Ostseeküste 2022

Achja, Ostsee. Schäumende und tosende Badewanne der DDR. Was habe ich nicht für Kindheitserinnerungen an dich. Im Trabi ans Meer. Mit Zuckerwatte im Strandkorb und im Bungalow mit Ziegenpeter. Pionierlager. Die Reise nach Sundevit. 

Es ist Ende Juni 2022. Der Wettergott beschenkt Deutschland mit herrlichstem Sonnenschein und die Bundesregierung die reiselustige Bevölkerung mit dem 9 Euro Ticket. Beste Voraussetzungen also, um einen Ort zu erkunden, der viel zu lange unter Safari- und Karibikfantasien vergraben lag. Warum denn in der Ferne schweifen, wenn die heimatliche Küste nur 8 Bummelzugstunden von einem entfernt liegt? 

Der Ostseeküstenwanderweg ist Teil des E9 zwischen Estland und Portugal. Er beginnt in Lübeck und endet in Ahlbeck (oder andersrum) und ist knapp 400 Kilometer lang. Das Terrain ist durchgängig flach, die Versorgungslage durch zahlreiche Supermärkte und Einkehrmöglichkeiten an keiner Stelle gefährdet. Die Begegnung mit wilden Tieren (ausgenommen natürlich Stechmücken), Raubüberfälle oder Hurrikans sind nicht zu befürchten. Es könnte also durchaus ein bisschen langweilig werden und deshalb wird die Herausforderung nun darin bestehen, die Strecke möglichst schnell zu absolvieren und ohne Zelt oder anderweitiges festes Dach. Das Motto lautet: „Von der polnischen Grenze an die eigene.“ Mal schauen, wie weit ich komme. 

Tag 1

Es ist Mittwoch 08:00, als ich mich bei schönstem Sonnenschein am Ahlbecker Strand endlich aus meinem Schlafsack schäle. Ich habe einen mächtigen Brummschädel und mir ist schlecht. Gestern Abend hatte ich einen halben Liter Rotwein aus dem Rewe. Dachte, es wäre eine gute Idee, am Ankunftstag den Sonnenuntergang bei einem edlen Tropfen Dornfelder zu feiern. So als Einstimmung und auch, weil ich gestern nach 8 Stunden Zugfahrt zu nichts anderem mehr Lust hatte. Ein dickbäuchiger Mann räumt vor mir gerade schon die Strandkörbe mit einem mit Geländereifen bestückten Sackkarren in Stellung. Er hat richtig gute Laune, strahlt mich an, wünscht mir einen guten Morgen und räumt den nächsten Korb an mir vorbei. Es ist höchste Zeit zu gehen. Ich reibe mir den Schädel. „Bin gleich weg.“ sage ich dann und er begreift das als Aufforderung für einen morgendlichen Plausch. „Lübeck“ plauzt es mir nur stumpf über die Lippen, als er mich fragt, wo es denn hingehe. Ich glaube, er ist genauso irritiert wie ich selbst von meiner Antwort. Will ich mir das wirklich antun? Ich habe gerade überhaupt keine Lust und Mühe, meine sieben Sachen zu packen. Ein halber Liter Wein und ich bin total im Eimer. Wer hätte das gedacht? Ich vertrage das Zeug einfach nicht mehr und streiche es jetzt komplett aus dem Programm. 


Usedom ist ja eine ganz besondere Urlaubsinsel, nämlich jene der „Kaiserbäder“ Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, die sich hier aneinander reihen, gleich neben Swinemünde. Aber das gehört schon zu Polen. Entlang dieser Orte verläuft mit 8,5 Kilometer die längste Strandpromenade Europas, gesäumt von zahllosen herrschaftlichen Villen im klassizistischen und barocken Stil. Die berühmten Seebrücken ragen hier vom Ufer bis weit ins Wasser, heute ausschließlich als Flaniermeilen genutzt. Ahlbeck hat die älteste Seebrücke Deutschlands (1882) und Heringsdorf die längste (508 Meter). Ich flaniere da aber nicht hinaus, sondern schlurfe der Promenade entlang und versuche, munter zu werden. Ein Schild am Zaun einer Villa lässt mich wissen, dass Maxim Gorki hier einige Male Kaffee getrunken hat. Na, das ist ja mal eine Information. Vielleicht sollte ich ja auch ein paar Schilder mit mir führen, die ich an den Stränden verteile: „Carsten Belletz hat hier geschlafen.“ Aber da muss ich wohl vorher ein paar Bestseller schreiben, bevor ich die ehrwürdige Präsenz meiner Wenigkeit in Bronze gießen darf. Und Maxim Gorki war bei weitem nicht der einzige, der hier zu Erholungs- oder Inspirationszwecken residierte. Heinrich und Thomas Mann haben sich hier ebenfalls gerne aufgehalten, Theodor Fontane, Leo Tolstoi, Kurt Tucholsky und Lyonel Feininger, nach dem hier auch der Radweg benannt wurde. Adel, gehobenes Bürgertum, geistige Elite. So kann man die einstige Gästeklientel der Kaiserbäder wohl zusammenfassen. Heute: Mittleres und Gehobenes Bürgertum.


Das ist schon alles recht herrschaftlich und kaiserlich hier, unheimlich sauber, ordentlich und prächtig. Zahlreiche Gartenbedienstete mähen hier Rasen, schneiden die Hecken, picken auch den kleinsten Krümel Müll vom Gehsteig. Ebenfalls kaiserlich sind natürlich auch die Preise in den Lokalen entlang der Promenade, deren Namen auffällig oft das Wort „Kaiser“ beinhalten. 

Es ist schon fast Mittag, als ich Bansin erreiche und meine Stimmung ist trotz der herrschaftlichen Kulisse nicht sehr kaiserlich. Der Kater sitzt mir immer noch unterm Dach und die Wettergötter haben ihre Prognose geändert, wie mir ein Blick ins Smartphone verrät. Streiche für die nächsten Tage: Stabiler Sonnenschein bei 25 Grad. Setze: Temperaturen um die 20 Grad bei nahezu täglichen (bzw. nächtlichen) Schauern, Regen und Wind. Reizend! Ich gehe in den Supermarkt und schaue, ob es da gute Laune im Sonderangebot gibt. Kaufe Kekse und Kaiserbrötchen. Das hilft ein bisschen. 

Die Promenade von Usedom. 
8,5 Kilometer prunkvoll - herrschaftlicher Glanz.

Die historische Uhr an der Seebrücke von Ahlbeck gibt Zeugnis meiner Schande. Ich bin 10:00 Uhr schon etwa einen Kilometer weit gekommen.

Schön, sauber und gepflegt. Eine perfekte Augenweide, so eine Villa. 

Nordwestlich von Bansin beginnt dann endlich das, weswegen ich hierher gekommen bin – ein Naturpfad durch ein kleines Wäldchen. Ich laufe oberhalb der Steilküste durch einen schönen Kiefernwald und der auflandige Wind treibt mir den Geruch von Sonnencreme vom Strand 20 Meter unterhalb in die Nase. Es geht leicht hügelig auf und ab und schon nach einiger Zeit erreiche Ückeritz, den großen Campingplatz. Auf einer Strecke von etwa 4 Kilometern reiht sich hier, beschirmt durchs Kieferndach und gleich hinter der Düne Wohnmobil an Wohnmobil. Auf ihnen prangen Schriften wie: „Freedom“ und „Adventure“. Ich versuche zu errechnen, wie viele Übernachtungen im Hotel Kaiserhof man sich wohl für den Anschaffungspreis eines solchen Geräts leisten könnte und überlege auch, welche Abenteuer die Besitzer hier wohl bestehen, gebe aber schnell auf, als ich das Schild mit dem Bäckerservice sehe, der den Campern täglich frische Brötchen direkt bis vor die Motorhaube zu bringen verspricht. Dann aber entdecke ich etwas wirklich abenteuerliches: Ein Trabi steht dort mit einem original DDR – Wohnwagen und daneben ein Original DDR – Zelt. Nostalgie pur und in mir geht das Kopfkino an bei der Vorstellung, wie er diese Last über den imposanten 20 Meter hohen Hügel da hinten zog. Mussten die Insassen aussteigen und schieben? Wurden zusätzliche Maultiere vorgespannt? Wieviel PS hat ein Trabi? 25? Respekt! Der Osten rollt noch! 

Über Stubbenfelde, Koserow und Zempin geht es weiter nach Zinnowitz und hier werde ich erstmals vor eine Entscheidung gestellt, wie es weitergehen soll. Der eigentliche Ostseeküstenwanderweg führt jetzt weiter über Trassenheide und dann in weitem Bogen nach Wolgast. Das ist ein Weg, den mir Googlemaps nicht anzeigt und weil der Wanderweg sich in Teilen ohnehin mit dem Ostseeküstenradweg deckt, nehme ich einfach den letzteren direkt nach Wolgast entlang der B111. Das ist sozusagen ein Kompromiss zwischen Effizienz und Genuss. Hinter dem Örtchen Bannemin habe ich dann genug für heute. Hier steht ein einzelner Baum mit einer Bank, einem Mülleimer und darum frisch gemähter Rasen. Das soll mir genügen. Auch wenn hier hin und wieder ein Auto vorbeirauscht stört mich das nicht nach den heutigen 30 Kilometern und um mir aufwendig ein idyllisches Nachtlager zu suchen will ich keine Kraft aufwenden. Umfallen, schlafen, weiterlaufen. Ich habe noch viel vor und nach dem heutigen Start auch noch ein bisschen was aufzuholen. 

Blick von der Promenade nach Bansin.

Kaiserliche Badeordnung nahe Ückeritz.

Tag 2

Bei meinen Recherchen zu Wanderstrecken und -leistungen habe ich ja entdeckt, dass es seit den letzten Jahren einen Trend gibt, den man „Ultrawandern“ nennt. Also, man macht eben möglichst viel Strecke, quält sich an oder über seine Grenzen und grunzt am Ende des Tages dopamingeschwängert und zufrieden über seine eigene Leidensfähigkeit. Deutschlandweit werden „Mammutmärsche“ organisiert, bei denen die Teilnehmer 100 Kilometer in 24 Stunden absolvieren müssen. Und dann gibt es noch deren kleinere Brüder, die „Little Mammuts“ mit 40 Kilometern in einem etwa proportional gehaltenen geringeren Zeitfenster. Teilweise gibt es sogar Märsche, die gehen über 170 Kilometer am Stück und ich stelle bei meiner gestrigen Leistung fest, dass ich ein ganz schöner Anfänger bin. Der erste Kilometer ist ganz schön mühsam und verursacht in etwa die gleiche Pein, die mich gestern zum Anhalten bewog. Aber es wird langsam besser und der Plan für die Reise steht: Jeder Tag ein „Little Mammut“. Entzückend! 


Gegen 06:30 Uhr erreiche ich Wolgast, das „Tor nach Usedom“. Der Himmel ist grau, als ich über die Peenebrücke ins Stadtinnere schreite. Wolgast ist ganz nett. Es verfügt über eine Werft, logischerweise einen Hafen, wie so ziemlich jede Stadt an der Ostsee über eine gotische Kirche (St. Petri, 1350) und über einen Supermarkt, den ich Punkt 07:00 Uhr stürme. Wer täglich stürmt, muss nicht soviel Futter mit sich herumtragen. Erscheint mir praktikabel. 

Auch praktikabel erscheint mir angesichts meines Vorhabens erneut, die Wanderstrecke ein wenig den Erfordernissen anzupassen. Der Original – Ostseeküstenwanderweg führt nun eigentlich südlich nach Wolgast hinaus über Felder, Wälder und kleine Kuhdörfer in weitem Bogen nach Greifswald. Das ist eine Strecke, auf der ich mich garantiert verlaufen werde und kein Meter davon führt an der Küste entlang. Außerdem nieselt es. Wieso also nicht gleich die Bundesstraße nach Greifswald nehmen? Ist ja für Fußgänger nicht verboten und irgendwie war ich zu lange Radkurier, als dass mich vorbeirauschender Verkehr wirklich stören würde. Zumindest eine gewisse Zeit ist das erträglich und von vielen vorbeifahrenden Autos werde ich sogar angefeuert. Ich erhöhe allerdings meinen Pace auf 8 km/h, will möglichst schnell auf die ruhigere Landstraße Richtung Katzow. Dort im Straßengraben – das erste totgefahrene Tier auf meiner Reise! Entweder, es handelt sich hierbei um einen ziemlich großen Hasen oder um ein recht kleines Reh. Das kann ich leider nicht so genau erkennen bei meiner Geschwindigkeit. Ruhe in Frieden, Wildbret und möge der rüpelhafte Autofahrer ab nun nur noch Linsensuppe zu essen bekommen. Ohne Würstchen!

Der McDonalds - Wikinger von Wolgast. Ob die da ein Fitnessstudio an ihr Restaurant angeschlossen haben?

Über die Landstrasse durch grün - saftige Flur nach Katzow. 

Es geht jetzt über die Orte Katzow, Neu Boltenhagen und Kemnitz in die „Hanse- und Universitätsstadt“ Greifswald. Das ein oder andere Auto überholt mich währenddessen schon und wirklich zum Nachmachen würde ich es nicht empfehlen, wenn man eine geruhsame Wanderung haben möchte. Aber das Wetter ist ohnehin Mist und Genusswandern hebe ich mir fürs Alter auf. Der Tag verläuft eher unter dem Motto: „Durchs Tal der Schmerzen und Unbill auf den Gipfel der Freude.“ Dieser ist mit Greifswald ganz sicher noch nicht erreicht, das ich irgendwann am Nachmittag betrete. Vom Osten her führt eine ziemlich lange Straße vorbei an der Klosterruine Eldena direkt zum Stadtkern, an dem ich nur vorbeischramme und den Ort alsbald Richtung Norden wieder verlasse. Was ich von Greifswald mitbekomme, sind hauptsächlich Plattenbauten. Obgleich die Stadt den 2. Weltkrieg nahezu unbeschadet überlebte, verkam ein Großteil der historischen Bausubstanz zu Zeiten der DDR und wurde durch sozialistische Nachkriegsmoderne ersetzt. 

Ich versuche an diesem Tag, noch so viele Kilometer wie möglich zu machen. Morgen gegen Mittag soll es ordentlich aufs Dach geben und da will ich in Stralsund sein und bei Burgerking mein Handy laden. Alles eine Frage des richtigen Timings. 

Der Tacho zeigt für heute 45 Kilometer, als ich mir in dem Örtchen Mesekenhagen ein Plätzchen suche. Die Nacht wird es trocken bleiben aber die Aussichten für morgen sind mies. Gewitter und Regen ab Mittag bis zur Früh des nächsten Tages. 25 Kilometer sind es bis Stralsund und Deadline ist 13:00 Uhr. 

Tag 3 

Es macht Aua! Jeder Schritt ist ein denkwürdiges Erlebnis und ich frage mich erneut, warum ich mir das hier antue. Ich wandere auf einer stillgelegten Pflasterstraße, wahrscheinlich aus Kaisers Zeiten, die parallel und ruhig neben einer neu gebauten Bundesstraße verläuft. Zeit also genug, sich Buchtitel für meinen kommenden Bestseller zu überlegen, mit dem ich endlich ein Schild auf Usedom bekommen werde: „Die Belletzsche Philosophie des Schmerzes“ oder „Mit Aua voran“. Große Teile des Werkes würden sich ausführlich mit der Frage beschäftigen, inwieweit und eigentlich wann oder ob überhaupt man für jede erlittene Pein eine Freude erhält. Ob nämlich gemäß des englischen Sprichworts „No pain, no gain“ der Schmerz zwar die Voraussetzung für den Gewinn ist, keineswegs jedoch eine Garantie für diesen darstellen muss. Weiterhin würde es dann nämlich differenzieren zwischen gesundem und förderlichen Schmerz und dem völlig überflüssigen, idiotischen, den man sich ganz umsonst zuzieht und ich bin mir absolut nicht sicher welcher Art jener ist, der gerade abwechselnd von meinem rechten kleinen Zeh zum linken Fußballen springt, dann über Kniekehle und Lendenwirbelsäule hinauf wandert bis zur Schultermuskulatur und mir von dort hirnaufweichend ins Ohr brüllt. 

Ich stelle fest, dass Schmerzen sich vergrößern, wenn man sich auf sie konzentriert. Wie viele Millionen Pflastersteine hier wohl verbaut wurden? Wie lange mag das gedauert haben? Und wie zur Hölle haben die es ohne digitale Messgeräte geschafft, eine so exakte, gerade Linie von Greifswald bis nach Stralsund zu legen? Große Fragen der Straßenbaugeschichte wälzend schleppe ich mich weiter vorwärts und just in time erreiche ich meine Erlösung – den Stralsunder Burgerking. Einmal im Jahr kann man sich das schon antun. Die haben auf jeden Fall immer Sonderangebote, die bei meinem Energieumsatz ohnehin sofort restlos verdaut werden und überdies kann man sich hier zwei Stunden an einem Kaffee festhalten, ohne dumme Blicke auf sich zu ziehen, während man die öffentliche Steckdose benutzt. Erstmal bin ich in Sicherheit aber ich habe absolut keine Ahnung, wo ich heute Abend schlafen werde. Ab 16:30 Uhr habe ich ein Zeitfenster von etwa 5 Stunden, um mir etwas zu suchen, dann soll es nochmal schütten und so verlasse ich mein Fastfoodrefugium pünktlich Richtung Innenstadt. 



Da hat mir doch glatt jemand einen Frühstückstisch neben mein Nachtquartier gesägt.

Die Fassade der Heilgeistkirche (St. Spiritus) im grünen Gewand.

Das Kapitänsselfie des Wahnsinns; im Hintergrund die Gorch Fock I.

Stralsund – als Kind bin ich mal hier gewesen und in Erinnerung habe ich sonnige und schöne Tage im Fischrestaurant, im Meeresmuseum und am Hafen. Stralsund ist in meiner Welt ziemlich positiv besetzt und das wahrscheinlich gar nicht mal zu Unrecht. Das Gründungsmitglied der Hanse ist UNESCO – Weltkulturerbe, voller Backsteingotik und toller Schiffe. Im Jahr 2008 hat im Hafen auch noch das Ozeaneum aufgemacht (2010 Europäisches Museum des Jahres). Dafür habe ich aber keine Zeit, wohl aber für einen Abstecher zur Gorch Fock I. (Stapellauf 1933), die hier vor Anker liegt und deren Deck man für die bescheidene Summe von 5,-€ auch betreten kann. Die spare ich mir, nehme den Besuch aber zum Anlass, endlich einmal heraus zu finden, wer Gorch Fock eigentlich war. Über die Toten nur Gutes und hier ganz kurz: Er war ein gewissenhafter Staatsbürger, der heroische und patriotische Lyrik und Prosa verfasste und im Jahr 1916 für den Sieg der kaiserlichen Flotte in der Skagerrakschlacht als Ausguck sein Leben gab. Andere Nationen haben Generale als Seehelden, wir einen einfachen, reimenden Matrosen. Auch wenn der Mythos im Dritten Reich gehyped wurde, finde ich ihn gar nicht mal so unsympathisch. 
 

Richtung Norden geht es nun stadtauswärts, vorbei an einem Ernst Thälmann Denkmal und entlang des Ostseeküstenradwegs. Dieser ist hier vorbildlich ausgeschildert und er führt mich gegen Abend auf sauberem Asphalt durch eine schöne, in Sprühregen und Wind recht lebendig wirkende Boddenlandschaft in den kleinen Ort Damitz, wo ich eine verlassene Garage entdecke. In früheren Zeiten hätte ein frommer Mensch wohl angenommen, dass Gott persönlich ihm diese Kate an den Weg gestellt habe. Heute umschreibt man das, glaube ich, mit Glück. Aber wahrscheinlich ist das das Gleiche. Ein ruhiger, windgeschützter Platz, an dem ich meine Klamotten trocknen kann. Ich bin vollkommen zufrieden und dass ich mir mein Quartier mit einem jungen Vogelehepaar teile, das hier drin sein Nest gebaut hat, stört mich nicht. Ich hoffe, die auch nicht. 35 Kilometer habe ich heute gemacht. Da ist noch Luft nach oben. 

Im Hafen von Stralsund; im Hintergrund rechts Nikolaikirche (1276) und links Jacobikirche (1303) 

Eine verlassene Garage. Einmal kurz durchgefegt und schon hat der genügsame Wanderer ein Drei Sterne Quartier.

Tag 4

Wandern hat ja durchaus etwas meditatives, zumindest, wenn man es alleine macht. Man setzt immer einen Fuß vor den anderen, lässt die Gedanken schweifen und schaut, dass sie einem nicht wegrennen. Es ist ja nun einmal viel Zeit zum Nachdenken und nur allzu menschlich ist es, wenn einem in der Stille der Abgeschiedenheit Alltagssorgen und Zukunftsängste besuchen. Also Dinge, die gar nichts mit dem zu tun haben, was gerade stattfindet und letztlich nur davon ablenken, was gerade zu tun ist. Nämlich eine Fuß vor den anderen setzen, atmen und das Wolkenspiel am Himmel bewundern. In der Gegenwart leben ist die einzige Chance auf eine gute Zukunft. Ich glaube, so in etwa denken sich das auch die Wandermönche (nicht zu verwechseln mit Wanderpredigern), die es in nahezu allen Religionen gibt. Die sehen das Wandern als eine Art der Askese. Aber das ist ja ein Wort, mit dem in unserer Konsumgesellschaft recht sparsam umgegangen wird, vielleicht weil es deren Ordnung gefährdet. Askese übersetzt man ja am besten mit „Übung zur Erreichung von Tugend“ und das würde großflächig angewandt wohl das „Konsum“ vor der Gesellschaft streichen und damit unser Wirtschaftswachstum gefährden. Und weil mittlerweile alles so eng miteinander verknüpft und voneinander abhängig ist, würde das wahrscheinlich bedeuten, dass wir eine Welthungerkatastrophe auslösen, wenn wir aufhören würden übermotorisierte Sportwagen zu bauen und Klobürsten mit eingebautem Radio. Es ist sehr wichtig, im Moment zu bleiben, um sich von den Gedanken an die Widersprüche, die die Welt am Laufen halten, nicht zum lallenden Idioten machen zu lassen. Ich habe damit gerade wenig Probleme, bin mit Schneckenslalom beschäftigt. Die Sonne geht auf, wirft ihre wärmenden Strahlen auf den durchnässten Bodden nördlich Stralsunds und treibt sie zu Hunderten auf den Radweg: Nacktschnecken, die hier gemächlich und in aller Seelenruhe ihre Schleimspuren ziehen und damit lustige Muster auf den Asphalt malen. Jeder meiner Schritte ist nun enorm bedeutsam und muss sorgfältig ausgeführt werden. Jeder Schritt kann den Tod eines unschuldigen Bauchfüßlers bedeuten. Die fressen zwar unsere Ernte aber an deren Bekämpfung beteilige ich mich deshalb noch lange nicht. Vielleicht fressen wir ja nämlich eigentlich deren Ernte und ich persönlich will nicht auf der Schwarzen Liste der Nacktschnecken stehen, wenn sie ihren Kreuzzug zur Schädlingsbekämpfung der Menschheit beginnen. 

Einen Guten Morgen Kuss abholen...

...und schon geht die Sonne auf.

Vorsichtig und in Schlängellinie bewege ich mich vorwärts. Das Wetter heute soll gut werden. 27 Grad, Sonnenschein, trocken. Der einzige gute Tag und den will ich nutzen. Im Zick Zack gehe ich über Klausdorf, Hohendorf und Bisdorf zum an der nördlichen Küste gelegenen Ort Kinnbackenhagen. Hier gibt es einige Ferienhäuser und einen Zaun. Guter Platz und gute Zeit für eine erste Pause. So alle 10 Kilometer finde ich die bei meinem derzeitigen Leistungsstand angemessen. Ich setze mich unter einen Baum und ziehe mir die Schuhe aus. Der benutzte Fuß schätzt nämlich zuweilen frische Luft und Sonnenlicht. Ein dicker Bauer kommt vorbeigeradelt und lacht: „Na, da qualmen wohl die Socken?“ Ich kann nur zustimmen und ihm grinsend nachschauen. Wo hat er nur meinen Leitspruch aufgeschnappt? 

Nun geht es in westlicher Richtung die Küste entlang, dann nach Süden über Nisdorf immer auf dem Radweg, der hier zumeist auf dem Deich verläuft. Die endlosen Weiten Mecklenburg Vorpommerns. Weizenfelder, Wiesen, Baumgruppen, ein Deich und das Meer, auf dem hunderte Schwäne schwimmen. Darüber formen sich die Wolken zu bizarren, leuchtenden Gebilden und lassen ihre Schatten über die Flur tanzen. Es ist wirklich schön hier. Schön. Wirklich schön. Und dass hier jemand einen gut begehbaren Weg hingebaut hat, der die Landschaft nicht verhunzt und auch die Fauna nicht übermäßig gefährdet (mit Ausnahme der Nacktschnecken, für die dringend Ampeln errichtet werden sollten) finde ich edel und gut. Könnte es nicht überall so sein wie hier? Das rechte Maß an Eingriff in die Natur und alle haben zu essen und ein Dach? Oder brauchen wir wirklich den Wahnsinn der Megametropolen, um zu überleben? Ich weiß es nicht und konzentriere mich wieder auf den Weg. 

Entlang des Ufers erreiche ich am frühen Nachmittag den Hafen Dabitz. Hier gibt es einen kleinen Campingplatz mit angeschlossenem Bistro, in dessen Nähe ich gedenke, herumzulungern und durchzuatmen. Doch aufgrund meines Bartes werde ich auffällig. Die netten Bistrobetreiber veranstalten nämlich heute Abend eine Feier und weil mein Gesichtsbewuchs so verführerisch in der Sonne glänzt, werde ich gebeten, ihn für ein Instagram Werbevideo in die Kamera zu halten. Kein Problem. Wenn man etwas Schönes besitzt, dann kann man es ja auch zeigen und andere daran teilhaben lassen. Die Dankbarkeit, die mir dafür entgegengebracht wird, ist überschwänglich und ich muss das Essen und die Teilnahme heute Abend leider ablehnen. Aber der Kaffee dort ist auch sehr gut. 

Schlicht!

Sandra, Rita und Thomas führen das "coolste Bistro am Bodden vor Amsterdam". Hafen Dabitz.

Gruppenfoto! Alle mal "Muh" sagen!

Langsam beginnt wieder das Aua. Ach, eigentlich ist es die ganze Zeit da, nur jetzt wird es eben anstrengend. Bis Barth sind es noch etwa 8 Kilometer und erst dort will ich eine große Pause machen, bevor es heute noch nach Zingst gehen soll. 

Barth ist ganz nett. Es verfügt über Häuser und Straßen, Supermärkte und eine Backsteinkirche. Barth hat sich selbst den Namen „Vinetastadt“ patentieren lassen, obgleich gerade Barth jener von etwa zehn potentiellen Orten ist, an dem noch keine archäologischen Ausgrabungen zwecks des endgültigen Beweises erfolgten. Vineta – das ist so in etwa die deutsche Version der Atlantislegende und sie geht auf das Mittelalter zurück. Also, eine Stadt prosperiert, deren Bevölkerung wird darüber arrogant und lasterhaft, ignoriert die göttlichen Warnsignale und muss alsdann mitansehen, wie ihre Heimstatt im Meer versinkt. Alle paar Generationen braucht die Menschheit scheinbar die gleiche Lektion mit einem anderen Anstrich, um sie wieder auf den Boden zu holen. Barth jedenfalls hat als Mahnung oder vielleicht auch als Attraktion ein Vinetamuseum und daneben ziemlich viele Cafes und Läden, die auch diesen Namen führen. Das sorgt für eine gewisse Prosperität.

Durch die Altstadt von Barth lässt es sich gut bummeln. Aber Bummeln steht nicht auf meiner Liste. 

Kornfeld bei Zingst

Wo ist meine Möhre?

Mehr MeckPomm geht doch nicht...

Ich halte meine Füße in den Brunnen auf dem Marktplatz. Dann begebe ich mich auf das letzte heutige Gefecht, nämlich auf den Darß. Eigentlich nicht direkt auf den Darß. Ich lerne nämlich, dass dieses ganze der Küste vorgelagerte Gebilde nicht Darß heißt (wie ich das bisher annahm), sondern Fischland – Darß – Zingst. Also heute geht es nach Zingst und morgen dann über den Darß nach Fischland. Es muss ja alles seine Richtigkeit haben. 

Zehn Kilometer sind es noch bis zum Ziel. Der Radweg führt westlich aus Barth heraus und dann in einer 90 Grad Rechtskurve immer geradeaus nach Zingst, entlang einer alten, stillgelegten Bahnlinie. Ich bin mittlerweile bei alle 5 Kilometer Pause angekommen aber das halte ich bei dem heutigen Pensum für vertretbar. Irgendwann 20:00 Uhr bin ich endlich da. Es ist Samstag und auf der Seebrücke ist Party. Sowieso scheint Zingst so eine Art Partyort zu sein. Viele Menschen in vielen Lokalen, die viele Dinge essen und dazu Technomusik hören, deren Bässe kilometerweit über den ansonsten sehr schönen Strand hallen. Naja, ich habe heute 50 Kilometer gemacht. Das hilft beim Einschlafen. 

Tag 5 

Ein Blick ins Smartphone lässt mich die Nase rümpfen. Das Wetter wurde immer noch nicht nach „es wird doch besser“ zurück korrigiert. Ab heute Abend soll es die ganze Nacht hindurch regnen und gewittern und ich habe wie immer keine Ahnung, wo ich schlafen werde. Zur Not habe ich ja ein Tarp dabei. Das hilft aber eigentlich auch nur bei Schauern oder wenn ich mir irgendwo etwas Festes bauen wollen würde. Ich will aber laufen. Ein Dach rechtzeitig am Wegesrand zu finden ist meinem Vorhaben um einiges förderlicher aber eben Glückssache. 

Ich laufe nach Prerow und dann Richtung Süden, vorbei an einer Kuhweide und großen Heuballen durch die Dörfer Born und Wiek. Den Darßer Urwald, in dem es viele Bäume gibt und ganz oben auch noch einen Leuchtturm, an dem „Die Reise nach Sundevit“ gedreht wurde, lasse ich rechts liegen. 

Born und Wiek sind zwei wirklich idyllische Dörfchen, voller Reetdachhäuser, in denen Kaffee, Kunsthandwerk und Herberge angeboten wird. Alles nicht ganz billig, weil eben touristisch schon erschlossen. Anfang und Mitte des letzten Jahrhunderts waren diese Orte noch mehr ein Geheimtipp unter unangepassten Künstlern, die hier zu Dutzenden Quartier und Essen gegen die auf dem Dachboden unter dem Reet angefertigten Werke tauschten. Heute ist die Boheme gut situierten Galerien gewichen, insbesondere im nächsten Ort, nämlich Ahrenshoop. Das liegt allerdings schon in Fischland und nach einem recht langen Marsch dorthin am Achterwasser entlang, lasse ich auch dieses rechts liegen und laufe über Wustrow auf dem Deich nach Dierhagen. Leider kann ich hier kaum Bilder machen. Mein Akku ist fast leer. 

Unterwegs begegnet mir in Fischland vieles, was ich schon kenne. Meer, Strand, Deich, Seebrücke, Pensionen, Imbissbuden, badende und essende Gäste. Bei Wustrow fängt es allerdings an zu regnen. Das ist neu, weil überraschend und nicht angekündigt. Pech gehabt. Gerade mitten auf dem Deich. Innerhalb von fünf Minuten kleben mir die Klamotten am Körper und ich bin froh, dass es nur ein etwas kräftigerer Schauer war, der sich nach einer halben Stunde wieder verabschiedet. Bei 20 Grad und Wolkendecke läuft es sich gegen Abend allerdings dennoch nur mäßig trocken. Ich laufe weiter und schaue. Alles fein abgezäunte Ostseequartiere in Top – Zustand. Keine verlassene Garage oder irgendeine Bruchbude, die mir Unterschlupf gewähren könnte. Doch wieder einmal stellt mir Gott (oder das Glück) rechtzeitig ein Dach an den Weg: Ein Wartehäuschen der Verkehrsbetriebe. Der vorbeirauschende Verkehr ist nicht ganz leise aber das ist in Ordnung. 35 Kilometer und ein Plätzchen, an dem die Sachen trocknen. Ich schlafe gut. 

Der Hafen von Prerow. Von hier aus starten die Boddenrundfahrten.

Auf dem Darß nach Ahrenshoop. Es geht ein bisschen geradeaus und bleibt dabei auch weitestgehend flach.

Mein kuscheliges Refugium in Dierhagen. 4 Sterne!

Tag 6 

Von Dierhagen führt mich mein Pfad nun entlang der Küste durch einen wirklich schönen Wald, an den sich östlich das „Große Ribnitzer Moor“ anschließt, ein Naturschutzgebiet, durch das auch Heilwanderungen angeboten werden. Dahinter liegt dann das Freilichtmuseum Klockenhagen, das ganz sicher auch einen Besuch wert wäre, zeigt es doch recht authentisch, wie ein Ostseebauer im 19. Jahrhundert so lebte. Aber das ist mir ein zu großer Umweg für meine müden Hacken und meinen straffen Zeitplan. Ich will heute mit der Fähre über die Warne setzen und dann Richtung Heiligendamm vorstoßen. 

Ein schöner Naturlehrpfad führt von Dierhagen nach Graal - Müritz.

Mittendrin der Odin des Holzbildhauers Siegfried Kümmel. Abfall vom Christlichen Glauben oder nur Reminiszenz?

Deich vor Graal - Müritz.

Der Weg über den Deich ins Seeheilbad Graal – Müritz ist ein bisschen eintönig. Immer geradeaus. Aber hier stehen Infotafeln, wie sowieso an vielen Stellen entlang der Küste. Diesmal erfahre ich, dass Silbermöwen eine „monogame Saisonehe“ führen, sich von Muscheln, Fischen, Insekten und Abfällen ernähren und dass sie auf einem Bein stehen, um den Temperaturverlust über ihre Treter zu reduzieren. Dass sie darüber hinaus ganz schön frech sind und Keks essende Strandbesucher belauern wie die Geier, weiß ich aus eigener Erfahrung. Und dann gibt es da ja auch noch die Lachmöwen. Die sind ein bisschen kleiner, gucken auch ziemlich lustig aber anders und wenn sie über einem kreisen, dann bringen sie ein bedeutungsschweres, geheimnisvolles Geschrei hervor, das irgendwie an Lachen erinnert. So in etwa, als wollten sie sagen: „Wart nur, Menschlein, bis du den Blick von deinem Keks gewendet. Dann stoße ich herab und zaubere ihn weg.“ Silbermöwen sind irgendwie putzig – frech, Lachmöwen frech – mysteriös. 

Überraschung: Graal – Müritz hat eine Seebrücke! Im Grunde sind diese Dinger absolut nutzlos. Früher waren das Bootsanlegestellen. Heute kann man auf ihnen entlang gehen, an deren Ende ans Geländer stoßen und dann nach unten ins Meer gucken. Man befindet sich sozusagen auf einer Sackbrücke. Naja, Seebrücken sind halt irgendwie chic und es gehört wohl zum guten Ton, als Besucher auf ihnen zu flanieren. Ich flaniere mal gezielt vorbei und dann im Zick Zack durch die Rostocker Heide. Am frühen Nachmittag erreiche ich Warnemünde, besichtige ehrfürchtig die „Yachthafenresidenz Hohe Düne“, mache ein Nickerchen am Strand, der mit 150 Metern der breiteste der gesamten Ostseeküste ist und setze anschließend mit dem 9 Euro Ticket mit der Fähre über. Vor Anker liegt hier auch das Clubschiff Aida. Dort allerdings lehnt man mein Ticket ab.


Die Promenade Warnemündes ist voller Menschen und ich eile rasch von dannen. Auf das legendäre Hotel Neptun reicht mir ein Blick aus der Ferne. Was will ich dort auch? Preise vergleichen? Ein Döner in Warnemünde kostet 6 Euro. Das reicht mir als Information und ich gehe ein paar Kaiserbrötchen kaufen. 

Entlang der Steilküste geht es nun durch einen schönen Küstenwald, das Naturschutzgebiet „Stoltera“, Richtung Westen. Das heutige Ziel Heiligendamm wird verdammt knapp und mir qualmen die Socken. In Börgerende – Rethwisch, etwa 5 Kilometer früher, ist dann auch Schluss. Es ist unangenehm windig und kühl und ich bin froh, hinter einem einsamen Strandkorb leidlichen Schutz zu finden. 40 Kilometer heute. Little Mammut erfolgreich.

Yachthafenresidenz Hohe Düne

Küstenwald westlich von Warnemünde

Völkerverbindende Gastronomie in Börgerende

Der Strandkorb der Macht

Tag 7

Oh, Heiligendamm – du weiße Stadt am Meer, ältester Seebadeort Kontinentaleuropas (1793), du durch den G8 Gipfel bekannt gewordene Ansammlung von Villen und Residenzen – ich komme, um schnell an dir vorbei zu schreiten. Denn Supermärkte hast du nicht und ich bin hungrig. Naja, eigentlich schreite ich eher langsam vorbei, denn ein Teil des Weges wurde privatisiert, sodass man das Gelände entweder in südlicher Richtung weiträumig umfährt oder aber auf den Strand ausweicht (Heiligendamm hat übrigens einen Nichtraucherstrand!). Ich nehme den Weg durch den Sand, der jenseits der Strandkörbe mit ansehnlichem Geröll durchsetzt ist. Ein wenig Kretafeeling kommt auf, als ich mir den etwa ein Kilometer langen Pfad hier entlang bahne.

Der Akku ist fast leer. Aber nicht nur jener meines Handys, sondern auch der körpereigene. Dieses Pensum jeden Tag zu halten fordert seinen Tribut. Die Waden sind schwer, die Zehen wund, auf der Innenseite meiner Oberschenkel zieht und sticht es bedenklich und mein Rücken würde am liebsten Rodeo mit meinem Rucksack machen. Ich sitze auf einer Bank irgendwo zwischen Börgerende und Kühlungsborn und versuche, zwischen schmerzenden Beinen und knurrendem Magen zu vermitteln. Letzterer muss jetzt einfach mal warten, bis der Bewegungsapparat seinen Warnstreik beendet. Ich sitze da also als Mediator der verschiedenen Körperteile und versuche, beruhigend auf diese einzureden. Da kommt Hans vorbei. Er hätte mich heute schon in Heiligendamm gesehen und ist nun neugierig, was ich hier so treibe. Hans ist 84 und fährt täglich mit dem Rad von Kühlungsborn nach Börgerende und zurück. Das merkt man auch irgendwie, denn Hans ist noch topfit. Sowohl geistig als auch körperlich. So gut und so lange habe ich mich lange nicht mehr unterhalten, wie mit Hans. Über Gott und die Welt geht unser Gespräch und wir sind uns in einem Punkt einig. Für die Übel dieser Welt ist der Teufel verantwortlich. Alle anderen Schuldzuweisungen an vermeintliche Bösewichter kann man ja heute mit Hilfe der Psychologie aufweichen und die Ursachen und Gründe für Fehlverhalten zumeist am Versagen der Eltern bei der Kinderziehung festmachen, was seine Wurzel ja wiederum in deren mangelhafter Erziehung hat. Also muss es der Teufel sein, der zu allen Zeiten die Menschen dazu bewegt, ihren eigenen Untergang herbei zu führen. Wie schon die Bewohner von Atlantis, Babylon, Vineta oder des Dritten Reiches. Allerdings sei angefügt, dass die nunmehr logisch hergeleitete Existenz des Leibhaftigen uns natürlich nicht über weltliche Rechtssprechung erhebt. Wir müssen uns ja nicht vom Teufel verführen lassen, sondern sollten immer bemüht sein, die Fehler der Vergangenheit auszubügeln und es wenigstens ein bisschen besser machen, als unsere Vorfahren (auch wenn das anstrengend ist). Doch wie sehr wir uns auch bemühen – den Teufel wird es immer geben und dem Himmel sei Dank, demzufolge auch Gott. 

Hans erzählt mir ziemlich viel aus seinem Leben und das auf eine sehr angenehme Weise. Wie er Waldarbeiter war und ihn das glücklich gemacht hat. Und wie die Wende kam und die Menschen seiner Gemeinde erst alle arbeitslos und bald darauf irgendwie komisch wurden. Wie sich alles änderte und das Leben so vieler plötzlich Kopf stand. Er ist ein bisschen einseitig in seiner Darlegung und verklärt die DDR ein wenig (Stasi, Mauer, Einheitspartei fallen mir gleich ein). Aber wer will ihm das verdenken. Wir alle wollen irgendwann mal auf ein schönes Leben zurück blicken und um so ein paar wohlwollende Korrekturen kommt da wahrscheinlich keiner ganz herum. Ich glaube ihm jedenfalls, dass der soziale Zusammenhalt damals stärker war. Essen, Dach und Arbeit waren sicher. Alle wurden mitgenommen. Der Konkurrenzkampf untereinander war geringer und ermöglichte so etwas wie Freundschaft und Kollegialität am Arbeitsplatz. Von der Basis ausgehend könnte man sicher eine Gesellschaft errichten, die auf wahrhaft humanistischen Prinzipien fußt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht den Profit. Denn was nützen uns denn die prächtigen Villen, wenn der untere Teil der Gesellschaft abgehängt wird und vor die Hunde geht? Geht ein Teil unter, dann sinkt das ganze Schiff. Spontan hergeleitete Belletzsche Seemannsweisheit. Vielleicht hätte man sich 1990 eher irgendwo in der Mitte treffen können und nicht alles niedergewalzt, was irgendwie nach Sozialismus riecht, dem Ostblock und den Menschen darin ihre Würde lassen. Dann hätten wir jetzt vielleicht auch nicht diesen neozaristischen Wahnsinn an der Backe. Aber wer weiß das schon so genau? Wer kann die Komplexität des Weltgeschehens vollends überblicken und sich über die großen Prozesse ein abschließendes Urteil erlauben? Gott und der Teufel können das. Sonst niemand. Hans wird 100 Jahre, so wie er aussieht und sich verhält. Darüber erlaube ich mir mal ein Urteil. 

Die Promenade von Heiligendamm. Natürlich verfügt dieser Ort ebenfalls über eine Seebrücke.

An der Promenade von Kühlungsborn. Im Rücken des Fotografen die Seebrücke.

Ich schleppe mich nach Kühlungsborn, den größten Badeort Mecklenburgs und über dessen 3 Kilometer lange Promenade. Es will nicht mehr so recht. Ich esse und eiere dann weiter herum. Wieder und wieder schaue ich auf den Wetterbericht und hoffe auf eine Korrektur. Heute Nacht Regen und dann ab morgen Nacht zwei Tage und Nächte hintereinander. Ich verlasse Kühlungsborn am späten Nachmittag Richtung Westen, mir irgendwo ein Dach suchen. Es ist unangenehm windig und kühl hier auf dem offenen Feld. Keine überdachte Bank, kein geeigneter Platz, um das Tarp zu spannen. Linker Hand in einiger Entfernung entdecke ich auf einem Hügel einen Leuchtturm und ich versuche dort mein Glück. Es ist der Leuchtturm Buk bei Bastdorf. Er ist nur 20 Meter hoch, gilt aber dennoch als der höchste Leuchtturm Deutschlands. Der Hügel, auf dem er thront, ist nämlich imposante 75 Meter hoch. In der Tat steht dort meine Rettung: eine überdachte Rastbank. Vollkommen ausreichend für meine Zwecke. Ich genieße noch einmal einen wunderschönen Sonnenuntergang und stelle dabei fest, dass es einen gesunden Schmerz gibt, der einen stärker macht und wachsen lässt und einen idiotischen, der einen krank macht und sogar umbringen kann. Morgen nach Lübeck weiterlaufen wäre zweifelsohne idiotisch. Das sind noch zwei 40 Kilometermärsche, die ich bei Dauerregen absolvieren müsste. Ich ringe lange mit mir, an diesem Punkt abzubrechen. Ich könnte mir in Wismar ein Regencape kaufen und die Zähne richtig zusammenbeißen. „Denk dran, wie stolz du auf dich sein wirst, wenn du das durchstehst!“ Viele Gedanken gehen mir an diesem Abend durch den Kopf. Aber alle Faktoren abwägend muss ich dabei bleiben: Jetzt nach Lübeck laufen ist idiotisch! 15 Kilometer habe ich heute gemacht. Morgen gibt es den Endspurt nach Wismar. 

Der Leuchtturm bei Bastdorf.

Die Inschrift am Tor bestärkt mich in meiner Entscheidung.

Der Tisch in der Mitte ist weg. Prima! Ein guter Platz fürs Bettchen.

Tag 8

Ich muss früh los. Zum Bahnhof sind es 35 Kilometer und der Zug fährt 14:30 Uhr. Das ist knackig aber zu schaffen. Ich laufe über Blengow ans Salzhaff und dann über Boiensdorf, Blowatz und Gross – Strömkendorf nach Wismar. Eine schöne Strecke, die man genießen könnte, hätte man es nicht eilig. Aber Wettlauf gegen die Zeit kann man auch genießen und wenn das in schöner Umgebung passiert, dann geht das nochmal so gut.

14:00 Uhr bin ich am Bahnhof und natürlich fällt der Zug aus. 15:30 lege ich dann schließlich Richtung Dresden ab. Mit gemischten Gefühlen sitze ich im Zug. Ich wäre gerne weiter gelaufen. Aber Gott wollte es nicht. Oder der Teufel hat mich von meinem Weg abgebracht und zurück in die Komfortzone meiner weichen Kissen gelockt und lässt mich nun tausend Rechtfertigungen finden, warum ich das nicht durchgezogen habe. Vielleicht habe ich aber auch nur ziemlich knapp kalkuliert und weil ein Schmetterling in Australien einmal zu viel mit dem Flügel geschlagen hat und damit zusätzliche Winde beschwor, ist ein transkontinentales Druckgefälle entstanden, das für die Bildung eines zusätzlichen Tiefs über dem Atlantik sorgte, welches mir nun einen regnerischen Strich durch meine Rechnung macht. Keine Ahnung. 

Ich ziehe Abends in Dresden meine Schuhe aus und stelle fest: rechter Fuß leicht geschwollen. Geht so Richtung beginnende Sehnenscheidenentzündung. Vielleicht hat mir Gott doch die richtige Entscheidung eingegeben. Der E9 ist noch lang und ich kann ja später in Wismar wieder ansetzen. 

Ich habe in 8 Wandertagen etwa 285 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. An 3 verschiedenen Stränden habe ich genächtigt. Ich habe viele schöne Dinge gesehen und einige nette Menschen getroffen. Ob ich was gelernt habe? Das wissen die Möwen, die da kreisen und lachen. 

Irgendwo vor Wismar

Zurück in Dresden. Dass ich das nochmal erleben darf! 

Strandkorbman