braus auf ihren Burgen und verweichlichten, während sie die Bevölkerung mit hohen Abgaben belasteten und auspressten. Etwas salopp ausgedrückt könnte man sie wohl als „Nieten in Kettenhemden“ bezeichnen. Aber bei den Kreuzrittern und Burgen bin ich ja eigentlich noch gar nicht, sondern auf meinem Weg in die Berge, deren dichter Baumbewuchs schattige Kühlung verspricht... 

(unten: hier hat es gebrannt; riecht auch so)

Ich befinde mich nun schon abseits der üblichen Touristenpfade. Hier am Rande des Paphos – Forest, dem westlichen Ausläufer des Troodos – Gebirges, fährt kein Mietwagen, es gibt keine Sonnenschirme und auch keine Supermärkte. Soziale Kontakte sind hier selten, aber die wenigen, die man hat sind mitunter denkwürdig. 

Im Dörfchen Lysos schenkt mir eine nette Frau Weintrauben, als ich Brot und Tomaten bei ihr kaufe, und einen griechischen Kaffee bekomme ich im Kafenion des Dorfes auch ausgegeben. Im Gegenzug muss ich erzählen, dass ich aus Deutschland komme, einmal per pedes um Zypern renne und danach aufschreibe, was mir so passiert ist. Danke für die netten, kleinen Gesten am Wegesrand, liebe Sophie und lieber Bambo! 

Jetzt geht es aber endlich bergauf und hinein in den Wald. 10 Kilometer in der prallen Sonne liegen hinter mir, 15 Kilometer bis zur Stavros Forest Station liegen vor mir. Es ist schon früher Nachmittag und für den ersten Teil der Strecke habe ich eine gefühlte Ewigkeit gebraucht. Viel Pause im Schatten und einmal in eine Sackgasse gerannt. Der zweite Teil der Wanderung ist deutlich leichter. Eine Asphaltstrasse mit nahezu null Verkehr leitet mich sicher und sanft bergauf und dazu ist es herrlich schattig. Ich erreiche mein Ziel am frühen Abend, kurz vor der Dämmerung. Hier mitten im Wald stehen eine kleine Pension mit Imbiss, ein Camping- und ein Picknickplatz und ein Mufflongehege, Stolz und Attraktion des Forsthauses. Daneben gibt es hier noch einen kleinen Spielplatz. Ideales Nachtlager im weichen Sand. Gute Nacht. 

(unten: in etwa 1000 Metern Höhe durch die Wälder - der Paphos Forest)

Seit dem Altertum schon dient das Troodosgebirge über die Sommermonate als kühlender Zufluchtsort denjenigen Zyprern, die sich das leisten können und auch ich werde nicht enttäuscht. Das Klima in etwa 1000 Metern Höhe ist im September genau richtig zum Wandern. Ich laufe auf der Asphaltstrasse, auf der wirklich kaum etwas los ist und genieße einen schönen, wenn auch auf Dauer etwas eintönigen Ausblick auf das Hochgebirge, das im Grunde eher wie ein Mittelgebirge aussieht. Schroffe Felsklippen gibt es hier nicht. Vielmehr besteht die gesamte Landschaft aus recht homogenen, sanften, bewaldeten, etwas höheren „Hügeln“. Die Strasse zum Kykkos – Monastery windet sich in schier endlosen Serpentinen konstant zwischen 900 und 1100 Metern Höhe um diese herum. Ideal für Laufmeditation, denn hier passiert sonst gar nichts. Am Nachmittag erreiche ich das heutige Tagesziel. Das Kloster Kykkos liegt einsam mitten im tiefsten Wald und bildet hier eine Oase der Zivilisation, des Glaubens und der Schnellimbisskultur. Im klostereigenen Restaurant werden die Pilger, die vorzugsweise mit Mercedes und Audi anreisen, scharenweise an einer großen Theke zu beachtlichen Preisen verköstigt. Selbstverständlich erst, nachdem sie in der Kirche gebetet und eine der vielen prunkvollen Ikonen geküsst haben. Das Essen ist wirklich nicht toll, der Besuch des Klosters allerdings lohnenswert, zumal dieser auch kostenlos ist. 

Ich lümmele auf einer Bank hinter dem Kloster, wo die Besucherströme überschaubar sind. Gleich hinter mir führt eine Schotterstrasse vorbei an einem öffentlichen WC zu ein paar verlassenen Wirtschaftshütten. Diesen Platz habe ich mir als Nachtlager erkoren und dafür habe ich eine ganze Zeit gebraucht. 95% des Geländes hier hat nämlich ordentlich Gefälle und fällt als Schlafplatz aus. 

Ich lümmele da also mehr oder weniger unauffällig und warte auf die Dunkelheit, in deren Schutz ich mich unbeobachtet in mein heutiges Refugium zu trollen gedenke. Es dämmert schon und ich esse gerade meine letzten Weintrauben. Die Glocke der Kirche hat gerade geläutet und die Imbissbude, an der man klostereigenen Wein und andere Spezereien kaufen kann, schließt gerade. Ein Priester im schwarzen Gewand kommt aus der Tür des Klosters, bekreuzigt sich und geht irgendetwas in seinen weißen Bart murmelnd an mir vorbei hinunter zu meinen Hütten. Dann kommt er, immer noch irgendwas murmelnd, wieder hinauf und direkt zu mir. „Where you come from?“ fragt er mich recht ernst und mustert mich mit kleinen, flinken Augen, die mich über den oberen Rand seiner Brille mustern. „Germany“ sage ich. Meine Standardantwort. „Impossible!“ entfährt es ihm augenblicklich. Achso, er wollte wissen, wo ich heute morgen gestartet bin. Auch diese Antwort kann er zügig bekommen. Dennoch bin ich etwas verdutzt. Sollte ein „unmöglich“ nicht aus dem Wortschatz eines Mannes des Glaubens gestrichen sein? Ich meine, was wäre, wenn ich gesagt hätte: „Ich ging übers Wasser!“? Das hätte er mir als bibeltreuer Christ ja glauben müssen. Und außerdem ist eine Wanderung von Deutschland nach Zypern ja wohl keineswegs unmöglich, sondern höchstens etwas schwierig. Für die 80 Kilometer von Anatolien an die Nordküste der Insel mag ja vielleicht ein Tretboot gestattet sein. Naja, jedenfalls scheint der Priester ein wenig in Sorge um mein leibliches Wohl zu sein. Ich erkläre ihm, dass ich plane, unten bei den Hütten zu schlafen und aus irgendeinem Grund will er mir das ausreden. Dort gäbe es vielleicht Käfer, meint er. Das stört mich aber nicht, meine ich. Die Feuerwehr würde dort immer mal langfahren, meint er. Was stört das die Feuerwehr, wenn da irgendwo zwischen zwei Hütten jemand am Wegesrand liegt und den das auch nicht stört, sollte da Nachts wirklich aus irgendeinem Grund ein Feuerwehrauto auftauchen? Er grübelt und murmelt irgendwas in seinen Bart. Er bedeutet mir, hier zu warten, während er ins Kloster geht und mal beim Oberpriester nachfragt. Ich bin mir nicht ganz sicher, was da hinter seiner Stirn vor sich geht. Zwei Szenarien kann ich mir denken: 1. Ich bin hier als Landstreicher nicht willkommen und von meiner Präsenz geht eine unchristliche Gefahr für diese Heilige Stätte aus, selbst wenn ich 50 Meter von ihr entfernt im Verborgenen nächtige. 2. Er will mir aus Nächstenliebe eine dieser Pilgerherbergen andrehen, von denen ich gelesen habe. Wahrscheinlich müsste ich dann aber auch eine Ikone küssen. Nach etwa 10 Minute ist er immer noch nicht zurück und ich beschließe, mir ein anderes Quartier zu suchen. Irgendwo hinter dem Restaurant werde ich auch fündig. Ein bisschen weit weg vom Klo, aber das ist schon in Ordnung. In einem Bett schlafen wollte ich nämlich auf keinen Fall. 

(unten: Kykkos - Monastery, mitten im Wald)

Auf zum Olympos! Der ist mit 2000 Metern der höchste Berg der Insel und vom Kloster noch etwa 20 Kilometer entfernt. Unterwegs gibt es in einem Bergdorf auch eine Versorgungsmöglichkeit, was ich erbaulich finde. Mindestens Obst und Gemüse kaufe ich besser täglich und vielleicht ja auch ein paar Kekse. Bei den Mengen, die ich hier verdrücke, ist eine Tagesration schon genug Gewicht auf dem Rücken. Wasser kann man übrigens zumindest in Südzypern aus der Leitung trinken. Das finde ich ebenfalls erbaulich und spart mir schon einige Euro bei einem Konsum von etwa 5 Litern täglich und einem Literpreis von um die 0,30 €. 

Kaum ein Auto fährt hier auf dieser sauberen Asphaltstrasse, die sich zum Olympos hinauf windet. Wahrscheinlich ist hier im Winter mehr Betrieb. Dann verwandelt sich die Gegend nämlich in ein Skigebiet. Der Aufstieg ist mehr oder weniger unspektakulär. Auf etwa 1900 Metern komme ich an einem in der Spätsommersonne dösenden Skilift vorbei, dessen ruhende Drahtseile mir den Weg zum Gipfel weisen. Ich könnte jetzt weiter der Straße folgen, einmal um den Gipfel herum und dann von Osten auf ihn herauf. Aber wenn man von oben mit Skiern runterfahren kann, dann kann ich da auch hochlaufen. Das ist schon ein wenig steil und offroad und erfordert einige Pfadfinder- und Kraxelskills. Aber solange ich auf dem Boden Schrotpatronen erblicken kann, bin ich nicht ganz falsch. Der Aufstieg über die Skipiste spart mir etwa 1 Stunde und nach etwa 15 Minuten bin ich oben. Naja, nicht ganz. Genau auf dem Gipfel hat die Royal Airforce eine Radarstation errichtet. Etwa 5 Meter vor dem höchsten Punkt ist also Schluss für mich. Der Ausblick von hier ist ok. Es ist ein bisschen diesig und so richtig klare Sicht habe ich leider nicht. Ansonsten gibt es hier oben gar nichts und ich trete recht rasch den Abstieg in östlicher Richtung ins Dörfchen Troodos an. 

Das ist ein Ort mit genau 0 festen Einwohnern. Er besteht aus einigen Tavernen, Souvenirständen, Ferienhäusern und einem Kiosk, an dem man eine winzige Büchse Thunfisch für 2 € und jede Menge Süßkram kaufen kann. Ein großer, zentral gelegener Spielplatz rundet das Ensemble ab und dient mir hier als sandig – kuscheliges Nachtquartier. 


(unten: das Gipfelselfie des wehenden Bartes; im Hintergrund ein Riesengolfball)

Es geht bergab! Endlich oder leider? Das ist eine kniffelige, tiefenpsychologische Frage, die ich während meiner Wanderung gründlichst bearbeiten kann. Ich stelle fest: Es geht mir besser, wenn ich mich schwitzend und ächzend berghoch schleppe, das erlösende Ziel vor Augen. Immer aber, wenn ich geschwinden Schrittes zu Tale schreite, beschleicht mich dieser unangenehme Gedanke, dass es ja bald wieder kräftezehrend bergauf gehen wird. Also, ich finde den Gedanken an die Anstrengung letztlich irgendwie peinigender, als die Anstrengung an sich. Irgendwie paradox. Aber so ist das Leben!

Ich laufe Richtung Osten. Als Orientierungspunkte dienen mir die Supermarktsymbole, die mir Googlemaps anzeigt, und die etwa ab der Tagesmitte zahlreicher werden. Auch die Landschaft verändert sich. Die Berge um mich werden flacher und die Vegetation nimmt ab. Das geschieht eher schleichend denn abrupt und als ich mich irgendwann am Nachmittag umschaue, befinde ich mich wieder in einer für Zypern sehr typischen Umgebung. Kahle, sandgelbe, nur von einigen Sträuchern bewachsene Hügel. Ein Dörfchen mit weißen Häusern schmiegt sich zuweilen an den Hang. In der Ferne das Meer, einige Windräder und von oben ballert gnadenlos die Sonne. Die Straße windet sich sanft und leicht bergab Richtung Osten. Am späten Nachmittag erreiche ich Palaichori, ein kleines, nettes Städtchen mit einigen Tavernen vor denen alte Männer sitzen und Back Gammon spielen, einer Kirche und einem zentral gelegenen Spielplatz, der mir das vorerst letzte Quartier auf der Südseite stellen wird. Morgen 06:00 Uhr geht vom Dorfkern hier der Bus nach Nikosia. Dort will ich die Grenze in den türkischen Teil überschreiten und dann gleich weiter mit dem Bus an die Nordküste, nach Girne. Beschummelaktion Nr. 1. Der Weg von hier nach Girne ist fast durchgängig bebaut und landschaftlich wenig reizvoll. Eine große Ebene mit vielen Häusern, die sich durch den massiven Autoverkehr zusätzlich erhitzt und mir nur leidlich einen akzeptablen Schlafplatz offerieren kann. Ich hatte ja schon erwähnt, dass es warm ist. Auf den Höhen des Troodos war es angenehm. Hier in Palaichori hat es Nachts 27 Grad. Ich schwitze in meinem Schlafsack und nehme mir vor, die nächste Nacht wieder etwas weiter oben zu verbringen.

(unten: Pailochori am Abend)

Die Busverbindungen auf Zypern sind keineswegs vergleichbar mit jenen auf Kreta. Diese Insel ist autovernarrt und Linienbusse sind hier eher eine Randerscheinung. Frühs 06:00 Uhr besteige ich mit einigen älteren Frauen einen Minibus, der mich für 1,50€ an den südlichen Stadtrand von Nikosia fährt. Hier ist so etwas wie ein Busbahnhof, auf dem ich in einen städtischen Linienbus steige und der mich durch viele Vororte für weitere 2,50€ ins Zentrum fahren wird. Insgesamt dauert das etwa 2 Stunden und ich bin im Herzen der Hauptstadt. Hier gibt es Hochhäuser, Einkaufspassagen, ein Stück alte Stadtmauer und den Weg über die Grenze. Diese verläuft ja genau durch das Zentrum der Hauptstadt und ist verhältnismäßig schwer gesichert. Stacheldraht, Sandsackbarrikaden und provisorisch hochgezogene Mauern verdecken den Blick auf das Niemandsland voller verfallener und zerschossener Häuser. Fotografieren streng verboten! In einer Seitengasse zwei Blauhelmsoldaten, deren Zahl sich auf Zypern insgesamt auf etwa 800 beläuft. Den Preis, den die Vereinten Nationen für die Aufrechterhaltung des Status Quo zahlen. 

Der Konflikt zwischen den beiden Landesteilen ist alles andere als gelöst. Er ist zu alt, zu undurchschaubar, zu verworren, zu kompliziert. Vor etwa 500 Jahren hatten die Osmanen die Insel von den Venezianern erobert und machten damit der 400 Jahre dauernden lateinischen Herrschaft über Zypern ein Ende. Zu orthodoxen Griechen und Katholiken gesellten sich nunmehr auch noch Muslime. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich nun etwas, das man positiv als „Panorama kultureller Vielfalt“ bezeichnen könnte oder negativ als „Dauerkrisenherd“, denn wirklich einig wurden sich die verschiedenen Ethnien nie. Zwar wurde den Inselgriechen ein eigener Staat und ein eigenes Bistum eingeräumt, dennoch galten sie während der türkischen Herrschaft als wenig privilegiert. Als der osmanische Stern im 19. Jahrhundert zu sinken begann, betrat ein neuer Spieler das Feld: Großbritannien pachtete die Insel von der Hohen Pforte als Flottenstützpunkt und nach dem Ende des 1. Weltkriegs wendete sich das Blatt vollends. Fortan waren es die Zyperntürken, die wenig von ihren griechischen Mitbewohnern zu erwarten hatten. Diese besetzten nun alle wichtigen Positionen in der Verwaltung und benachteiligten die Türken strukturell. Von beiden Seiten wurden Untergrundarmeen aufgestellt, die Sabotage- und Terrorakte ausführten (griechische EOKA und türkische TMT) und das britische Militär spielte unter Wahrung der eigenen Interessen auch noch mit. Die Griechen wollten einen Anschluss Zyperns ans griechische Mutterland. Begründung: Wir waren eher da und wir sind mehr! Die Türken wollten einen Anschluss an die Türkei. Begründung: Wir sind auch schon eine ganze Weile da und haben euch damals von der venezianischen Herrschaft befreit. Außerdem liegt Zypern näher an der Türkei, als an Griechenland! 

In der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts eskalierte der Konflikt zum offenen Bürgerkrieg bis 1974 die Türkei mit regulären Truppen „zum Schutz der türkischen Minderheit“ intervenierte, das nördliche Drittel der Insel besetzte und hier die „Türkische Republik Nordzypern“ errichtete. Es kam zu zahlreichen Umsiedlungen und Zwangsenteignungen der Griechen im Norden und der Türken im Süden. Besitzverhältnisse wurden mit dem Gewehr in Anschlag gründlich durcheinandergewirbelt, der Graben zwischen Asien und Europa tief gezogen, doch unüberwindbar, das sind wohl in erster Linie die Mauern in den Köpfen. Nordzypern ist bis heute international nicht als souveräner Staat anerkannt. Ein militärisch besetztes Gebiet. Eine Notlösung, die zum Dauerzustand wurde. Es funktioniert irgendwie. Aber entspannt geht ganz sicher anders. 

(unten: Basar im türkischen Teil Lefkosias)

Verglichen mit der Türkei ist Nordzypern reich. Im Vergleich mit dem Süden ist es ziemlich arm. Das fällt sofort ins Auge, wenn man die Grenze im Stadtkern passiert. Eben war alles noch fein sauber, schick und westlich – ordentlich. Jetzt ist alles ein bisschen verfallener, ein bisschen chaotischer, orientalischer, improvisierter. Dabei ist die „Walled City“ noch der Vorzeigestadtteil Lefkosias (Lefkosia ist der türkische Name für Nikosia. Alle Städte im Norden führen zwei Namen.) und in Sachen Sehenswürdigkeiten der südlichen Hälfte sogar überlegen. Hier gibt es zahlreiche mittelalterliche Baudenkmale, die durchaus einen Besuch wert sind. Durch die vielen engen Gassen lässt sich schön flanieren und der Basar lädt zu einem urigen Einkaufsbummel ein. Ich habe hier eine andere Welt betreten. Aber das muss erst einmal sacken.

Mit einem Minibus geht es dann für 30 Türkische Lira (etwa 1,30€; Umrechnungskurs 18:1) weiter nach Girne (Kyrenia). Was gleich auffällt neben der etwas maroderen Bausubstanz, das sind die vielen türkischen und nordzyprischen Flaggen, die hier überall geschwisterlich nebeneinander flattern. Die nordzyprische ist dabei gewissermaßen genau das Negativ seines „Großen Bruders“, nämlich roter Halbmond auf weißem Grund. Ein besonders auffälliges Exemplar ist direkt auf den südlichen Hang des Kyreniagebirges gepinselt und weithin bis zur Hauptstadt sichtbar. Ein deutliches Hoheitszeichen. Dieser Berg ist türkisch! Das haben wir mit Lackfarbe sichergestellt. 

(unten: die nordzyprische Flagge am Hang des Kyreneia - Gebirges)

Von Girne nach Gazimagusa

Girne ist wirklich ein schönes Städtchen, das schönste Nordzyperns. Dafür sorgt nicht zuletzt der malerische Hafen mit seiner schicken Promenade über den die alte venezianische Festung thront. Für 30 TL ist der Eintritt dort sehr erschwinglich und überaus lohnenswert. Neben einen herrlichen Blick über den Hafen bietet sie viele dunkle Gänge und Verliese, die es zu entdecken gilt und auch ein kleines Museum, in welchem man ein antikes Schiffswrack bewundern kann. Essen kann man in Nordzypern auch recht günstig. Ein komplettes Mittagsmenü bekommt man hier für etwa 80 TL, wobei „günstig“ natürlich eine Frage des Standpunktes ist, denn für den Durchschnittseinwohner ist das viel Geld! Daneben gibt es in Girne auch eine interessante Behörde: Das Wasserministerium. Ein deutlicher Hinweis, wo auf dieser Insel die Probleme liegen. Große Mengen Wasser werden nämlich per Pipeline aus der Türkei importiert und des Friedens Willen hat man sogar beschlossen, seinen südlichen Nachbarn davon etwas abzugeben. Vielleicht wirkt das kostbare Nass ja konfliktlösend. Wünschenswert wäre es allemal. 

Irgendwann am Nachmittag verlasse ich die Stadt in südwestlicher Richtung und jetzt beginnt endlich der Teil mit den Kreuzrittern. Entlang der Nordküste nämlich verläuft das Besparmakgebirge (dt. „Fünffingergebirge“), ein etwa 1000 Meter hohes Mittelgebirge, das von seinem Profil her allerdings eher an ein Hochgebirge erinnert (also im Grunde genau gegensätzlich zum Troodos). Auf diesem Kamm jedenfalls liegen drei alte, verlassene Burgruinen, die sich geradezu wildromantisch und genau passend in die Landschaft einfügen. Es sind dies St. Hilarion südwestlich von Girne, Buffavento südöstlich und dann noch ein ganzes Stück weiter im Osten Kantara. Ich möchte alle drei besuchen und das bedeutet für mich: Einmal im Zickzack der Nordküste entlang. Zwar verläuft entlang des Gebirges der sogenannte Besparmak – Trail, doch weder gibt es von der Gegend eine vernünftige Wanderkarte (wie sie übrigens auch für den Süden nicht existiert), noch kann man sich da oben anständig mit Wasser und Futter versorgen. Ich muss wohl oder übel dreimal hoch und dreimal wieder runter. Aber das ist schon ok – bergauf habe ich am meisten Spaß!

(unten: pittoresk - der Hafen von Girne)

St. Hilarion ist wirklich ein Musterbild einer Kreuzritterburgruine, wie sie wohl auch Walt Disney in seinen kühnsten Fantasien nicht perfekter hätte entwerfen können. Wie gemalt fügen sich hier dutzende halb verfallene Türme und Mauern in einen zerklüfteten Felssporn, der hoch über den Häusern von Girne aufragt. Der üblich Weg führt über die Passstraße, die ich gerade mit dem Minibus gekommen bin und dann auf dem Kamm rechts ab hoch zur Burg. Es gibt aber noch einen schönen, kaum bekannten Pfad von Norden, der beim Dorf Karaman beginnt. Zwar muss ich bis zu besagtem Ort zu Fuß ein ganzes Stück die Schnellstraße entlang, aber das ist ja nicht verboten. Der Aufstieg ist wirklich schön. Schweißtreibend. Es ist steil und an einigen Stellen muss ich ein ein bisschen pfadfinden und auch kraxeln. So manches Dornengestrüpp, das in den Weg hineinwuchert gibt mir zu verstehen, dass hier nicht allzu viele Leute langgehen. Ich lasse mir Zeit. Googlemaps hat mir verraten, dass die Burg 16:00 schließt und das schaffe ich ohnehin nicht mehr. Mir reicht es, wenn ich zur Dämmerung oben bin, um mir in luftiger Höhe ein kühles Plätzchen für die Nacht zu besorgen. Etwa 17:00 bin ich oben und oh – Wunder: Das Burgtor steht offen und auch die Drehtür dahinter, in welchem man sein Ticket entwerten kann, ist passierbar. Das Tickethäuschen vor dem Tor, dessen Schild mir zu verstehen gibt, dass ich bitte 30 TL zu entrichten hätte, ist schon geschlossen. Ich bin hier ganz allein. Zumindest scheinbar. Gehe ich da jetzt rein? Ein guter Gast macht so etwas nicht! Könnte ja auch sein, dass der Hausmeister drin gerade seine Feierabendrunde dreht. 

Ich bette mich vor dem Tor zur Ruhe. Betonboden aber ebenerdig und keine Käfer oder stechende Grashalme. Alles ruhig. Der Wind pfeift leise um die Mauern über mir und es wird Nacht. Dann raschelt es, und zwar richtig! Irgendetwas kommt den Hang hoch gerannt, schnaubt, schnuppert. Vor mir steht ein riesengroßer Ziegenbock und glotzt mich an. Der gehört wahrscheinlich zum Inventar. Ticketkontrolle! Als ich ihn nach einem Foto frage, verschwindet er so schnell, wie er gekommen ist. 

(unten: Pfad nach St. Hilarion) 

St. Hilarion im Sonnenaufgang. Ich bin immer noch allein und das Burgtor ist immer noch offen. Ich gehe da jetzt rein. Wenn man von mir keinen Eintritt haben will, dann ist das halt so. Die Burg ist wirklich toll und nach meinem Empfinden könnte man Touristen mit diesem Denkmal richtig abkassieren. Aber von denen hat man scheinbar nicht genug, zumindest kulturinteressierte. Ich brauche hier locker eine Stunde, um zumindest alles mal abgelaufen zu sein. Die Burg ist ein Labyrinth aus Gängen, Treppen und Türmen mit teils spektakulären Aussichten in alle Richtungen. 

Von hier also haben die Lusignans über das Land geherrscht. Girne und die Küste zu Füßen der Burg erscheinen winzig klein, die Festung selbst uneinnehmbar. Solange man hier genug Vorräte hat, braucht man sich um den Hass der Untertanen oder etwaige Eroberungsversuche fremder Heere nicht zu scheren. Die ganze Anlage auf den steilen Felsen ist so raffiniert und ausgeklügelt angelegt, dass ein direkter Angriff mit extrem hohen Verlusten verbunden gewesen wäre. Wahrscheinlich haben 20 – 30 fähige Leute gereicht, um St. Hilarion gegen mehrere tausend zu verteidigen, auch wenn das dann sicherlich Schwerstarbeit war. Aber die größte Mühe war es zweifellos, dieses Ding hier überhaupt zu errichten. Ohnehin war die Burg nur ein einziges Mal Schauplatz einer militärischen Auseinandersetzung. Im Jahr 1229 eroberte Friedrich II. von Hohenstaufen die Burg nach zweijähriger Belagerung durch Verrat, nur um sie gleich wieder durch Belagerung und Aushungern zu verlieren. Faszination mittelalterliche Burg. 

(unten: St. Hilarion am Morgen)

So – genug der Militärarchitektur für diesen Vormittag. Einen halben Tagesmarsch entfernt von hier liegt die Abtei „Bellapais“ („Schöner Frieden“) oder besser – deren Überreste. Mein nächstes Ziel. Nun wähle ich den herkömmlichen Weg über die Asphaltstraße zum Pass. Diese verläuft durch ein Militärgebiet mit Schieß- und Übungsplatz, einer Kaserne und mir entgegen joggenden Soldaten. Fotografieren streng verboten! Ich muss nur die Passstraße queren und kann dann weiter über einen Waldweg entlang nach Bellapais. Das verrät mir Googlemaps. Aber Pustekuchen. Jenseits der großen Straße steht ein rotes Schild. Darauf zu sehen ein dunkel dreinschauender Soldat. „Forbidden Area!“. Hinter dem Schild sind auch auch gleich große Stacheldrahtrollen auf dem Weg platziert und in einiger Entfernung ein Wachhäuschen mit einem Schlagbaum. Da kommt auch schon ein Soldat und verscheucht mich. Prima! Jetzt darf ich die Passstraße runterlaufen bis nach Girne, weil das türkische Militär hier den Ernstfall probt und zwar flächendeckend! 



Ich muss an dieser Stelle noch einmal anmerken, dass es hier ziemlich heiß ist. Ein wenig angenehme Kühlung erfahre ich allerdings durch den starken Autoverkehr auf der Passtrasse. Immerhin ein kleiner Vorteil, den man genießt, wenn man den Seitenstreifen benutzt. In Zypern ist übrigens very british Linksverkehr, d.h. man macht alles richtig, wenn man auf rechten Seite läuft, also entgegen der Fahrtrichtung. Insgesamt habe ich mich aber bis zum Schluss nicht so richtig daran gewöhnen können und musste häufig zweimal überlegen. Gerade beim überqueren einer Straße ist es doch sehr merkwürdig, zuerst nach rechts zu schauen. Bei Kreisverkehren kommt man komplett durcheinander und als Krönung hat bei gleichberechtigten Straßen wer Vorfahrt? Rechts! Alles klar! 

Bellapais liegt inmitten eines Vorortes von Girne an den Hängen des Kyreniagebirges. Die Abtei im gotischen Stil passt stilistisch nun so gar nicht zum Rest der Bebauung. Lawrence Durrell hat ihr in seinem Roman „Bittere Limonen“ im Jahr 1957 ein literarisches Denkmal gesetzt. Er beschreibt die Gegend in so blumiger Weise, wie ich es hier unmöglich vermag. Gleich neben der Abtei steht dann der „Tree if Idleness“, zu dem er schreibt: „Ich muss sie warnen! Falls sie hier zu arbeiten gedenken, setzen sie sich nicht unter den Baum des Müßigganges. […] Sein Schatten macht den Menschen unfähig zu ernster Arbeit. Die Bewohner von Bellapais gelten als die faulsten Leute der Insel. Sie sind alle Grundbesitzer, Kaffeetrinker und Kartenspieler. Deshalb werden sie so alt. Hier scheint nie ein Mensch zu sterben.“ Insgesamt finde ich den Effekt des Baumes gar nicht so schlecht. Leider ist darunter kein Sitzplatz frei. Ich nehme, was übrig bleibt, und laufe wenigstens mal unter seinem Schatten hindurch... 

(unten: Blick von Bellapais nach Girne)

Das bleibt bis zum Abend allerdings die einzige Kühlung. Der Weg nach Buffavento führt von hier in südlicher Richtung über das Gebirge und dann auf der anderen Seite am Hang entlang nach Osten. Bäume gibt es hier nicht und auch keinen Müßiggang. Nur ein schweißtreibendes Aufwärts in Schlängellinie. Schroff ragen die Felsklippen in die Höhe und gewähren zumeist nur Sicht bis zur nächsten Kurve. Unter diesen Bedingungen erscheint mir der Weg endlos. Ich bin ganz allein unterwegs, begegne keiner Menschenseele. Allerdings komme ich am Südhang an der großen, gemalten Flagge vorbei, die ich nun einmal aus der Nähe begutachten kann. 

Über das kleine Dorf X und vorbei an einem überdimensionalen Picknickplatz erreiche ich in der Dämmerung die ehrwürdigen Mauern von Buffavento. Das schaut da von oben etwas unauffällig auf mich herab, fein säuberlich in den Fels eingepasst. Das flüchtige Auge mag es gar übersehen. Es wird bereits dunkel und ich wähle mir als Nachtquartier den kleinen Parkplatz am Fuße des Gipfels. Die letzten Meter mache ich dann morgen in der Frühe. 

Buffavento (dt.: „Dem Winde trotzend“) ist die höchstgelegene Burg Zyperns und die am schwersten zugängliche. Mehr noch als bei St. Hilarion fragt man sich hier, wie zum Teufel es die Bauleute damals geschafft haben, eine Burg auf diesem Terrain zu errichten. Der moderne Mensch hat ja schon Schwierigkeiten beim Aufstieg über die in neuerer Zeit angelegte Treppe. Etwa 600 Stufen sind es bis zum Gipfel, ergänzt von einigen sanften aber ebenerdigen Anstiegen. Mit 15 kg Gepäck ist das schonmal ein schöner Frühsport. Die Festung war niemals Ort von Kampfhandlungen. Ein Angriff wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit aussichtslos gewesen. Im Mittelalter diente sie zumeist als Gefängnis und wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen: Wer da einmal inhaftiert wurde, der kam da nie wieder raus. Ob man bei seinem qualvollen Dahinschmachten bis zum Tode wenigstens die schöne Aussicht genießen konnte, ist ebenfalls zweifelhaft. Mittelalterliche Verliese hatten keine Fenster. Lebendig begraben auf dem Gipfel des Berges. Der Gedanke ist irgendwie gruselig und nach dem Blick ins Kellerloch lasse ich das Auge über das weite Land schweifen und freue mich über meinen Status als Gast. 

Nach der morgendlichen Burgbesichtigung geht es dann auf dem schmalen Asphaltsträsschen Richtung Osten zum Besparmakpass. Hier auf dem Grat steht jener Fels, der dem Gebirge seinen Namen gab: der Besparmak (Fünffingerberg). Die Finger sind wirklich sehr kurz geraten und erinnern höchstens an die fünf Knöchel einer Faust. Aber das wäre namenstechnisch wahrscheinlich etwas umständlich gewesen. 

(unten: Blick von Buffavento nach Süden)

Der Besparmakpass ist eine ziemlich stark befahrene Straße aber völlig alternativlos. Hier rollt vor allem Lkw – Verkehr über den Berg und zuweilen ist das auf der kurvenreichen Strecke schon ein bisschen grenzwertig. Zwar gibt es hier einen Seitenstreifen, doch oft ist dieser vom Rand her mit Büschen, die zuweilen auch Dornen tragen, zugewachsen. Gerade Rechtskurven werden dadurch zum Problem, weil mich entgegenkommender Verkehr einfach nicht rechtzeitig sieht. Ich wechsle mehrmals die Straßenseite und gehe jeweils den größeren Bogen. Das Gegenteil von Ideallinie aber halbwegs sicher. Nach etwa 3 Kilometern kann ich dann nach rechts auf einen Feldweg einbiegen, der mich über Hügelland zur großen West – Ost - Magistrale des Landes führt, auf der ich verproviantieren kann. 

(unten: der Besparmak (Fünffingerberg)

Ich hatte es bereits geahnt, aber letztlich musste ich es vor Ort persönlich feststellen. Die Schnellstraße entlang der Küste ist die einzige Möglichkeit, nach Osten zu kommen. Zwar gibt es am Hang des Gebirges einige Dörfchen, doch die sind alle nur mit dieser großen Straße verbunden, nicht aber untereinander. Wirklich idyllisch ist es nicht, hier zu laufen. Kilometerlang nichts, außer Einfahrten zu Resorthotels, die ihre eigenen kleinen Welten bilden, nach außen abgeschirmt durch hohe Mauern. Sie heißen „Caesars View“ oder „New Luxury Comfort“. Große Werbetafeln in der ansonsten öden Landschaft wollen mir dann ein Apartment mit Meerblick für schlappe 80000 englische Pfund aufwärts verkaufen. Vorher muss ich mir allerdings auch ein entsprechendes Auto leisten können, denn das ist die einzige Möglichkeit, mein Domizil auch zu erreichen. Und mit einem VW – Polo im „New Luxury Comfort“ vorzufahren sieht ja auch irgendwie blöde aus. Die Fahrzeuge, die mir hier jedenfalls entgegenkommen, kann ich grob in 4 Klassen unterteilen: 1. Mercedes oder Audi und darin Leute mit Sonnenbrillen, tollen Frisuren und versteinertem Gesichtsausdruck. 2. Runtergekommene Kleinlaster, in deren Kanzel sich drei bis vier Arbeiter mit Migrationshintergrund quetschen und die entweder verdutzt gucken oder grinsen und hupen, wenn sie meiner gewahr werden und 3. Große Lkw, die entweder verdammt knapp und arbeitseifrig an mir vorbeirasen oder grinsen und hupen, wenn sie mich sehen. 4. Mietwagen und darin Touristen mit Sonnenbrillen, die entweder verdutzt gucken oder einen versteinerten Gesichtsausdruck haben. Der Autoverkehr – ein Querschnitt der Gesellschaft! 

Gegen Abend erreiche ich dann die erste „öffentliche Siedlung“ auf dieser Strecke, das Städtchen Esentepe. Hier gibt es Häuser, einige Tavernen, einen Supermarkt, einen öffentlichen Strand und gleich daneben ein großes Kraftwerk, vor dessen Silhouette im Abendrot ich mein erstes Bad seit Polis nehme. Der Strand ist ziemlich vermüllt. Alles, was in der Türkei ins Wasser geschmissen wird, taucht früher oder später an Zyperns Küste auf und das irgendwie nicht wenig. Die öffentliche Verwaltung hat zu wenig Geld, um das in den Griff zu bekommen. Die sauberen Plätze hier sind alle in privater Hand und diese wacht auch über den Zugang zu diesen. Die Idee, irgendwie selbst Müll vom Wegesrand aufzulesen und mitzunehmen lasse ich allerdings schnell fallen. Es ist einfach viel zu viel und ich habe genug mit meinem Gepäck zu schleppen. Wenn jeder seinen eigenen Scheiß wegräumen würde, dann bräuchten wir auch keine öffentliche Verwaltung, die sich um so etwas kümmert. Aber darüber ärgere ich mich schon im Alaunpark genug. Überall das gleiche... 



Ab Esentepe wird der Verkehr etwas weniger und nach der Abzweigung nach Gazimagusa bin ich fast allein auf der Straße. Links das Meer, rechts das Gebirge. Geradeaus Asphalt und ein zugewucherter Seitenstreifen. Keine Hotels mehr. Hier passiert gar nichts und das Rascheln meines Rucksacks liefert sich mit dem sanften Wind ein erbittertes Duell über das lauteste Geräusch. Dann passiert doch etwas. Etwas sehr bemerkenswertes und bislang einzigartiges in meiner Wanderkarriere. Eine Heuschrecke überquert vor mir in weiten Sätzen die Straße, springt, verfehlt, knallt volle Kanne vor die Leitplanke und wird mit einem schallenden „Plong“ zurückgeschleudert. Das bei weitem lauteste Geräusch gerade. 

(unten: "Guten Tag. Bitte gehen Sie schnell weiter. Es gibt hier absolut nichts zu sehen!")

Es ist früher Nachmittag. Wenn ich heute noch nach Kantara will, muss ich hinmachen und mein Wasser wird knapp. Auf dem Weg zur Burg liegt noch das Dorf Mersinlik und laut Googlemaps gibt es dort einen Supermarkt. Noch lungere ich aber auf der Hauptstraße an einem Baum herum. Gegenüber von mir ein einzeln stehendes Haus mit Garten. Der Mann, der hier wohnt spricht nur türkisch. Das hält ihn aber nicht davon ab, mir Dinge zu schenken: 1 Apfel, 1 Pfirsich, ½ Liter eiskalten Orangensaft. 1 Liter zu einem Klumpen gefrorenes Wasser. Es ist schon seltsam, dass die viel gepriesene türkische Gastfreundschaft hauptsächlich von den Leuten gepflegt wird, die selbst nicht viel haben. Wohlhabend sieht er jedenfalls nicht aus. Als er mich auch noch zum Kaffee einladen will, lehne ich aber ab. Ich muss auch irgendwann weiter. 

Unterwegs durch das Land lerne ich auf jeden Fall ein wenig rudimentäres Türkisch. Das wichtigste eben: Merhaba (Hallo), Yemek (Essen), Sui (Wasser), Teskelur (Danke), Güle Güle (Auf Wiedersehen). Die Einheimischen freut das auch unheimlich, wenn man sich zumindest bemüht, ihre Sprache zu sprechen und lustig ist es allemal. 

So, Zeit für ein bisschen „Trail Magic“, falls die Begegnung mit dem netten, älteren Herrn an der Hauptstraße nicht ausreicht. Ich bin in Mersinlik, einem kleinen, verschlafenen Kaff, in welchem sich Hase und Fuchs Gute Nacht sagen. Ein Hund bellt irgendwo, Hühner gackern. Den Supermarkt gibt es nicht! Das Haus, in dem er sein soll, gähnt mich mit einem großen, leeren Fenster an. Reizend! Ich setze mich an die Bushaltestelle und schmolle. Der nächste Laden ist etwa 15 Kilometer entfernt. Ich muss zurück zur Hauptstraße, das sind etwa 5 Kilometer, und dann die nächste Abzweigung Richtung Kantara wieder hoch. Das sind 10 Kilometer umsonst und Kantara ist auf morgen verschoben. Alles nur, weil Googlemaps... ich aktualisiere die Information mit dem Hinweis, dass es den Supermarkt nicht gibt (Anm. Als ich später nachschaue sagt mir Googlemaps, dass mein Beitrag nicht veröffentlicht wird, weil die Richtigkeit nicht überprüft werden konnte. Also noch einmal hier mit großem Ausrufezeichen: In.Mersinlik.gibt.es.keinen.Supermarkt!) Ich will mich gerade auf den erzwungenen Rückweg machen, da springt 20 Meter von mir ein älterer Mann auf die Straße und winkt. Lächelnd lädt er mich in sein Haus ein, selbstverständlich auf türkisch. Es ist Hilmi, der Polizist des Ortes. Durch einen Laubengang führt er mich zur Terrasse seines Gartens. Hier sitzen der Feuerwehrmann des Ortes mit Namen Mudlu und seine Frau. Diese steht allerdings schweigend auf und verschwindet irgendwo im Haus, als ich mich setze. Ich bekomme Kaffee, Wasser und Nüsse, dann werde ich ausgefragt. Mit Händen und Füßen kann man sich schon irgendwie verständlich machen. Das ist schon lustig, wenn jemand einem ohne Worte erklärt, dass er Feuerwehrmann sei. Könnte man glatt ein Gesellschaftsspiel draus machen. Als Hilmi erfährt, dass ich nach Kantara will, schenkt er mir noch einen gefrorenen Eisklumpen in einer Flasche und drei Granatäpfel. Seine Einladung, mich bis zur Burg zu fahren, muss ich aber leider ausschlagen. Ich will das laufen, auch wenn es zeitlich ein wenig eng wird. Um genauer zu sein – ich muss sie etwa fünfmal ausschlagen, bevor er mich gehen lässt. Die Gastfreundschaft hier ist wirklich überschwänglich und ein bisschen bringt sie mich auch in Verlegenheit. Ich setze meinen Weg nach Kantara fort. 13 Kilometer sind es noch und es ist 16:00 Uhr. Das ist ganz schön knackig, zumal es ordentlich bergauf geht. Ich bin kaum 20 Minuten wieder auf der Straße, da höre ich hinter mir ein Auto. Es ist Hilmi und diesmal lässt er sich nicht abwimmeln! Ich steige ein und begehe damit eine außerplanmäßige Beschummelaktion. Aber ich kann ja Hilmi unmöglich die ganze Zeit neben mir her fahren lassen! Der ist mächtig stolz auf seine heimatliche Umgebung und preist sie gestenreich in vollen Zügen, indem er immer wieder auf die herrlichen Ausblicke und die schöne Natur verweist. Er fährt übrigens wie ein Henker und irgendwo auf der ziemlich schmalen Kammstraße zur Burg weicht er nach einer scharfen, nicht einsehbaren Linkskurve auch behände einem entgegenkommenden Auto aus und pflückt damit ein paar Büsche vom Schotterstreifen. Ich vertraue ihm blind. Er weiß schon, was er da tut und macht das scheinbar nicht zum ersten Mal. 

Hilmi begleitet mich bis zum Bergfried Kantaras und verabschiedet sich dort im Sonnenuntergang. Aber erst, nachdem er mir das Loch zum Verlies gezeigt hat mit Verweis auf seinen eigenen Job. Ja, natürlich benehme ich mich! Ich werde nur ganz ungern eingekerkert! 

(unten: Hilmi (re.) und Mudlu (li.) retten mir den Tag)

Kantara ist die am besten erhaltene der drei Burgruinen und so wie es aussieht auch die am besten besuchte, obgleich sie am weitesten vom touristischen Zentrum Girne entfernt ist. Bis zur Dämmerung bin ich hier nicht allein und selbst im Dunkeln wagt noch eine russische Familie mit Taschenlampen den Aufstieg. Das Tickethäuschen, in welchem ein Schild mit „30 TL“ hängt, ist hier übrigens auch geschlossen. 

Kantara ist auch die einzige Burg, die durch einen Angriff eingenommen wurde, nämlich im Jahr 1229 durch die Lusignans mittels „einer großen Steinschleuder“. Spätestens nach der Inbesitznahme durch die neuen französischen Herren wurde allerdings auch diese Festung ausgebaut und schlicht unangreifbar gemacht. 

Die Nacht verbringe ich in den sicheren Mauern der Burg, bzw. über ihnen auf dem Dach des Torhauses. Die Luftfeuchtigkeit hier ist ausgesprochen hoch. Mein Schlafsack ist frühs glitschnass, im Schein der aufgehenden Sonne aber auch rasch wieder trocken. Auf Dauer ist dieses Klima allerdings wahrscheinlich nicht sehr gut für die Gelenke und Knochen. Die armen Ritter! Bei Tag gegrillt und Nachts saftig eingelegt. Im Winter war es hier ganz sicher sehr unangenehm, so ganz ohne Fensterglas und Zentralheizung. Feuchte Mauern, ein kalter Wind, der durch die Ritzen pfeift. Wie sich unter diesen Bedingungen Lebensmittel mehrere Jahre lang hielten, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich haben die bei einer längeren Belagerung hier nur noch von sauren Gurken und Zwieback gelebt.

(unten: auf Kantara in der Morgendämmerung)

Es ist übrigens schrecklich heiß, als ich meinen Weg weiter Richtung Osten fortsetze und mich in die Nähe der Karpaz – Halbinsel bewege. Ich passiere die letzten Ausläufer des Besparmak – Gebirges und durchwandere eine mit einigen Felsen durchsetzte Ebene. Verkehr ist hier kaum und stur weist die Straße immer geradeaus. Die Karpaz – Halbinsel ist ein Naturschutzgebiet mit Bebauungsverbot und dem angeblich schönsten Strand Zyperns – dem Golden Beach. Ich gehe an diesem Tag bis zum Städtchen Yeni Erenkoy und am nächsten Tag wende ich mich Richtung Süden. Zwei Tage für einen Strand erscheint mir ein bisschen happig, wenn ich die Umrundung schaffen will. „Schönster Strand Zyperns“ heißt auch nicht sehr viel, wenn man kretaverwöhnt ist. Strände sind nicht Zyperns Stärke. Außerdem bin ich hier auf Kreuzzug, und nicht auf Strandbesichtigung. Also auf nach Gazimagusa (Famagusta), im Mittelalter eine der reichsten Städte der Levante.

Die Straße der Küste entlang gilt in dem kleinen Reiseführer, den ich dabei habe, als „Erlebnistour“. Das ist ein Büchlein aus dem „Marco Polo Verlag“ und die Informationen darin sollten mit Vorsicht genossen werden. (Besser ist zweifelsfrei jener aus dem „Michael – Müller – Verlag“, aber der ist zu schwer, um ihn mitzuschleppen). Die „Erlebnistour“ ist jedenfalls eine ziemlich stark befahrene Schnellstraße durch eine ziemlich öde Landschaft und ob ich hier nun laufe oder fahre spielt da meines Erachtens eine untergeordnete Rolle. Ich beschließe, einen Bogen Richtung Westen über einige kleine Dörfchen zu schlagen, und mich zumindest ein Stück parallel zu dem Asphaltmonster an der Küste zu bewegen. Hier, abseits der großen Routen, zeigt sich Nordzypern wirklich von seiner beschaulichen Seite. Gut – die Dörfer sind etwas ärmlich und ganz sicher keine Touristenmagneten. Aber die Menschen hier sind wahnsinnig freundlich und entgegenkommend. Im Laufe des Vormittags werde ich in zwei Kaffeehäusern eingeladen und ausgefragt. Selbstverständlich auf Türkisch. Die von mir offerierten Kekse werden im Gegenzug abgelehnt. Gewissenlose Leute könnten hieraus glatt ein Geschäftsmodell entwickeln „Kostenlos durch Zyperns Armenviertel“ oder so etwas. Ich fühle mich aber schon ein bisschen schlecht. Im Vergleich zu ihnen bin ich doch richtig wohlhabend. Sie scheinen eine komplett andere Einstellung zum Leben zu haben, als ein durchschnittlicher Mitteleuropäer. Aber ein tieferer Einblick in die Dinge bleibt mir, als wandernden Gast, verwehrt.

Ich muss wieder auf die Hauptstraße. Die ähnelt weiter Richtung Süden mehr und mehr einer Autobahn, aber der Seitenstreifen ins schön breit und wenig bewachsen. Brummifahrer grüßen und hupen oder rasen knapp an mir vorbei. Das übliche Spiel. Ich habe mich schon daran gewöhnt. Ich schaffe heute die halbe Strecke nach Famagusta und komme bis zum Ort Iskele. Hier gibt es einen ganz netten Strand, der dummerweise zur Straße hin von einem Gartenlokal abgeschirmt wird, das am Abend schon geschlossen hat. Auf einem Pfad jedoch kann man dieses umgehen und hat Nachts den ganzen Strand für sich. Ob das erlaubt ist? Das weiß ich nicht, aber auf dem Pfad steht kein Schild, dass es verboten wäre. Sowieso finde ich es befremdlich, wenn private Unternehmen sich die Rosinen aus der Landschaft picken und den Besuch von Plätzen, die der Allgemeinheit gehören sollten, mit einem Eintrittsgeld verbinden. Aber das ist wohl solange die gebräuchliche Art, wie die Allgemeinheit sich nicht um die Pflege solcher Plätze kümmert (ich denke an den Strand in Esentepe) und dafür bräuchten wir wohl einen global wirkenden Bewusstseinswandel, eine Veredelung der gesamten Menschheit. Wer lange allein unterwegs ist, der träumt eben auch manchmal...

(unten: Kaffeehaus in Yeni Erenkoy; Kaffee = 0,50€)

Auf dem Weg nach Famagusta liegt Salamis, die antike Hauptstadt Zyperns. Zu ihren besten Zeiten hatte sie 120000 Einwohner und die heute noch zu sehenden archäologischen Relikte geben Zeugnis von der einstigen Pracht der Stadt. Ich erreiche die Ausgrabungsstätte gegen Mittag und den Eintritt von 40 TL wende ich gerne auf. Drinnen gibt es jede Menge zu sehen, u.a. ein vollkommen intaktes Amphitheater, das auch heute noch für Aufführungen benutzt wird. Daneben eine Menge Säulen, kopflose aber dennoch imposante Statuen und erstaunliche Einblicke in das Abwassersystem einer antiken Stadt. Funfact: Die 44 erhaltenen Aborte geben Kenntnis davon, dass das Klo in alten Zeiten ein geselliger Ort war. Trennwände waren nicht vorhanden und der Blick von hier war frei auf den Sportplatz. Schamgefühl ist etwas, das erst die Christen einführten. 


(unten: der Eingangsbereich von Salamis; die Köpfe wurden von osmanischen Eroberern entfernt.)

Wie Salamis durch die Wirren der Zeit und vor allem durch einige vernichtende Erdbeben niedergegangen ist, so ist auch Famagusta heute nur noch ein Schatten seiner einstigen Pracht. Dafür sorgt nicht zuletzt der Boykott des ehemals bedeutenden Seehafens, in dem heute nur noch ein paar rostige Fischkutter vor sich hinschaukeln. Gerade nach dem Scheitern der Kreuzzüge und dem Verlust aller Besitzungen in Palästina strömte alles Christliche, was laufen konnte, in diese Metropole, beladen mit allen Schätzen, die irgendwie auf Schiffe passten. Zypern hielt sich aufgrund seiner Insellage als letzter Kreuzfahrerstaat noch Jahrhunderte, war Drehscheibe des Handels zwischen West und Ost (bis China) und Famagusta war die reichste Stadt. Heute hat sich dieser Fakt um nahezu 180 Grad gedreht. Entgegen aller üblichen Praxis ist die von einer wuchtigen venezianischen Mauer gerahmte Altstadt, die „Walled City“, das Armenviertel der Gemeinde. Hier gibt einige mittellose Rentner, eine große, gotische Moschee und von der Festungsmauer einen Blick auf den trübseligen Hafen, den etwas in die Jahre gekommenen sandsteinernen Markuslöwen und den „Othelloturm“, eine recht unscheinbar in die Festung eingelassene Bastion, in welchem ein Hauptmann nach Shakespeares Schilderung seine untreue Frau erwürgen ließ. Ihre goldenen Jahre hat diese Stadt lange hinter sich und was ihr bleibt, das sind ein paar schicke multikulturelle aber touristisch wenig beachtete Baudenkmale und einige haarsträubende Geschichten. 

Der venezianische Stadtkommandant nämlich wurde damals bei der Übergabe der Stadt an die osmanischen Angreifer, entgegen der getroffenen Abmachung, bei lebendigem Leib gehäutet. Aber erst, nachdem man ihm Nase und Ohren abgeschnitten und ihn für zwei Wochen derart verstümmelt eingekerkert hatte. Anschließend wurde er gevierteilt. Ich bin ein weiteres Mal froh, im 21. Jahrhundert zu leben. Ein bisschen weniger grausam ist die Menschheit in letzter Zeit ja 
schon geworden. 

(unten: die Lala - Mustafa - Moschee im Zentrum Famagustas)

Meine Rundreise durch den Norden ist damit beendet, zumindest nach meinem eigenen Drehbuch. Am späten Nachmittag verlasse ich die Stadt in südwestlicher Richtung und überquere die Grenze zum Süden ohne Probleme. Die Frau am Schalter nimmt meinen Ausweis und zieht ihn durch ein Scangerät, während sie auf ihrem Smartphone irgendein Video schaut. Nichts besonderes. Deutscher Tourist ohne Schmuggelwaren. Kann passieren. Ein weiterer Tag nähert sich dem Ende. Keine besonderen Vorkommnisse. 

(unten: mit sabbernden Lefzen und wehenden Schlappohren werde ich über die Grenze getrieben)

Hinter türkischen Gardinen

Zeit für ein bisschen „Trailmagic“, aber diesmal der etwas anderen Art. Meine türkischen Gastgeber haben mich nämlich scheinbar so lieb gewonnen, dass sie mich noch nicht gehen lassen wollen. Ich berichte die nun folgenden Geschehnisse nach bestem Wissen und Gewissen, so objektiv, wie ich es vermag. Sollte ich damit Behörden, Amtsträger oder gar ganze Staaten brüskieren, so bitte ich um Entschuldigung und berufe mich auf mein Recht auf freie Meinungsäußerung. 


Der Grenzstreifen, den ich durchquere, ist mehrere Kilometer breit. Viele Zäune mit Stacheldraht, einige Radaranlagen und Unterkünfte für die UN-Soldaten, ein richtig kleines Dorf mit eigenem Lebensmittelgeschäft und Spielplatz. Dann die Feuerwache Agios Nikolaos und schließlich das erste erste griechische Dorf mit Einfamilienhäusern, Tavernen, einem Blumengeschäft und einem Spielplatz. Ich gehe in den Supermarkt und hole mir griechische Kekse. Die sind besser, als die türkischen. Dann gehe ich dorfauswärts auf der Straße Richtung Larnaka. Ein großes Schild steht hier: „Achtung, in etwa 50 Meter rechts der Straße beginnt türkisches Gebiet!“ Auf einem Hügel in einiger Entfernung sehe ich dann auch schon bald ein türkisches Wachhäuschen im Sonnenuntergang. „Hübsch“, denke ich, „da hinten verläuft also die Grenze“ und mache ein paar Fotos. Zeit, mir einen Schlafplatz zu suchen. Aber nicht hier. Ich gehe lieber noch ein Stückchen. Links der Straße ist bestellter Acker – Nachtquartier aussichtslos. Etwa 20 Meter rechts der Straße erblicke ich irgendwann einen Baum, unter dem sich sehr gut campieren lässt. Ansonsten ist hier nichts, als offenes Feld bis hinüber zu einer Hügelkette in einigen hundert Metern Entfernung, hinter der die Sonne gerade zu versinken beginnt. Ich sitze unter dem Baum, esse einen Pfirsich und schaue ins Abendrot. Zwischen den Hügeln fährt ein Geländewagen herum. Aha – eine türkische Grenzpatrouille. Der Geländewagen kommt in meine Richtung übers Feld gefahren und hält etwa 100 Meter von mir. Zwei Soldaten mit Sturmgewehren kommen in meine Richtung. Sie wirken ein wenig unsicher und sprechen natürlich kein Wort englisch. Mit dem Google – Translator sagen sie mir, ich sei in einer verbotenen Zone. Aha! Ich kann die Soldaten ja jetzt schlecht für ihre Administration verantwortlich machen, die hier mal ein Schild hinstellen oder einen Zaun ziehen könnte. Beim Grenzübergang habe ich derer etwa fünf passiert. Gut – ich wurde von den Griechen per Schild gewarnt, wenn auch nicht eindeutig. Aber alles halb so wild. Missverständnisse lassen sich ja ausräumen. Ich weise mich aus, zeige meine Flugtickets und mache mein Anliegen deutlich. Die lassen mich aber nicht laufen, sondern telefonieren und bedeuten mir, mich nicht von der Stelle zu rühren. Einige Zeit später kommt ein weiterer Jeep mit drei weiteren Soldaten. Ein junger Offizier, Anfang 20, mit stolzgeschwellter Brust und Nasenspitze leicht gen Himmel, begleitet von zwei Gorillas. Der spricht aber auch kein Englisch und telefoniert. Nach einiger Zeit kommt noch ein Jeep mit nochmal drei Soldaten. Kein Englisch! Telefon! Schließlich wird mir aber signalisiert, dass ich mitkommen soll. Wir gehen zu neunt übers offene Feld in türkische Richtung, irgendwo zu der Hügelkette, wo ein Wachhäuschen steht. Es ist mittlerweile dunkel und ich darf unter dem Licht einer Taschenlampe mein ganzes Gepäck auf dem Boden ausbreiten. Ein größeres Militärfahrzeug kommt mit weiteren 4 Soldaten und einem dicken, älteren Offizier, der viel scherzt und selbst darüber lacht. Der spricht englisch. Viel zu sagen hat er mir aber nicht, außer, dass ich mich nicht rühren soll. Ich sitze da, im kleineren Kreis umringt von meinen Habseligkeiten, im größeren von einer ganzen Bande türkischer Grenzsoldaten. Die jungen unter ihnen wirken unsicher, die älteren desinteressiert. Sie stehen da auf einem Haufen, reden, lachen und rauchen. „Was ein Aufriss!“ denke ich mir. Können die nicht einfach sagen „Geh weg, du bist hier falsch!“ Das entspräche zumindest meiner Erwartung, vor allem, wenn man seine Grenze nicht kennzeichnet. Wo diese beginnt, ist hier ganz offensichtlich Ermessenssache. Theoretisch hätte ich auch nur einmal von der Straße gehen können, um zu pinkeln und die hätten mich einkassiert. Rechtslage schwammig. Der Gastgeber hat Recht. Beziehungsweise der mit dem Gewehr in der Hand. 

Irgendwann kommt dann ein Polizeiauto und fährt mich zurück nach Famagusta. „Jetzt verliere ich einen ganzen Tag und muss die Strecke nochmal laufen!“ denke ich mir, finde mich aber irgendwann damit ab. Coronatest im Krankenhaus, dann Polizeiwache. Das Büro ist total zugequalmt. Sechs Polizisten in Zivilklamotten trinken hier Kaffee, schauen türkisches Reality – TV und haben sich bis gerade eben ganz offensichtlich gelangweilt. Ich sitze da und schaue türkisches Reality – TV. Irgendwann nach einer Stunde kommt ein Polizist, ein netter Kerl der Englisch spricht. Wir erstellen ein Protokoll mit meiner Aussage. „Lächerlich“ meint er. „Heute Nacht bleibst du hier, morgen früh lassen wir dich laufen.“ - „Gibt es hier eine Dusche?“ - „Ja.“ - „Prima, hatte ich zwei Wochen nicht!“.

Die Zellen der Polizeistation liegen im Keller und erfüllen jedes Klischee eines türkischen Knasts. Vorbei am Fenster des Wachraumes glotzen mich schwarze, eiserne Gitterstäbe an. Dahinter im Eingangsbereich auf dem Boden etwa ein halbes Dutzend junger Schwarzafrikaner, die mich von jenseits der Stäbe begrüßen. Die Stimmung ist gut, als ich mich zu ihnen geselle. Ich schüttle ein paar Hände, stelle mich vor. Dann inspiziere ich mein Nachtquartier. Der Kerker besteht aus einem etwa 20 Meter langen Gang, von welchem ca. 15 Zellen mit jeweils nicht abgeschlossener Gittertür abzweigen. Daneben zwei Klos mit Dusche und ein Raum mit einem Tisch, auf dem eine 19 Liter Flasche Wasser steht. Beleuchtung gibt es nur auf dem Gang. Fenster: Keine. Die Zellen bestehen aus Wänden, einem Fußboden und einem etwas erhöhten Fußboden, auf dem ein Holzbrett liegt. Auf diesem eine graue Wolldecke. Das Bett. Ich führe einige Gespräche und finde heraus, dass viele meiner Genossen schon einige Wochen hier unten sind, die meisten wegen „illegalen Aufenthalts“. Ernsthafte Verbrechen: Keine. Wir sind etwa 10 Leute hier und halten auf dieser Seite ganz offensichtlich das Bildungsmonopol im Haus. Verständigung auf Englisch kein Problem. Die meisten hier sind Studenten an der Uni und haben irgendein Problem mit dem Visa. Ein Softwareentwickler aus dem Senegal, Anfang 20 erzählt mir, er hätte seinen Ausweis verloren. Als er dies den Behörden meldete, haben die ihn hierher verfrachtet. Jetzt sitzt er seit 3 Wochen in diesem Keller mit Aussicht auf Deportation in sein Heimatland. Ein anderer studiert Wirtschaftswissenschaften und hatte offenbar Probleme bei der Zahlung der Raten für sein Visa: Konsequenz: Er wird abgeschoben. Ein Dritter hat genau das gleiche Problem, sein „Visaprozess wäre bei 60%“ und es gab da wohl eine bürokratische Hürde. Ein junger Syrer, 20 Jahre alt, sitzt seit zwei Monaten hier und hat keine Ahnung, wie es mit ihm weitergeht. 

Ich kann es nicht bis ins Letzte nachvollziehen, was sie mir erzählen und man muss bei einseitiger Berichterstattung ja immer etwas vorsichtig sein. Aber die Geschichten klingen alle ähnlich, irgendwie glaubwürdig und haben eines gemeinsam: Es sind großteils Bagatellen oder aber eine Flüchtlingsangelenheit. Und wo sind jetzt hier die Kriminellen?

Am nächsten Morgen werde ich natürlich nicht freigelassen. Mein Name wird gerufen, ich trete an und mir werden Handschellen angelegt. Dann werde ich in ein Auto gesetzt und nach Lefkosia zum Gericht gefahren. Da stehe ich nun im Hof einer venezianischen Villa, die die Rechtsprechung beherbergt. In Handschellen und ohne Schnürsenkel. Die wurden mir gestern Abend abgenommen, wahrscheinlich weil die gefährlich sind, vielleicht auch, damit ich nicht wegrennen kann. Oder aber, damit ich ziemlich doof aussehe. Das weiß ich nicht so genau. Irgendwann werde ich in den Gerichtssaal geführt. Das ist so eine richtig altehrwürdige Halle, ganz in Holzverkleidung und vorne in der Mitte thront majestätisch auf einer Empore erhoben hinter einem großen Schreibtisch die Frau Richterin, die während meiner „Verhandlung“ kein Wort sprechen, sondern mich lediglich mit einer unantastbaren, schweigenden Autorität über ihre Brillengläser hinweg mustern wird. Ich werde in eine Holzkanzel gestellt und vom Staatsanwalt wird auf türkisch meine Anklage verlesen, die mir von einer jungen Gerichtsdienerin in rasend schnellem Englisch übersetzt wird. Hier die Kurzversion: „Ich habe ein Verbrechen begangen („commited a crime“), weil ich heimlich in verbotenes Militärgebiet eingedrungen bin („secretly entered forbidden military zone“). Nun müssen Ermittlungen angestellt werden und Übermorgen wird ein Urteil verkündet. Aufgrund von Fluchtgefahr bleibe ich bis dahin in Polizeigewahrsam. Ob ich dazu etwas zu sagen hätte.“ Ich setze gerade zu meiner Verteidigung an, da werde ich von der Übersetzung auch schon unterbrochen. „Nein, Nein – ob ich zu diesem Vorurteil etwas zu sagen hätte?“ Irgendwie fällt mir dazu nichts ein und ich werde abgeführt. Der Nächste bitte! 



Am Nachmittag werde ich in der Polizeistation dann von einem Ermittler verhört. Der spricht gutes Englisch, ist ziemlich nett und wir können neben meinem Fall bei einem Kaffee prima über Gott und die Welt plaudern. Auf mehreren handschriftlichen Seiten dokumentiert er meine bisherige Reise genau, so, wie ich sie ihm schildere und das auch in diesem Bericht hier getan habe. Ich habe da nichts zu verbergen und das merkt er auch. Das Gespräch kommt schließlich auf den griechisch – türkischen Konflikt, der ganz offensichtlich die Ursache für die etwas sensible Reaktion der türkischen Behörden ist. Das stößt auf mein Verständnis und weil ich ja auch irgendwie einen Fehler gemacht habe, will ich mal mit einen Schwamm über die mir geraubten drei Tage wischen. 

Einen seltsamen Geschmack bekommt das Gespräch allerdings, als mir mein Gegenüber erzählt, dass die Griechen auf der anderen Seite im Süden abgrundtief böse seien und die Türken als einzige völlig im Recht. Ich solle doch auch bitte nicht vergessen, dass die Türken und die Deutschen im 1. Weltkrieg Verbündete gewesen seien. Und ob ich Attila, den Hunnen kenne? Der wäre ein Vorfahre der Türken gewesen und was der damals so gemacht hat, das fände er Spitze. Die Germanen hätten sich damals übrigens ausnahmslos auf seine Seite geschlagen (Das stimmt nicht. Germanische Stämme kämpften auf beiden Seiten.). Offen gibt er zu, dass er Nationalist ist und ich sehe davon ab, ihn in seinem etwas verzerrt wirkenden Geschichtsbild oder seinen imperialistischen Ambitionen zu korrigieren. Hofft er etwa, dass ich den Leuten im Süden nun meine unerbittliche Feindschaft erkläre, eine gemeinsame Invasion Europas plane und mit ihm zusammen jubilierend in einen neuen 1. Weltkrieg ziehe? Da habe ich keine Lust drauf. Auf der anderen Seite habe ich nette Menschen getroffen und das hunnische Reich erscheint mir weit entfernt von einem Idealstaat. Ich lobe die Architektur der Lala Mustafa Moschee und meine, dass es schon ok ist, dass die Kreuzfahrer hier unten rausgeflogen sind. Man kann sich ja irgendwo in der Mitte treffen, das Kriegsbeil begraben und den Fokus auf kulturellen Austausch legen. Allerdings sollten das beide Seiten so sehen.

Ein bisschen erinnert mich das Gespräch an das Verhör am Ende von Orwells „1984“, in welchem Winston Smith vom Chef der „Inneren Partei“ angenehmst umgarnt wird, bevor es für ihn zur Folter geht. Mein Ermittler meint, dass er nicht viel für mich tun könne und dass der Richter entscheiden werde. Dann geht es wieder ins Loch. Ich eigne mich scheinbar nicht als Überläufer. 



Dienstag Abend wurde ich festgenommen, Mittwoch zum Gericht gefahren und verhört. Jetzt ist Donnerstag und ich bin entfernt vom Tageslicht. Das ist ganz schön belastend und ich frage mich, was mit einem passiert, wenn man hier wochenlang drin ist. Ohne Licht, ohne ausreichend Bewegung und ohne irgendeine Information, wie es mit einem weitergeht. Liegestütze, Kniebeuge, Sit-Ups, Stretchübungen. Den Gang und das Klo gründlich gewischt und dann eine Stunde lang auf- und abgegangen. Ein paar Gespräche geführt. Die Stunden ziehen sich wie ein verdammt zäher Kaugummi. Eine Stunde Meditation und es ist immer noch ein Haufen Zeit übrig. Ich versuche, im Kopf ein Gedicht zu schreiben, was aber misslingt. Noch ein paar Gespräche mit meinen Zellengenossen. Einer berichtet, ihm wurden von der Polizei ein Päckchen Koks und eine Schusswaffe untergeschoben, ein anderer erzählt mir von Misshandlungen. Ich kann an dieser Stelle zu den individuellen Schicksalen kaum Einzelheiten nennen. Für den Zeitraum meiner „Untersuchungen“ sind es eine ganze Menge Informationen und mein Schreibzeug liegt irgendwo draußen jenseits der Gitterstäbe. Erst recht nicht kann ich den Wahrheitsgehalt in irgendeiner Form beweisen. Aber die Tatsache, dass hier niemand Diebstahl nennt, Körperverletzung, Einbruch, Betrug, räuberische Erpressung oder weswegen man sonst hinter Gitter kommen sollte, weist für mich deutlich in eine Richtung und ich nehme Abschied davon, hier so behandelt zu werden, wie es mir mein eigenes Gerechtigkeitsempfinden vorgibt. Dann stelle ich mir erneut ernsthaft die Frage, auf welcher Seite der Mauer die Verbrecher eigentlich sitzen. 

Es ist Freitag Morgen und es geht zum Gericht. Ich bekomme alle meine Sachen wieder und mir werden Handschellen angelegt (Gott sei Dank schalte ich schnell und setze den Rucksack nicht auf, bevor das passiert.). Dann geht es per Auto nach Lefkosia. Es mag nur eine Kleinigkeit sein, aber ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass die beiden Beamten da vorne sich nicht anschnallen und im Auto rauchen. Der Beifahrer schaut irgendwelche Videos auf seinem Smartphone. Ich versuche, einen gewissen Grundrespekt zu wahren.

Da stehe ich nun wieder in Handschellen und ohne Schnürsenkel unter dem Arkadengang dieser herrlichen venezianischen Villa, warte auf den Prozess und schaue mich um. Mein Begleiter schaut irgendwelche Videos. Langweiliger Tag für ihn. Ich versuche, ein Gespräch mit ihm zu starten. Schönes Wetter hier. Was sind denn so seine Aufgabenfelder bei der Polizei? „Alles“ meint er. „Helikopter fliegen?“ Er schweigt. Aus dem Gerichtssaal kommt gerade wieder ein Verurteilter und macht ein ziemlich betröppeltes Gesicht. Hier ist Massenabfertigung. Der Nächste, bitte! Grundsätzlich lassen sich die Menschen hier vor dem Gericht in drei Kategorien einteilen. 1. Mitglieder des Justizapparates; gut gekleidet und geputzt, teilnahmslos, erhaben. 2. Bedienstete des Justizapparates; servil und eifrig bemüht. 3. Angeklagte; niedergeschlagen, desorientiert, vorgeführt (die Sache mit den Schnürsenkeln finde ich wirklich unmöglich). Und dann ist da noch ein Fernsehteam, das hier gerade Aufnahmen macht. 

Schonmal in Handschellen pinkeln gewesen? Das sind so steife Dinger, also, die haben keine Kette in der Mitte, sondern ein starres Stück Metall. Das erfordert einige Verrenkungen bei der Handhabung des Hosenstalles und dem, was dahinter verborgen liegt. Außerdem muss ich mich beeilen, denn ich bin gleich dran. 

Einige Schürfwunden am Handgelenk mehr stehe ich bald darauf wieder vor diesem gigantischen Schreibtisch und schaue auf. „Do you have a lawyer?“ werde ich von meiner Übersetzerin gefragt. Nein! Und ich will auch keinen. So ziemlich jeder meiner Zellengenossen, der einen hat, meinte, ein Anwalt kostet 500€ und macht genau gar nichts. Wahrscheinlich trinkt er Abends zusammen mit Richter und Staatsanwalt ein Bier. Dann wird meine Anklage verlesen: „Commited a crime... secretly entered military zone...15 Tage Gefängnis. Danach erneute Vorsprache bei Gericht.“. Ob ich dazu etwas zu sagen hätte. Ich weise darauf hin, dass ich mich auf griechischem Territorium befand, eine Stunde vorher die Grenze auf legalem Weg überschritt und diese von türkischer Seite in keiner Weise gekennzeichnet war. Dann wird exakt der gleiche Text nochmal vorgelesen und ich werde abgeführt. Die Richterin schweigt. Der Nächste, bitte! 

Auf dem Weg über den Hof packt mich mein Begleiter plötzlich am Arm. Ich sage ihm scherzend, dass ich ihm schon nicht abhaue und schlurfe einmal extra deutlich mit meinen offenen Schuhen über die Gehwegplatten. Er deutet auf die filmende Menschengruppe direkt vor uns und raunt: „TV!“. Ja, klar – heute Abend läuft dann also im Staatsfernsehen, wie die glorreiche nordzyprische Polizei mal wieder einen Verbrecher hinter Gitter gebracht hat. Carsten Belletz – das abschreckende Beispiel der türkischen Jugend. Verwegen und bedeutungsschwer weht mein Bart im aufkommenden Nachmittagswind und aus meinen Augen strahlt unverblümt der Geist des gefallenen Antihelden, des geläuterten Outlaws, der nun seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Jeder spielt hier seine Rolle. Das hatte mir mein Ermittler während des Verhörs schon erklärt...



Ich sitze im Auto auf dem Weg ins Gefängnis. Der Fahrer raucht. Der Beifahrer schlürft Eiskaffee aus der Dose. Ich frage, ob wir jetzt zu McDonalds fahren. Der Fahrer lacht. Schweigen. Irgendwie komme ich mir hier gerade vor wie in einem Stück von Kafka, in den Rädern einer großen Maschinerie. Die Menschen, denen ich begegne, scheinen alle um den Unsinn zu wissen, den sie gerade verzapfen, verdrängen das jedoch und übernehmen für ihr Handeln keinerlei Verantwortung. Sie gehorchen vielmehr willenlos den Befehlen einer anonymen Macht, die irgendwo im Hintergrund sitzt und die Entscheidungen fällt. Ein kollektiver, stummer Druck, der auf dem Einzelnen lastet, ihn zur Selbstverleugnung und Realitätsverweigerung treibt. Der Preis, den man hier für einen Job bezahlt. Die Verselbstständigung eines Systems, das einige ernährt, andere verurteilt und mit dem sich alle abzufinden haben. Ich bin selbst Schuld an meiner Situation. Ich habe mich diesem System ausgeliefert, als ich das griechische Schild nicht als abschreckende Warnung las, sondern als dargereichte Information. Ein bisschen blauäugig, vielleicht ein bisschen frech hatte ich eine für mich unsichtbare Grenze überschritten, die von der anderen Seite bestimmt wurde und die diese mit höchster Sensibilität bewachte. Andere Länder – anderes Recht. 



Im Gefängnis wird dann seit Jahren mal wieder meine Körperlänge gemessen. Mit Schuhen bin ich 1,90 Meter. Gute Nachricht – noch schrumpfe ich nicht. Eine weitere gute Nachricht – ich habe meine Schnürsenkel wieder und auch noch eine - mir wird ein Telefongespräch in Aussicht gestellt. Die Nummer darf ich auf einem Zettel notieren, während mir meine Habe abgenommen und ich in Knackiklamotten gekleidet werde: Kleinkariertes Hemd und graue, viel zu weite Hose. Zur Überraschung darf ich da meinen Gürtel reinziehen. Kaffee, Olivenöl, Kekse – alles verderbliche wird weggeschmissen. Zahnbürste und Schreibzeug werden mir abgenommen. Ich könnte mir drinnen neue kaufen. Auf Nachfrage wird es mir gestattet, meine Brille mitzunehmen. Danach Fotosession. Ich halte ein Schild mit meiner Nummer in der Hand und schaue recht freundlich. Dann sitze ich auf dem Flur und warte. Neben mir Mohammed, ein 20 jähriger Schwarzafrikaner aus Sierra Leone, Arztsohn, studiert regenerative Energien, furchtbar netter Typ. Er wird in den kommenden Tagen mein Zellennachbar sein. Seine Geschichte ist so ziemlich die absurdeste, die ich bis dahin zu hören bekomme. Er wurde irgendwann aus heiterem Himmel auf der Straße verhaftet, in ein Büro gebracht und dort wurden ihm Videoaufnahmen aus einem Supermarkt gezeigt. Ob er die Person dort kenne. Sie hätte zwei Schnapsflaschen gestohlen (Was in dem Film nicht zu sehen ist.). Er meinte, das wäre ein Bekannter von der Uni, von dem er nur den Spitznamen kenne. Unter Prügel wurde er anschließend zum Geständnis gepresst, er selbst hätte die Schnapsflaschen geklaut. Irgendein Schriftstück auf Türkisch, das er unterschrieb. Nachdem er dann den Verlust dem Supermarktbesitzer erstattet hatte (etwa 150€), wurde er hierher verfrachtet. Urteil: Zwei Monate, aber sein Anwalt (500€) versucht, ihn rauszubekommen und er hofft auf Amnestie. Mohammed ist ein sehr friedliches Kerlchen, gehobene Mittelschicht, Idealist, praktizierender Moslem mit ein paar Kilo zu viel auf den Rippen und einem verwöhnten Gaumen. Niemals hat der Schnaps gestohlen. Opfer von Rassismus und Korruption und eingeschüchtert in der Fremde klingt für mich plausibel. 

Wie war das gleich mit dem Telefonat? Dem Beamten, der mir dies zusicherte, begegne ich nicht mehr. Wir werden zu zweit in einen Gefängnistransporter verfrachtet, in dem eine brütende Hitze herrscht. Der Fahrer chauffiert uns in bester Henkersmanier mit quietschenden Reifen irgendwohin. Es geht vom alten Gefängnis zum neuen, in welchem wir erst eine Quarantänezeit absitzen müssen, bevor wir zurück ins alte verlegt werden. Für mich wird es bei einem Aufenthalt bleiben und für Mohammed hoffentlich auch. 

Das neue Gefängnis wurde irgendwann Anfang des Jahres eröffnet. Das sagen mir zumindest die Inschriften an der Zellwand. Die älteste ist irgendwann aus dem Frühjahr. Wir sind zu zweit in einem Zehn – Mann – Apartment und da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Ein geräumiger, heller Raum mit einem Plastiktisch und einigen Stühlen, einer Klimaanlage, einer Spüle, einer Kommode und einem Wasserspender, einem großen Apparat, der von einer 19 Liter Flasche gespeist wird und bei dem man per Knopfdruck zwischen heißem und kalten Wasser wählen kann. Eine verschlossene Tür und zwei vergitterte Fenster zeigen in einen kleinen, vollkommen betonierten Innenhof. Eine Treppe führt nach oben, wo sich 5 Doppelstockbetten, 10 Stahlspinde und eine Klimaanlage befinden. Wir haben uns gerade eingerichtet, da werden wir auch schon verlegt. 

Wir sind jetzt zu fünft in einer anderen Zehn – Mann – Zelle, zusammen mit Mohammed II., 43, praktizierender Moslem aus Bangladesch. Er versuchte, illegal nach Süden zu kommen – 1 Monat Jean, 28, Student aus Guinea. Ihm wurde von einem „Freund“ ein gefälschtes Visum angedreht – 2 Monate und Murat, 45, einem Festlandtürken, der in den kommenden Tagen versuchen wird, die Herrschaft über die Gruppe an sich zu reißen. Er hat ein bisschen mehr auf dem Kerbholz, schweigt sich darüber aber aus. 



Carpe Diem im Knast

Wie war das gleich mit dem Telefonat und dem Zahnbürstenkauf? Neben der Zellentür ist ein Knopf, den man betätigen kann. Kurze Zeit später erscheint dann ein Beamter auf der anderen Seite, der einem bei Fragen und Anliegen durch eine Luke zur Verfügung steht. „I want to do a phonecall!“ - „Impossible!“ Bumm – und die Luke fliegt zu. Ich überlege, ob ich meine Wächter mittels des Knopfes jetzt solange nerve, bis ich mein Telefongespräch bekomme. Ich verwerfe den Gedanken allerdings rasch. Von ihrer Gnade ist meine Zahnbürste abhängig. „I want to make an order!“ - „Tomorrow!“ Immerhin. Murat hat einige Bestellzettel vom Gefängnissupermarkt und er kann türkisch schreiben. Jean spricht englisch und ein paar Brocken türkisch und kann übersetzen. Zu dritt füllen wir den Zettel aus. Ich bestelle Zahnbürsten für mich und die beiden Mohammeds (Murat und ich sind die einzigen, die hier Geld haben), Zigaretten, Kaffee, Kekse, Stifte und Papier. Es ist Freitag, die Bestellung geht morgen raus und am Montag haben wir hoffentlich das Zeug. Bis dahin ist Däumchendrehen und Kennenlernen angesagt. Geputzt sind die Räumlichkeiten sehr schnell, vor allem, wenn man zu fünft ist. Liegestütze, Sit – Ups,... nicht tagfüllend. „I want to do a phonecall!“ - „Impossible!“ - „But it's my right!“ - „You must learn to live in prison!“ Ende der Diskussion. 

Heute ist Samstag. Nächsten Mittwoch geht mein Flug zurück nach Deutschland. Wenn ich da nicht an Bord bin, werden sich Leute in der Heimat sehr viele Gedanken machen. Und ich kann hier nichts dagegen tun. Schreiend mit den Fäusten gegen die Zelltür trommeln wird keinen Erfolg haben, nehme ich an. Ich baue Jonglierbälle. In die abgetrennten Böden dreier Plastikflaschen stopfe ich Bettlakenreste, die hier auf einem der Betten rumliegen. Mit dem Feuerzeug versenge ich dann den oberen Rand der Behälter und versiegele auf diese Weise deren Inhalt. Fertig und einigermaßen benutzbar. Leider fällt beim Jonglieren dann schon immer mal einer zu Boden und das macht dann ein lautes Geräusch. Ich kann es also nur tun, wenn gerade niemand schläft, und meistens schläft irgendjemand. Wenn man sich hier nicht zu beschäftigen weiß, degeneriert man mit der Zeit zu einem Tier. Frühs aufstehen, essen, bald wieder schlafen gehen bis zum Mittag und dann das gleiche Spiel zum Abend. Zwischendurch ein paar Gespräche. Ich schlafe nicht. Lieber sitze ich da und glotze stundenlang an die Zelltür oder beobachte den Schatten des Gefängnisdaches, wie er sich langsam über den Boden des Innenhofes schiebt. Ich versuche auch, damit irgendwie die Zeit zu bestimmen, denn eine Uhr hat hier keiner. Die Essensausgabe gibt dem Tag die Struktur und es kommt nie zur gleichen Zeit, soviel finde ich heraus. Apropos Essen: Das ist im Gegensatz zu jenem auf der Polizeistation (hier gab es dreimal am Tag billigste, immer gleich belegte Brote) richtig gut, abwechslungsreich und ausgewogen (allerdings ein bisschen zu viel für die Bewegung, die man hier erhält). Da haben scheinbar wohlwollende Experten den Speiseplan erstellt: Zum Frühstück gibt es Brot mit Käse, Tomate, Gurke, Oliven, Marmelade, Honig, Butter, manchmal Tee oder Ei. Mittags und Abends gibt es warm – Hähnchen, gegrillter Fisch, gefüllte Paprika oder Aubergine, Pizza, Lasagne, Reis, Pommes, Nudeln. Dazu immer Brot, meistens Joghurt, Ayran, frisches Obst, manchmal Milch, Saft oder Baklava. Alles lecker. Nur Vegetarier sollte man hier nicht unbedingt sein. Nach dem Schauen einiger Gefängnisdokus wage ich sogar einmal die Behauptung: Das Essen im türkischen Knast ist besser, als im deutschen! Weiter so, Türkei! Prima! Jetzt müsst ihr nur noch an den Menschenrechten arbeiten! 



Es ist Sonntag Morgen – die Tür zum Hof wird geöffnet und ich werde von einem zarten Hauch der Freiheit umweht. Etwa Fünf mal fünf Meter glatten Beton werde ich die in nächsten Stunden zum Spazierengehen zur Verfügung haben (auf dieser Fläche zu joggen gebe ich schnell auf) und dabei sogar einige Strahlen direktes Sonnenlicht erhaschen. So ein dritter Raum ist schon gar nicht schlecht. Er bietet dem Einzelnen Freiraum und die Möglichkeit, mal allein zu sein. Zu fünft in einer Zehn-Mann-Zelle verteilt es sich durch den Hof ganz angenehm. Wann wir jedoch dieses Privileg genießen dürfen, werde ich bei meinem kurzen Aufenthalt allerdings nicht herausfinden. Mal ist der Hof offen, mal zu. Kein System erkennbar. Scheinbar nach Laune der Wachmannschaft. 



Die Erfahrung zeigt, dass der eigentliche Feind meistens im Inneren lauert, sowohl im Individuum, als auch in der Gruppe. Solange im Individuum Frieden und Harmonie regieren, kann es dies auch in die Gruppe übertragen. Solange es in der Gruppe läuft, läuft es auch mit anderen Gruppen. Frieden und Harmonie sind aber niemals dauerhafte Zustände, sondern wollen immer neu errungen werden und sie stehen dabei in einem komplexen Zusammenhang zu einem anderen gruppendynamischen Prozess, nämlich der Etablierung einer Herrschaftsstruktur. Letztere ist für die Gruppe wichtig, um das Zusammenleben zu regeln und um Abläufe zu organisieren. Das Individuum kann sich in der Umwelt verorten und orientieren. Das menschliche Zusammenleben wird seit Alters her von jenen beiden, recht gegensätzlichen Polen bestimmt – Liebe und Macht - und pendelt sich im Normal- und Idealfall irgendwo in der Mitte ein. Hierarchien sind so fest in unseren Denk- und Verhaltensmustern verwurzelt, sie sind im alltäglichen Zusammenleben eine solche Notwendigkeit, dass uns deren Abwesenheit irritieren oder sogar erschrecken kann. Wir lernen das von klein auf durch die Eltern, in der Schule, im Arbeitsleben. „Was der Chef sagt, wird gemacht.“ - das schafft Stabilität, Struktur und Sicherheit und gewährleistet einen reibungslosen Ablauf und Effizienz. Versuche mit antiautoritären Modellen werden zwar immer wieder gemacht, diese sind im derzeitigen globalen Wettbewerb jedoch nicht überlebensfähig. Was aber, wenn gar kein Wettbewerb stattfinden muss, wenn Essen und Dach sicher sind, alle völlig gleichberechtigt, die zu verteilenden Aufgaben überschaubar? Dann liegt es nur am Ego und an der charakterlichen Reife der Teilnehmer, ob ein harmonisches, friedvolles Miteinander praktiziert werden kann. Was in der grausamen Welt wohl ein schöner Traum bleiben muss, kann hier hinter Gittern Wirklichkeit werden. Aber dafür muss gekämpft werden. Frieden und Harmonie haben ihren Preis und wenn dem nicht so wäre, wüssten wir sie ohnehin nicht zu schätzen. Am Anfang ist die Gruppe wüst. Ob Frieden herrschen wird oder der Stärkste, steht noch in den Sternen. Am Anfang ist da nichts, als ein Traum und Murat beginnt sein Spiel. Er hat hier gerade das Zigarettenmonopol und ziemlich schnell wird klar, dass er dieses einzusetzen gedenkt, um nach der Macht in der Zelle zu greifen. Das geht am einfachsten, indem man die Menschen von sich und seiner Gnade abhängig macht, mit ihren Hoffnungen und Ängsten spielt und sie untereinander spaltet. Wenn es sich hierbei allerdings um charakterstarke, gebildete Personen handelt, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen und für eine Zigarette ihre Seele verkaufen, dann macht man sich mit solch einem Versuch ordentlich zum Narren und manövriert sich selbst ins Abseits. So auch unser durchschauter Kippenking, der in den folgenden Tagen allein und schmollend auf seinem kostbaren Gut sitzen bleibt, während der Rest sich miteinander anfreundet und das gemeinsame Boot der Hoffnung irgendwie über den Ozean der Zeit schaukelt. 

Eine Woche sind wir jetzt hier. Die beiden Mohammeds beten nun fünfmal am Tag gen Osten. Das ist immer wieder schön anzusehen. Es spendet nicht nur ihnen Zuversicht, sondern auch den anderen. Spiritualität hat durchaus eine friedensstiftende, beruhigende Wirkung. In diesem Punkt sind sich wohl alle Weltreligionen gleich und vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem Fanatiker aufhören, um die Vorherrschaft ihres einzig wahren Glaubens zu kämpfen. Diese Woche funktioniert es jedenfalls sehr gut. Die Mohammeds beten, Jean und ich machen Liegestütze. Sport hat auch was spirituelles und Körperpflege beruhigt das Gewissen. Wenn jetzt noch meine Zahnbürste kommt, bin ich zufrieden. Eine Woche lang nicht Zähneputzen ist für mich eine psychische Grenzerfahrung, eine Folter! Meine Gesundheit ist in Gefahr und da verstehe ich keinen Spaß. Ich hatte versucht, das dem Wachmann zu erklären, doch der meinte nur, dass hier Leute sitzen würden, die Krebs haben und keine Medikamente erhalten, und dass ich mich demnach nicht so anstellen solle. Auf meine Frage, warum das so sei, gab er an, das wisse er nicht. Dann ging er weg. Die Existenz eines größeren Unheils negiert jedoch nicht mein eigenes und Schweinereien zu verdrängen, statt an ihrer Beseitigung zu arbeiten, ist keine valide Überlebensstrategie und macht auf Dauer krank. Ich habe Mitleid mit dem Wachmann! 

Nach einer Woche kommt endlich meine Lieferung. Ich musste zweimal einen Zettel schreiben, dass ich einige Euros auf meinem Konto in der Knastbank gerne in TL getauscht haben möchte. Hätte ich ja auch selbst drauf kommen können und auch, dass ich mein Anliegen bitte auf Türkisch formuliere, statt auf Englisch. Die Leute hier sind schrecklich stolz auf ihre Muttersprache...

Nach einer Woche habe ich Zahnbürsten für die Mohammeds und mich, Kaffee, Kekse und auch eine Stange Zigaretten, die Murats Machtfantasien endgültig zerschmettert. Schreibzeug habe ich zur Hälfte. Die Stifte kamen, das Papier nicht. Auf Nachfrage gibt mir ein freundlicher Wachmann acht A5 Zettel durch die Luke, ein Ausnahme- und Glücksfall, wie ich später feststellen werde. 

Eine Woche sind wir jetzt hier. Es ist Freitag, etwa 22:00 Uhr und ich liege im Bett. An der Tür rummst es. Alle antreten! Wir werden verlegt, sofort! Schnell! Es geht eine Tür weiter in die Nachbarzelle. Da sind offenbar einige Plätze frei geworden und ab nun wohnen wir da zu elft. Neben uns fünf sind das vier junge syrische Flüchtlinge, Anfang 20, Ikbal, 35 Pakistani, Supermarktangestellter und Ex – Soldat, kündigte seinen Job und wurde von seiner Ex-Chefin daraufhin aufs Übelste verleumdet und Mehmet, türkischer Drogenkurier um die 30, Oberkörper narbenübersät, verletzte einen Polizisten mit fünf Messerstichen schwer, 20 Jahre Haft. Ziemlich schnell ist klar, wie hier der Hase läuft. Was wir bei uns verhindern konnten, hat sich hier bereits etabliert – eine klare Hierarchie, die auf Erpressung und Einschüchterung fußt. Mehmet kommandiert die vier Syrer nach Belieben herum, lässt sie putzen und sich Sachen von ihnen bringen. Er pfeift – sie stehen parat. Ikbal hält sich raus. Er hat die Seiten seines Bettes mit Laken zugehängt, hinter denen er sich meistens aufhält und ich lerne ihn erst zwei Tage später kennen. 

Die erste Aktion Mehmets nach der Begrüßung besteht darin, uns Frischlingen Betten zuzuweisen, wie er das für richtig hält. Da hat er sich aber geschnitten. Ich habe mir bereits ein schönes Plätzchen ausgesucht – das Bett in der Ecke genau an der Treppe, oben. Von hier aus kann ich den ganzen Raum überblicken und auch hinunter in das Gemeinschaftszimmer. Mohammed aus Sierra Leone schläft unter mir. Ende der Diskussion! Mohammed II. und Jean begnügen sich mit einer Matratze auf dem Boden. Mehmets eisiger Blick trifft mich. Ich habe ihm den Gehorsam verweigert, doch er nickt meine Entscheidung ab. Ich nicke auch und lächle, bleibe, wo ich bin und gehe früh schlafen. Aber mir schwant schon, was da auf uns zukommt und Murat schöpft neue Hoffnung. Unten wird die ganze Nacht gefeiert. Mehmet hat ein Päckchen Drogen aus seinem Kopfkissen gezaubert, irgendein Amphetamin, das er Jean und Mohammed II. anbietet. Letztlich findet er aber in Murat seinen Konsumpartner und die beiden verbrüdern sich gleich in der ersten Nacht. 

 Am Morgen erklärt uns Mehmet dann die Einzelheiten und Regeln seiner Herrschaft. „Er hat 20 Jahre bekommen und ihm ist alles scheißegal. Wenn wir Probleme möchten, dann macht er welche. Also tun wir gefälligst alles, was er sagt!“. Seine Argumentation klingt plausibel und nun wird geputzt. Also, von uns, nicht von ihm oder Murat. Als ob es nicht anstrengend genug wäre, eingesperrt zu sein, wieso muss man sich immer auch noch zusätzlich mit Arschlöchern herumschlagen? Und wer kommt eigentlich auf die geniale Idee, Flüchtlinge und Leute mit Bagatelldelikten zusammen mit einem Schwerverbrecher unterzubringen? Ich nehme an, die Wachen wollen sich über die Kamera in der Zelle ihren langweiligen Arbeitsalltag ein wenig versüßen... 

Die nächsten Tage sind spannend. Es liegt etwas in der Luft, das nicht ausgesprochen wird, aber von allen zu spüren ist. Der Alltag wird überschattet von den mehr oder weniger subversiven Versuchen, unseren Willen zu brechen und uns gefügig zu machen. Mehmet hat in Murat einen exzellenten Verbündeten gefunden. Dieser ist nun gewissermaßen der Kopf unserer „Doppelspitze“ und Mehmet der ausführende Schreihals. Die beiden werden nicht müde, uns den Tag mit kleineren und größeren Schikanen und Provokationen zu veredeln. Mal kommt ein junger Syrer zu mir und will eine Zigarette für Mehmet, oder er will einen Keks für Murat. Können sie haben! Mal stehe ich beim Frühstück auf, komme wieder und Murat sitzt plötzlich auf meinem Platz. Kann er haben! Mal soll Mohammed I. mit Mohammed II. die Betten tauschen. Das passiert nicht! Die Strategie ist, friedfertig zu sein und kameradschaftlich, dabei aber dennoch Grenzen zu setzen. 



Mehmets Befehle sind im ganzen Apartment deutlich zu hören. Er ruft – die Syrer springen, putzen, stellen ihm seinen Stuhl angenehm hin. Diese sind im Grunde ganz in Ordnung. Aber sie sind jung, rechtlos und Mehmet hat Angst in ihren Herzen gesät. Wenn sie mal gerade nicht in seinen Diensten stehen, spielen sie ein Brettspiel. So eine Art „Mensch, ärgere dich nicht!“, das auf eine Pappe gezeichnet wurde. Die Spielsteine sind Papierschnipsel, der Würfel ein zurecht geschnittener Radiergummi. Das macht denen richtig Spaß und bald spielen auch die Mohammeds und Jean mit ihnen. Gebetet wird nun fünfmal am Tag zu siebt – die Syrer und Ikbal machen mit. Ein identitäts- und gemeinschaftsstiftendes Ritual hinter Gittern. 

Ich habe ein Buch gefunden, ein türkisches Grundschullehrbuch. Geschichte, Biologie und Geografie, dargestellt in Text und buntem Bild. Das ist besser als nichts, nachdem ich meine acht Zettel innerhalb von 3 Stunden vollgeschrieben hatte. Nachschub wird mir auch bei wiederholter Nachfrage leider verwehrt. Ansonsten sitze ich auf dem Bett und schaue den Muslimen beim Beten zu oder beim Spielen. Die Zeit ist ein zäher Kaugummi.

Murats Gesichtszüge wirken knautschig, seine Laune ist irgendwo im Keller. Am Tag schläft er, Nachts sitzt er unten zusammen mit Mehmet und die beiden unterhalten sich lautstark. Ich vermute, es liegt an Mehmets weißem Pülverchen, dass unser Kippenking ziemlich doof aus der Wäsche schaut. In der alten Zelle hat er jedenfalls noch halbwegs gesund gewirkt, hier scheint er von düsteren Gedanken gepeinigt und von innen mehr und mehr zerfressen. Zumindest sagen das sein Gesichtsausdruck und sein restliches Verhalten. Wenn ich nicht so besorgt wäre, könnte ich glatt schadenfroh sein. Jeder kriegt, was er verdient. Das nennt sich Karma! 

Am Freitag sind wir eingezogen. Jetzt ist Montag – der Tag der Abrechnung! Es ist bereits Abend und ich bin gerade dabei, mich bettfertig zu machen. Unten auf einmal ein Heidenlärm. Gut ein Dutzend Wachen steht zusammen mit den Häftlingen im Eingangsbereich der Zelle. Mohammed aus Sierra Leone und ich sollen mitkommen zum Verhör! Begleitet von drei Vollzugsbeamten gehen wir den Gang um die Ecke zu ihrem Aufenthaltsbereich. Umringt von einem halben Dutzend stehen wir nun Rede und Antwort zu den Vorwürfen, die man uns macht. Gott sei Dank auf Englisch. Vorwurf 1: Wir würden uns nicht am gemeinschaftlichen Putzen beteiligen. Vorwurf 2: Wir würden zusammen aufs Klo gehen und dort pimpern. Auf meine Gegenfrage, wer das denn sagt bekomme ich die Antwort: „Alle!“. Meine Verteidigung ist recht kurz. Ich sage, dass das eine Lüge sei, um eine Herrschaftsstruktur zu etablieren. Mohammed fügt an, dass sie sich mittels der Videoaufnahmen auch selbst davon überzeugen können. Da ist dann nämlich zu sehen, wie ich frühs alleine putze, während alle anderen noch schlafen. Aufs Klo gegangen sind wir nachweislich auch nicht zusammen (Und selbst wenn – was wäre eigentlich so schlimm daran?). Die Wachen meinten nur, sie wollen keinen Ärger und wir beide würden jetzt verlegt werden. Ich bitte darum, unsere beiden Freunde Mohammed II. und Jean mitnehmen zu dürfen und dieser wird stattgegeben. Fünf Minuten später sind wir zu viert in unserer alten Zelle. Glücksgefühle durchströmen mich und den anderen geht es genauso. Eine halbe Stunde später öffnet sich die Zellentür erneut und jetzt kommen die vier Syrer und Ikbal herein. Jubel herrscht. Ich werde umarmt und auf die Stirn geküsst. Dabei hatte ich doch gar nichts gemacht! 

Murat und Mehmet sind jetzt zu zweit und ich gehe davon aus, dass sie sich ziemlich schnell das Leben gegenseitig zur Hölle machen werden. Es ist zumindest unwahrscheinlich, dass zwei niederträchtige Menschen auf engem Raum zusammen ein Paradies erschaffen. Die Geschichte fällt wohl in die Kategorie: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“. Ich wünsche ihnen gute Besserung. 



Die folgenden Tage verlaufen harmonisch, ich möchte fast sagen „schön“. Die Syrer sind überaus dankbar und kleben bald an mir. Ich habe auf einem Stück Pappe ein neues „Mensch, ärgere dich nicht!“ gezeichnet, zusammen mit einer Landschaft mit Meer, Palmen, Wolken und Schiff. Am Spielfeldgitter klettern überall kleine Häftlinge entlang oder sonnen sich. Dann habe ich noch einen Ritter gezeichnet, einen syrischen Krieger und auch noch einen afrikanischen, allerdings unter Lampenfieber, weil mir dabei zugeschaut wurde. Und selbstverständlich habe ich ihnen Zahnbürsten, Kaffee, Zigaretten und Kekse bestellt. Die sollen davon soviel haben, wie sie sich reinstopfen können! Einer von ihnen hat seine ganze Familie verloren und ein Bombensplitter hat seinen Fuß zerfetzt. Bald wird er abgeschoben. Dann habe ich ihnen den Auftrag gegeben, Englisch zu lernen, täglich Liegestütze zu machen und auch täglich zu zeichnen. Ich hoffe, sie machen zumindest ersteres. 

Es ist Mittwoch Abend. Ikbal und ich bekommen gesagt, dass es für uns beide morgen früh zum Gericht geht. Eigentlich wäre meine Verhandlung erst am Samstag, aber wahrscheinlich hat das Gericht da geschlossen. Ich weiß nicht, was passieren wird. Komme ich wieder oder nicht? Vorsorglich mache ich noch eine Bestellung im Supermarkt für das restliche getauschte Geld. Eine letzte Lieferung für die Hinterbliebenen, sofern ich morgen frei gelassen werde. Wenn nicht, mampfe ich mit. 

Gleich morgens wird Ikbal abgeholt. Ich muss warten und gehe noch etwa zwei Stunden im Kreis. Dann öffnet sich auch für mich die Zellentür. Ob ich mein Zeug mitnehmen soll, frage ich. „Nein, nein – nur ich selbst, schön rausgeputzt für das hohe Gericht.“ Dann warte ich im Hof des Gefängnisses zusammen mit etwa 15 anderen, dem Aussehen nach Flüchtlinge, auf unseren Transfer. Wir werden zu zweit aneinander gekettet mit diesen steifen Dingern, die einem das Pinkeln so erschweren und alsdann in den Transporter gesetzt, der diesmal randvoll ist. Mein Schellenkollege ist ein Frisör aus Jordanien, Mitte 20, gebildet, friedfertig, eine „gute Seele“. Er hat in Lefkosia einen Salon betrieben und irgendwann im Frühjahr mit einem seiner Kunden einen Ausflug mittels Taxi in die nähere Umgebung gemacht. Dann wurden sie vom Militär angehalten und verprügelt. Ihm fehlen jetzt drei Backenzähne. Sein Kunde und er befinden sich seitdem in einem Prozessmarathon. Sein Geschäft ist hinüber. Der Taxifahrer ist auf freiem Fuß. In was für einem Film bin ich hier nur? Ich rechne bei meiner Verhandlung mit dem Schlimmsten.

Der Transporter hält, wir werden ausgeladen und entkettet. Dann geht es für alle in einen etwa 10m² großen Raum. Ich zähle 21 Leute, keine Klimaanlage. Eine Hälfte sitzt auf Bänken, die andere steht in der Mitte des Raumes. Die nächste Stunde unterhalte ich mich mit Ivan, einem 51jährigen, britischen Bauunternehmer. Er wollte irgendwann im Frühjahr über die Grenze nach Süden. Dabei wurde festgestellt, dass er im Norden die letzten 7 Monate nicht registriert war. Er erklärt mir, dass sein Reisepass scheinbar nicht im System eingecheckt wurde. Dann verzögerte sich seine Verhandlung, weil er in U-Haft Corona bekam und dann ein weiteres Mal, weil das Gericht Sommerpause hatte. Mittlerweile sitzt er im „Alten Gefängnis“ und nach seiner Schilderung über die dortigen Verhältnisse bete ich, dass ich da nicht hinkomme. Zwanzig – Mann – Zellen, keine Trennwand, keine Klimaanlage. 

Endlich geht es für uns zur Verhandlung und wir werden geschlossen in den Saal geführt und in Reih und Glied auf die Holzbänke gesetzt. Anlümmeln mit den Ellbogen auf der Rücklehne streng verboten! Es wird gerade gesessen! Und so sitzen wir hier nun. Gerade, still und ohne jede Ahnung, wie es weitergeht. Dann pocht es laut vorn an einer kleinen Seitentür. Alle müssen aufstehen. Der Richter und zwei Schöffen betreten in feierlicher Prozession den Raum und nehmen hinter dem großen, schweren Holztisch platz, hinter dem selbstverständlich eine türkische und eine nordzyprische Flagge aufgestellt sind. Die Verhandlung beginnt, aber nicht die unsere! Vor der Tür Saales stehen etwa zwanzig Soldaten in Tarnklamotten. Diese werden nun einzeln herein gebeten und dürfen sich in diese Holzkanzel stellen. Dann wird irgend etwas auf türkisch geredet und der Delinquent wird bald darauf durch den nächsten ersetzt. Ich weiß nicht, was die ausgefressen haben. Wahrscheinlich irgendein Delikt in der Gruppe. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine Art Vereidigung. Keine Ahnung. Nach etwa einer Stunde jedenfalls sind sie durch und das hohe Gericht macht Pause. Irgendwann später klopft es wieder und wieder dürfen wir unsere Ehrfurcht durch aufstehen bekunden. 

Der jordanische Frisör ist nun der erste in der Kanzel und zwar zusammen mit seinem Kunden. Ich verstehe nicht, was da geredet wird, aber erbaut wirken die beiden nicht gerade, als sie sich wieder setzen dürfen. Schwer zu sagen, inwiefern ihn ein solidarisches Nicken seiner Mitgefangenen zu trösten vermag. Aber es ist besser als nichts und irgendwie das Mindeste. Der Gedanke verleitet den Autor an dieser Stelle zu einem spontanen Statement: Gefangene in den Händen korrupter Systeme weltweit – ihr seid nicht allein und Gerechtigkeit wird euch widerfahren, wenn vielleicht auch etwas zeitversetzt! 

Ich stehe hinter der Kanzel und die Dolmetscherin übersetzt meine Anklage: „Secretly entered forbidden military zone... blablabla.... Do you accept the charge?“ - „No!“ verdammt nochmal! „Es war nicht heimlich und da war auch kein Schild, dass es verboten wäre oder ein Zaun!“ Das klingt ja so, als ob ich ein Spion wäre. Das Gericht macht Pause und ich werde zum Staatsanwalt gebeten. In ziemlich gutem Englisch klärt mich dieser dann auf, dass die Anklage nur etwas hart klinge, es sich in meinem Fall aber um eine reine Formsache handele. Ich hätte meine Strafe bereits abgesessen und wenn ich brav bin und das abnicke, dann lassen sie mich laufen. Ich bin dann also mal brav und nicke, als die Verhandlung wieder aufgenommen wird. Es wird festgestellt, dass meine Tat nicht mit bösem Vorsatz, sondern aus Versehen geschah. Dann werde ich gefragt, ob ich Familie in Deutschland hätte. Eine Mutter, sage ich. Dann wird mein Urteil verlesen: „Er machte es nicht mit Absicht und außerdem hat er daheim eine Familie, um die er sich kümmern muss. Deshalb ist er nun frei. Sollte er es nochmal tun, buchten wir ihn für einen Monat ein und er muss 5000 TL Strafe zahlen.“ Später werde ich gefragt werden, ob die Aktivitäten des deutsche Auswärtigen Amtes zu meiner Freilassung führten. Das weiß ich nicht genau, aber ich vermute: Ja. Ich werde vorzeitig entlassen und dieses Argument mit der Familie klingt fadenscheinig. Ich denke an Mohammed, Jean, den Frisör und Iwan und ob die das auch alle gefragt werden. Vielleicht ist es aber auch ein diplomatischer Hinweis, das Land nun bitte umgehend zu verlassen. Da bin ich mir nicht so sicher. Aber einmal mehr fühle ich mich als Deutscher irgendwie privilegiert und der Gedanke, dass sich das Auswärtige Amt um meinen Fall so schnell gekümmert hat, beruhigt mich irgendwie. Danke, liebes Auswärtiges Amt! Ich weiß, ihr seid auch keine Engel, aber ich fühle mich von euch prima behütet! 

In einem Büro unterschreibe ich noch ein Schriftstück in türkischer Sprache und dann darf ich gehen. Wie, ich darf gehen? Und meine Sachen in den zwei Gefängnissen? Deine Sache! Es ist Donnerstag etwa 16:15 Uhr. Ich stehe irgendwo in Lefkosia ohne einen Cent in der Tasche und meine Klamotten befinden sich irgendwo in zwei Gefängnissen, die 17:00 Uhr schließen. Ich entscheide mich für das alte Gefängnis und erreiche es mit dem Taxi etwa 16:50 Uhr. Der Taxifahrer hat natürlich vitales Interesse daran, dass ich mein Zeug rechtzeitig erhalte und er hilft mir auch, mein Anliegen der Wache zu schildern. 17:00 Uhr wird mir mein Rucksack vor die Gefängnistür gestellt und auf eine extra Nachfrage erhalte ich sogar meine restliche Barschaft. Im anderen Gefängnis sind meine Aufzeichnungen, meine Brille, ein Paar guter Wandersocken und die Leute, von denen ich mich gar nicht richtig verabschiedet habe. Ich gehe aber davon aus, dass die mich ohnehin nicht mehr reinlassen, außer ich schleiche mich heimlich in ein Militärgebiet.

Ich nehme ein Zimmer in einer Pension in Lefkosia, baue erst einmal mein Zeug wieder zusammen und sortiere meine Gedanken.



Es ist jetzt der 22.09.2022. Am 06.09. wurde ich verhaftet, am 09.09. verurteilt. Was ich erlebt habe, passiert mir nicht alle Tage und doch ist es irgendwie nichts zu dem, was viele andere durchmachen, denen ich hier begegnet bin. Und dann gibt es da ja noch viel mehr Menschen, die noch viel mehr leiden, denen ich nicht begegne und deren Schicksal keine Stimme erhält. Nicht einmal eine so unqualifizierte, wie die meine. Aber ich schreibe lieber über das, was ich selbst erlebe, als über den allgemeinen Weltschmerz. Letzterer ist endlos, kaum greifbar und nur allzu schnell verliert man sich bei einer Auseinandersetzung mit ihm in reiner Theorie und bloßen Lippenbekenntnissen, getextet in der eigenen, sicheren Komfortzone. 

Was ich erlebt habe, hat mich natürlich zum Nachdenken gebracht über Recht und Unrecht, die Vor- und Nachteile funktionierender Behörden und Systeme, über Persönlichkeitsentwicklung und Reife, über kulturellen Austausch und friedliches Miteinander, über Grenzen und Grenzerfahrungen, über Solidarität, Menschlichkeit und den Wert des Geldes. Meine Überlegungen zu all diesen Themen sind noch nicht abgeschlossen, aber ich hoffe und glaube, dass mir mein kleiner Extraurlaub hinter Gittern ein wenig mehr Einsicht in die Zusammenhänge verschafft hat. Ich habe mir auch viele Gedanken zur Türkischen Republik Nordzypern gemacht. Ich verurteile die Leute nicht, die hier leben oder besser: zu überleben versuchen, nicht einmal Mehmet und Murat, Soldaten, die harmlosen Frisören Zähne ausschlagen oder Polizeibeamte, die falsche Schuldbekenntnisse erpressen. Jeder macht in seinem Leben die Erfahrungen, die er machen muss, die er für seine Entwicklung braucht und jeder kriegt, was er verdient. So auch die Türkische Republik Nordzypern, die unter einer Mischung aus Korruption, Überforderung und mangelndem Selbstvertrauen leidet, unter rassistischem, nationalistischem und rückwärtsgewandtem Gedankengut und nicht zuletzt unter einem gnadenlosen, globalen Wettbewerb, in welchem sie ihrem südlichen Nachbarn weit unterlegen und längst abgehängt ist.

Ich habe tolle Menschen getroffen in Nordzypern und viele fantastische Kulturdenkmäler besucht. Das Essen hier ist ausgezeichnet und das Wetter ziemlich gut. Vielleicht sollte aber all das Geld, was für die Inhaftierung, Unterbringung und Verpflegung so vieler „Häftlinge“ ausgegeben wird, eher zum Aufbau des Landes benutzt werden. Wieso gibt man den vier jungen Syrern nicht Essen und Dach, wie es gerade ohnehin geschieht und dann aber eine Arbeit? Müll einsammeln zum Beispiel, einen Zaun bauen oder Schilder aufstellen. Das würden die doch machen und sie wären dankbar dafür! Oder man spendiert ihnen einen Englischkurs und den Polizeibeamten und Soldaten auch? Aber da kommt Carsten Belletz und parliert in seiner Komfortzone über Probleme, die er gar nicht wirklich versteht, denn diese gehen ja viel tiefer. 

Am 23.09. frühmorgens gehe ich ziemlich schnell über die Grenze nach Süden. Nicht, dass ich noch verhaftet werde, weil ich einen Kaugummi auf die Straße schmeiße. 

(unten: über die Grenze nach Süd - Lefkosia)

Von Larnaka nach Paphos

Ein Frühstück und einen Bummel durch die Altstadt Lefkosias gönne ich mir noch, bevor ich etwa gegen 10:00 Uhr zur Grenze komme. 12:00 Uhr muss ich in der Deutschen Botschaft im Süden sein, um meine Vermisstenanzeige zu stoppen. Selbstverständlich habe ich kein Dokument, welches meine Haft bestätigt und selbstverständlich wurde mein Rücktransfer nach Famagusta am 06.09. nicht ins System eingegeben. Illegal hier aufgehalten, wa? Der türkische Beamte telefoniert 45 Minuten, dann darf ich passieren. Der Süden schlägt diese Zeit locker und weitere 15 Minuten später renne ich zur Botschaft. Dort gibt es keine Probleme. Kurze Vorsprache und ich sitze im Bus nach Larnaka – Beschummelaktion 2. Etwa 20 Kilometer sind es von hier nach Famagusta, die ich nunmehr bei meiner Umrundung wegfallen lasse. Ebenso wie ein Besuch des südöstlichen Zipfels – Agia Napa, einer künstlich angelegten Partystadt mit reichhaltigem Nachtleben. Das interessiert mich nicht, aber Larnaka ist nicht viel besser. Im Grunde gibt es hier nur eine ganze Menge Tavernen und Cafes, eine ziemlich breite und gepflegte Strandpromenade – das Vorzeigeviertel der Stadt und einen großen Salzsee, in dem im Frühjahr Flamingos baden und den man nicht betreten darf. An diesem entlang führt eine Straße Richtung Westen über einen Damm, die ihn vom Hauptflughafen Südzyperns trennt. Da laufe ich nun und buche mir währenddessen einen neuen Flug für nächsten Donnerstag. Heute ist Freitag. Genug Zeit, um die Runde nach Pafos voll zu machen. Auf dem Weg liegen als Highlights die Ausgrabungsstätte von Kourion, die Kreuzfahrerburg Kolossi, der Felsen der Aphrodite und zum Abschluss das verlassene und kaum bekannte Templerdorf Foinikas nahe Paphos. 

(unten: der Salzsee von Larnaka; Betreten verboten.)

Diese letzte Woche verläuft genau nach Plan, ohne besondere Vorkommnisse oder Zwischenfälle. War ja auch genug Trailmagic für diese Reise. Auch ist es jetzt nicht mehr ganz so heiß Ende September und überdies werde ich von einem kräftigen Westwind gekühlt, der mir entgegenbläst. Das ist auf Dauer richtig anstrengend, etwa so, als würde ich permanent leicht bergauf gehen. Und nach den letzten zwei Wochen Untätigkeit muss ich mich auch erst einmal wieder warmlaufen. 

Die erste Nacht verbringe ich in einem Vorort von Paphos auf einem verlassenen Spielplatz. Die erste Nacht unter freiem Himmel. Ein Blick in die Sterne kündet mir von den endlosen Weiten unseres Universums und ich frage mich mal wieder, was wohl jenseits davon existiert. Irgendwo muss es ja zu Ende sein und was ist dann aber bitte schön hinter diesem Ende? Mehr Universen? Und wann begann eigentlich das Universum? Endlose Weiten können endlose Gedankenspiele nach sich ziehen. Den Geburtstag von Gottes Sohn datieren wir, den Geburtstag des Universums nicht. Wegen der wissenschaftlichen Standards und so, die immer einen Beweis fordern, anstatt einfach mal was zu glauben. Das Universum wurde selbstverständlich im Jahr 3940380128² v. Chr. vom Heiligen Bimbam als Zierpflanze in seinem Schrebergarten gepflanzt, wo es bis auf den heutigen Tag wächst und seine kostbaren Samen mittlerweile auch auf alle Nachbargärten verteilt hat, wo nun mehr Universen entstehen und gedeihen. Ist doch ganz einfach. Debatte vom Tisch. Glaube und Wissenschaft – so unterschiedlich in ihren Ansätzen und doch so gleich in ihrem Effekt: Wir Menschen haben eine kleine, popelige, vergängliche Existenz im Gegensatz zu irgendetwas anderem, das wir mittels unseres kleinen, mickrigen Verstandes aber einfach nicht begreifen können. Etwas Unfassbares lauert da jenseits der Realität, wie wir sie uns in unserem Alltag bauen, um nicht verrückt zu werden, um ihn bestreiten zu können. Und dennoch gibt es unter uns immer wieder einige Verrückte, die nach diesem Unfassbaren sehnend und neugierig zu greifen versuchen, um das Unfassbare zu fassen, das Unaussprechliche auszusprechen und Träume Wirklichkeit werden zu lassen – Wissenschaftler und Propheten. 

Es ist die letzte Nacht, die ich hier auf Zypern auf einem Spielplatz verbringe, in der folgenden schlafe ich in dem kleinen Fischerdorf Zygi am Strand und dann bin ich auch schon in Limassol, der reichsten Stadt der Insel. Ich bin kein großer Fan von zu viel Geld, Luxus oder Komfort. All das macht träge, fett und dekadent. Die großen, schicken Hotels, die hier dicht beieinander stehen, in denen es sich Pauschaltouristen gut gehen lassen, während sie von servilen Bediensteten hofiert und mit Nobelcocktails versorgt werden, erinnern mich irgendwie an die Atlantislegende und die großen Werbetafeln mit einem: „Invest in Cyprus and enjoy the benefits!“ an die gruselige Verselbstständigung unserer Finanzmärkte. Vielleicht sollte ich mir auch ein Schild umhängen: „Invest in yourself and enjoy the moment!“. Mache ich aber nicht. Ich bin nicht auf Missionsreise. Und sowieso - sollte mein Beispiel Schule machen, dann bin ich hier bald nicht mehr der Einzige, der Nachts heimlich am Strand schläft. Irgendein windiger Unternehmer kommt dann auf die Idee, Geld dafür zu verlangen und ich hätte mir mit diesem Schild ins eigene Knie geschossen. Also bitte, lieber Leser – mache das hier auf keinen Fall nach! 

(unten: Mein Schlafplatz in Limassol)

Durch Limassol entlang seiner imposanten Promenade brauche ich den ganzen Vormittag. Irgendwann Nachmittags erreiche ich dann Kolossi, einen imposanten, quaderförmigen und sehr gut erhaltenen Donjon aus dem 13. Jahrhundert. Der Eintritt hier kostet 2,50 €. Als der Mann an der Kasse allerdings erfährt, dass ich zu Fuß hier bin, lässt er mich umsonst rein. Ich glaube, ich freue mich mehr über die Geste, als über das gesparte Geld. Drinnen im Quader gibt es dann aber nicht wirklich viel – ein paar leere Räume, eine sehr enge Wendeltreppe und steinerne Fensterbänke. Auf dem Quader oben drauf hat man eine ganz passable Aussicht, allerdings kann die auf keinen Fall mit jener von einem der zahlreichen Hochhaushotels Limassols konkurrieren. Ich laufe weiter nach Kourion, das liegt hier gleich um die Ecke. 

(unten: Außen hui, innen leer - Kolossi)

Kourion ist eine über 3000 Jahre alte, antike Stadt und liegt auf einem Hügel. Der Eintritt kostet 7,50€, den ich hier leider nicht geschenkt bekomme. Hier gibt es jede Menge Säulen, Mosaiken und Häuserreste sowie ein sehr gut erhaltenes, noch immer in Betrieb befindliches Amphitheater mit Blick aufs Meer. Unweit von Kourion ist dann noch der Kourion – Beach, der hauptsächlich von Einheimischen genutzt wird – mein Nachtquartier. 

Endlos windet sich die Bundesstraße durch die hügelige und teils felsige Küstenlandschaft. Zu meinem Glück ist sie kaum befahren, denn parallel zu ihr verläuft die Autobahn. Ich habe am Morgen gleich noch das antike Stadion von Kourion besucht, das auf dem Weg liegt. Hier haben damals Wagenrennen stattgefunden und andere sportliche Wettkämpfe. Der Eintritt kostet nichts, allerdings gibt es auch nicht sonderlich viel, außer ein paar Eindrücken. Wer Lust und Fantasie hat, kann hier ja gern im Geist ein paar Runden mit dem Streitwagen drehen. Am Heiligtum des Apollon Hylates gleich um die Ecke bin ich vorbeigegangen, das hatte noch geschlossen, wäre aber ganz sicher auch einen Besuch wert gewesen.

(unten: Im imposanten Amphitheater von  Kourion trafen sich einst Griechen und Römer, um gemeinsam das Meer zu bestaunen)

Jetzt befinde ich mich auf der Straße Richtung Paphos, dessen östliche Vororte ich heute Abend zu erreichen hoffe. Aber erst einmal geht es durch britisches Hoheitsgebiet, die Soldatenstadt Episkopi. Die liegt gleich an der Straße hinter einem Zaun und ist ein eigener, kleiner Staat für sich mit eigener Feuerwehr, Müllabfuhr, Supermärkten und einem Sportplatz. Die Straßen hier haben englische Namen und das Ganze wirkt ein bisschen, wie eine große, englische Feriensiedlung. Wenn da eben nicht die ganzen Wachhäuschen und Zäune wären. 

Am frühen Nachmittag erreiche ich Pissouri. Ab hier ist die Straße nach Petra tou Romiou gesperrt, dem Felsen der Aphrodite. Ich hatte bislang schon kaum Verkehr auf dieser Strecke und jetzt habe ich die ganze Straße vollkommen für mich, zumindest etwa 5 Kilometer lang, bis ich die verantwortliche Baustelle passiere. Gleich hinter dieser liegt dann der sagenhafte, mythenumrankte Stein im Wasser. Hier an dieser Stelle also soll die Göttin der Liebe, der Schönheit und des Geschlechtsverkehrs den Fluten entstiegen sein. Ihr Bruder Kronos hatte ja dem gemeinsamen Vater Uranos (Himmel) den Penis abgeschnitten, weil dieser die Mutter Gaia (Erde) mit diesem etwas zu unsanft penetriert hatte, und diesen dann ins Meer geworfen. Jenes schäumte an der Stelle, an der das göttliche Glied eintauchte. Aus diesem Schaum stieg Aphrodite, die „Schaumgeborene“, und ging in Zypern an Land, wo sie die göttlichen Weihen empfing. Vielleicht ist sie auch auf einer Muschel bis an den Strand gesurft, wie uns das Gemälde von Sandro Boticelli „Die Geburt der Venus“ suggeriert. Nach einer Begutachtung der Stelle muss aber festgestellt werden, dass das eine ganz schön holprige Angelegenheit gewesen sein muss, denn der Felsen der Aphrodite hat ziemlich viele kleine Brüder, die hier überall im Wasser liegen. 

(unten: Der Felsen der Aphrodite)

Der Strand der Aphrodite ist dennoch ziemlich stark besucht, wahrscheinlich weil die Leute sich durch ein Bad an dieser Stelle ein wenig mehr göttliche Anmut erhoffen oder aber heißen, hemmungslosen Sex. Zumindest haben das die antiken Pilger zum Aphroditeheiligtum hier ganz in der Nähe so praktiziert. Die Verunglimpfung von Prostituierten ist eine Kreation der Moderne. Damals waren das „Priesterinnen der Aphrodite“ und sie standen in hohem Ansehen! 

Ich selbst halte auch mal meine Füße hier ins Wasser. Aber es ist mir egal, ob die dadurch schön werden und für Sex habe ich gar keine Energie übrig. Mir reicht es schon, wenn meine Schuhe nicht mehr qualmen. 

(unten: räumt mit sexistischen Vorurteilen auf - Aphrodieter)

Bald darauf bin ich auch schon am Strand bei Mandria, gleich neben dem Flughafen von Paphos, ein schönes, kaum besuchtes Stück Küste. Und weil auf dem Flughafen von Paphos nur etwa 10 Maschinen täglich starten oder landen und nachts 0, hat man hier auch seine Ruhe. 

Ein Tag ist noch übrig, bevor es in die Heimat geht. Ich drehe eine kleine Runde im Umland. Bis Foinikas sind es etwa 5 Kilometer, ein gemächlicher Ausklang meiner Reise. Foinikas ist ein kleines, verlassenes Dorf mittendrin im Nirgendwo. Kaum jemand kennt es, kaum jemand besucht es. Einst war es ein Verwaltungssitz des Templerordens und viel von der ursprünglichen Architektur ist noch erhalten. Zuletzt war es von Zyperntürken bewohnt und wurde 1974, im Jahr der großen Umsiedlung, aufgegeben. Das ist das erste Mal, dass ich Bauernhäuser mit gotischen Spitzbögen bewundern kann. Sowieso – der Ort liegt in einer sehr reizvollen Landschaft und hat eine wirklich schöne Energie. Der große Stausee gleich nebenan, der ihm etwas geradezu magisches verleiht, wurde jedoch lange nach den Templern angelegt. Aber was solls? Ich bin hier ganz alleine und erkläre Foinikas zum heimlichen Highlight meiner Reise. 

(unten: Foinikas)

Das wars. Aus drei Wochen Zypern wurden fünf. Ich habe mehr erlebt, als ich mir vorgenommen habe, Gutes und Schlechtes. Aber so ist das wohl im Leben – alles strebt nach Balance und Ausgleich und das eine existiert nicht ohne das andere. Insgesamt war es dann wohl eine ausgewogene Reise. Mal ging es ständig voran durch brütende Hitze, mal trat ich auf der Stelle im kühlenden Schatten der Gefängnismauern. Mal habe ich gesagt, wo es lang geht, mal ein gelangweilter Justizvollzugsbeamter. Mal haben mich meine Begegnungen mit einem Lächeln verzaubert, mal durch ihre Geschichte nachdenklich gemacht. Mal hat sich mein Geist angesichts der vielen Kulturdenkmäler und Mythen in luftige Höhen empor geschwungen. Mal hat er in Begegnung mit den Problemen unserer Zeit verzweifelt die Nase gerümpft. In 19 Wandertagen habe ich etwa 600 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Zweieinhalb mal habe ich beschummelt (Die Aktion mit Hilmi werte ich nur als halbes Beschummeln, weil mir mein Gastgeber einfach keine Wahl ließ.). Wie viele Höhenmeter ich gemacht habe, weiß ich nicht. Aber was spielt das auch für eine Rolle? Ich habe eine ganz coole Geschichte erlebt. Die ist nun nicht so spektakulär, wie ein Hollywood – Actionmovie, aber es ist meine! 100% echt. Regie führte das Universum.