Rennsteig - Rallye 2022

 

Deutschland Anfang Juli 2022. Die Wetteraussichten sind rosig, die Sommerferien beginnen gerade und es geht auf den Rennsteig. 

Mindestens einmal im Leben sollte man den Rennsteig gelaufen sein, wenn man sich „Wanderer“ heißen will. Asche auf mein Haupt. Ich bin bereits in meinen Vierzigern, Thüringer, besitze kräftige Waden und gesunde Knie. Dennoch habe ich es bislang nicht geschafft, Deutschlands ältesten und meistbegangenen Weitwanderweg zu laufen. Jährlich wird dieser angeblich von 100000 Wanderern beschritten, gilt in seiner Gesamtheit als Kulturdenkmal und sowieso führt er den verheißungsvollsten Namen, den ein Wanderweg so haben kann. Ob dieser wörtlich zu nehmen ist, darüber ist sich die Wissenschaft nicht einig. Könnte sein. Vielleicht ist er vom althochdeutschen „renniweg“ abgeleitet, der genau das ist, was er im Namen vorgibt zu sein. Vielleicht liegt diesem aber auch das der Jägersprache entlehnte Wort „Rain“ (für Grenze) zu Grunde. Ein Grenzweg war der Rennsteig seit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1330 als „Rynnestig“ nämlich den bei weitem größten Teil seiner Geschichte. Hier in der luftigen Höhe des Thüringer Waldes trafen eine ganze Reihe mittelalterlicher und neuzeitlicher Landesherrschaften aufeinander. Später überschnitt er sich in Teilen mit der innerdeutschen Grenze. Nicht zuletzt bildet er die Wasserscheide dreier großer Stromgebiete. Das alles macht ihn nicht nur in fußsportlicher Hinsicht interessant, sondern ganz sicher auch in historischer und in topographischer. 

Also, der Rennsteig beginnt im Eisenacher Stadtteil Hörschel und endet in Blankenstein an der Saale (oder andersrum), ist knappe 170 km lang und fordert von der Wade die Überwindung von etwa 2500 Höhenmetern. Gewöhnlich teilt man ihn in 8 oder sehr traditionell in 6 Etappen. Ich schaue mal, inwieweit ich die Tradition unterbieten kann und laufe ihn so schnell wie möglich. 

Das Motto ist: „Auf der Grenze an die eigene.“ 

Hörschel an einem Julimorgen.
Weg vom Bahnhof zum Startpunkt.

Moin.

Das weiße R - Kennzeichen der Wegstrecke zwischen Hörschel und Blankenstein.

Tag 1 

Gut, wenn Mutti gleich um die Ecke wohnt. Man hat die Taschen voller Futter und kann durch die kurze Anreise den Aufstieg recht zeitig in der Früh beginnen. Um 06:45 stecke ich mir in Hörschel einen Stein in die Tasche. Denn so ist's der Brauch. Der wandert mit mir entlang des Kamms und wird am anderen Ende in der Selbitz versenkt. Alsdann geht es waldeinwärts, sanft bergauf und frohen Muts, den Refrain des viel gepriesenen Renntseigliedes auf den Lippen. Der Wind rauscht leise durch das dichte Blätterdach, die Vögel zwitschern und es duftet herrlich nach harzigem Holz. 

Mein Stein.

Kleiner Scherz. Der hier ist wohl angemessener.

Für die Bückfaulen steht in Hörschel auch eine Steintonne herum.

Es regnet übrigens seit heute früh. Der Wetterbericht wurde über Nacht geändert. Streiche für die nächsten Tage: 23 Grad und Sonnenschein. Setze: 19 Grad, bedeckt, windig und mit zeitweiligen Schauern. Ist schon ok. Passiert mir nicht das erste Mal. Wenigstens riecht der Wald jetzt richtig frisch und um ein Dach über dem Kopf in der Nacht muss ich mir auf dem Rennsteig keine Sorgen machen. Der Rennsteigverein ist sowas von fürsorglich, der hat etwa alle 2 bis 3 Kilometer eine Schutzhütte hingebaut, die jeder frei nutzen kann. Das ermöglicht ein freies Wandern bis zum Punkt, an dem man umzufallen gedenkt. Paradiesisch. 

Etwas prekärer gestaltet sich allerdings die Versorgungssituation. Supermärkte gibt es im ersten Abschnitt des Rennsteigs nicht. Man hat also entweder genug Essen dabei oder genug Geld, um es in den Wirtshäusern am Wegesrand zu lassen. Oder man ernährt sich etwas kostengünstiger von den dort ebenfalls feilgebotenen Bratwürsten. Für Vegetarier ohne Vorräte ist hier allerdings aufgeschmissen. Im Thüringer Wald isst man Bratwurst oder gar nichts. So will es scheinbar der Brauch. Oder man bedient sich eben an den Fichtenzapfen, von denen es hier reichlich gibt. 

Vorbei an Feldern sanft bergan...

...hinein in den Wald...

...aus dem man ab und zu mal herausschauen kann. Im Hintergrund auf der dunklen, mittleren Kuppe die Wartburg.

100000 Wanderer jährlich. „Wanderer“! Nicht „Spaziergänger“ oder „Tagesausflügler“ oder „Mit Hund Gassigeher“ oder „E-Biker“. Von den vier Letztgenannten begegnen mir in der Tat einige aber der erste Wanderer, also jemand, der wirklich die gesamte Strecke absolviert, sich zumindest teilweise dabei anstrengt und den man ruhigen Gewissens mit dem traditionellen „Gut Runst“ grüßen kann, der begegnet mir erst in der zweiten Tageshälfte. Irgendwie erscheint mir diese Schätzung mit den 100000 sehr großzügig. Wahrscheinlich sind oben genannte Gruppen da alle mit eingerechnet. Dann sollte man aber eher von „Besuchern“ reden. Ich hatte wirklich schon Sorge, ich würde hier oben umgerannt werden, aus dem Grüßen gar nicht mehr rauskommen und ob ich am Abend eine Schutzhütte ergattere, erschien mir fraglich. Aber die meiste Zeit bin ich allein und bis zum Inselsberg, den ich am frühen Nachmittag erreiche (km 32; das Ziel der traditionellen ersten Etappe), begegnen mir gerade einmal eine Handvoll Leute. Einige Stimmen meinen, es läge an Corona, dass hier oben alles so leer sei. Aber das glaube ich nicht. Ich war vor zwei Wochen an der Ostsee und Corona spielt da keine Rolle. Auch nicht in den überfüllten 9 Euro Zügen. Der Trend geht wohl eher zum faulen Strandurlaub und der Wald hat seine Ruhe. 

Im ersten Teil sieht der Weg meistens so aus.

Oder so.

Das Jagdschloss "Hohe Sonne" (km 16) könnte mal einen neuen Anstrich vertragen. Hier ist die erste Möglichkeit, eine Bratwurst zu erwerben und hier startet auch der GutsMuths - Rennsteiglauf.

Alles in allem führt die erste Etappe zu großen Teilen über eine breite Forststraße. Nur hin und wieder wird diese von schmaleren Pfaden über Wurzeln und durchs Dickicht abgelöst. Die zahlreichen Buchen, Fichten und Tannen zur Linken und zur Rechten geben dabei nur gelegentlich den Blick ins Umland frei. Man geht gewissermaßen durch den dunklen, dichten Wald. Hauptattraktion hier ist ohne Zweifel die Wartburg, die aus einiger Entfernung grüßt und deren Geist man einmal tief einatmen und dann auf der Wanderung zerkauen kann. Der Sängerkrieg, bei dem edle Barden sich gegenseitig mit hingebungsvoller Lyrik zu übertreffen trachteten. Die Heilige Elisabeth von Thüringen, die adlige Antikapitalistin und Wohltäterin, Kämpferin für die Armen und Kranken, die nach moderner, psychoanalytischer Auffassung eine Schraube locker hatte, was aber wohl Voraussetzung dafür ist, innerhalb von nur 24 Lebensjahren zur Legende zu werden. Martin Luther, der dort Anfang des 16. Jahrhunderts innerhalb von 10 Wochen heimlich die Bibel ins Deutsche übersetzte und damit die Reformation lostrat, womit zugleich der Grundstein für den 30 jährigen Krieg 100 Jahre später gelegt wurde. Ein glaubhaftes Indiz dafür, dass der Segen von heute der Fluch von morgen sein kann, dass „Gut“ und „Böse“ einem Wandel unterliegen, den der Mensch dauerhaft scheinbar nicht in den Griff bekommt, weil der Ablauf der Dinge zu komplex ist für ein menschliches Gehirn und dass gut Ding (sofern die Anfertigung eines imposanten Werkes zur Bildung der einfachen Leute innerhalb von 10 Wochen eben nun als „gut Ding“ klassifiziert werden kann) nicht immer Weile haben muss. 

Ob „Rennsteig in 3 Tagen“ irgendwie „gut“ ist und ob das irgendjemandem etwas bringt, weiß ich nicht. Für die Geschichtsbücher wird es wohl nicht reichen. Aber immerhin begründe ich damit auch keine tiefen Spaltungen und blutigen Gemetzel. Es erscheint mir für mich jedenfalls machbar und was machbar ist und niemandem schadet (sofern man das überschauen kann), das sollte man wohl machen. Sonst ärgert man sich später, dass man nicht machte, was man hätte machen können, dass man unter seinen Möglichkeiten blieb und aus Bequemlichkeit sein Leben als eine öde Wüste gestaltete. Wenn wir unser Potential nicht ausschöpfen, dann werden wir unglücklich. Das scheint mir so eine Art Naturgesetz. Vielleicht hat sich das ja auch der Luther gedacht, als er wie ein geistiger Rennfahrer durchs Neue Testament fegte. Oder Elisabeth, die auf Biegen und Brechen alles verschenken wollte, was sie besaß. Oder auch die Sänger auf der Wartburg, die sich mit schönen Dingen duellierten statt mit scharfen Waffen.

The Rennwitch - Project? Holzskulptur auf dem Pummpälzweg. 

Ein Teich unweit des "Ruhlaer Häuschens" (km 21).

Blick vom Großen Inselsberg (916m, km 32) nach Nordosten.

Als die Sonne gegen Abend endlich beginnt, freundlich durchs Blätterdach zu blinzeln und die Ebertswiese in ein Feld aus leuchtendem Gold verwandelt, habe ich 50 Kilometer absolviert. Das stimmt mich optimistisch, zumal ich noch verhältnismäßig leichtfüßig unterwegs bin. Wenn ich an den nächsten Tagen jeweils 60 mache, hätte ich es geschafft. Aber für heute ist Feierabend. Überlastung lieber am Schluss. 

Die Schutzhütte am Possenröder Kreuz (km 41). Mit Vollausstattung und schön aufgeräumt.

So langsam klart es auf. Blick nach Süden.

Die Ebertswiese (km 50) in der Abendsonne.

Denkmäler 

Der Rennsteig hatte ja spätestens seit dem Mittelalter wirtschaftliche und politische Bedeutung als Bergbaugebiet, Handelsweg und Grenze. Dementsprechend zahlreich sind die Relikte vergangener Jahrhunderte am Wegesrand und sie verleihen der ganzen Tour einen kulturhistorischen Charakter. Über 1000 Grenzsteine wurden seit dem 16. Jahrhundert von den jeweiligen Landesherren als Markierungen für ihre Territorien aufgestellt. Die meisten davon befinden sich direkt am Weg, sodass man sie als Aushilfswegweiser benutzen kann, sofern man einen der offiziellen übersieht (was allerdings wirklich schwierig ist). Darunter gibt es einige sehr bedeutsame, um die sich Sagen und Legenden ranken, wie zum Beispiel das Possenröder Kreuz – vielleicht ein Sühnestein für eine dort begangene Bluttat. Oder der Dietzel - Geba – Stein, bei dem ein durch den Namensgeber begangener Raubmord durch dessen Enthauptung geahndet wurde und der angeblich noch die Spur des tödlichen Schwertstreichs zeigt. Oder der „Mordfleck“, an dem kein Grenzstein steht, dessen Name aber ebenfalls auf etwas Grässliches hindeutet. 

Daneben stehen hier noch eine ganze Reihe so genannter „Dreiherrensteine“, die Punkte markieren, an denen drei Landesherrschaften aufeinander trafen und dazu jede Menge Gedenksteine aus dem 20. Jahrhundert, die für Bergsteiger gesetzt wurden, für namhafte Gelehrte, für gefallene Soldaten des 2. Weltkriegs oder für Wanderarbeiter aus der Zeit danach. 

Zudem kreuzt der Thüringer Lutherweg den Rennsteig und lädt zum erkunden ein, wie auch der „Ruhlaer Uhrenweg“ und ganz in dessen Nähe auch das „Ruhlaer Häuschen“, von dem man mit viel Fantasie noch die Grundrisse erahnen kann, die „Schillerbuche“, wo ich allerdings nur einen Imbiss fand, doch weder den Friedrich noch die Buche und nicht zuletzt der Pummpälzweg, ein 2002 eröffneter Pfad voller mysteriöser Holzskulpturen, die den Sagenschatz der Region versinnbildlichen. Alles in allem gibt es am Wegesrand immer mal wieder etwas zum Lesen, Schauen oder Nachdenken. Dabei bestechen die Denkmäler weniger durch Größe und Aufdringlichkeit, als mehr durch bescheidene und diskrete Einbettung in das natürliche Gesamtbild. 

Das Possenröder Kreuz (km 41) - ein nicht ganz fertig gestelltes Malteserkreuz aus dem Jahr 1522.

Bergsteigerdenkmal jüngeren Datums. (km 55)

Der Dietzel - Geba - Stein von 1734 (km 63) mahnt an eine Mordgeschichte aus dem 15. Jahrhundert.

Tag 2 

Es war arschkalt die Nacht. So um die 7 Grad und das ist ein bisschen frisch für den Sommerschlafsack. Mein Dank geht erneut an den Wetterdienst, der es abermals schaffte, das Thermometer rechtzeitig signifikant nach unten zu korrigieren und mir damit eine weitere Herausforderung auf die Liste schrieb. Die Schutzhütten am Wegesrand haben zwar ein dichtes Dach und stabile Wände aber sie sind nach einer Seite offen und der Boden ist entweder aus Beton oder mit grobem Kies ausgelegt. Das macht den Aufenthalt nicht ganz so gemütlich, wie in den heimischen Kissen. Aber dazu bin ich ja schließlich auch hier. Den Kissen zuweilen entfliehen, um sie später wieder wertzuschätzen. 

Der Himmel zeigt sich heute Morgen erneut in einem faden Grau. Nur langsam und ganz vorsichtig dringt im Verlauf des Vormittags etwas Wärme durch die drei Schichten meiner Wanderkleidung. Es ist klimatisch eher April als Juli und glücklich bleibt wohl da nur jener, der sein Gemüt im Juni schon mit reichlich Sonnenlicht betankte. Der Wald gibt sich vor Oberhof wie gestern auch recht dicht und voll bedeutungsschwerer Stille und einsam lenkt der Wanderer den Schritt durch den schweigsam – dunklen Tann. Ganz in der Ferne, so am Nachmittag, winkt verheißungsvoll der erste Supermarkt, der den nunmehr darbend dahinschreitenden Wandergast mit nahrhaft - köstlich Speis und Trank sehr günstig zu erquicken verspricht. Bis dahin gibt es Haferflocken und den letzten Zipfel von Mutters Wurst. Zwar könnte ich schon in Oberhof Nachschub besorgen, doch das würde mich etwa 3 Kilometer Umweg kosten und aus Fleischeslust vom Wege abkommen, danach steht mir nicht der Sinn. 

Ab Kilometer 80 etwa wird die Strecke etwas lichter und offener. Man passiert den Traditionsbahnhof Rennsteig und die Lichtung „Alte Tränke“, durchquert alsdann das Dörfchen Allzunah und erreicht bei Kilometer 90, zuweilen entlang einer Bundesstraße, den größeren Ort Neustadt, der nicht nur durch den ersten Supermarkt direkt am Wege glänzt, sondern ganz sicher auch durch die Vielzahl der Schieferfassaden. Eigentlich gibt es hier kaum ein Haus, das nicht komplett in edles, wasserabweisendes Grau gekleidet wäre und damit deutlich kommuniziert, dass sich der Wanderer nun nicht mehr im Thüringer Wald befindet, sondern im Thüringer Schiefergebirge. Davon zeugen auch die Wege, die hier übersät sind mit splitterigem Schieferbruch, der das Dahinschreiten schon ein wenig bremst. 

Ein geheimnisvoller Totempfahl der Waldbewohner.

Der preußische "Grenzadler" (km 61) kurz vor Oberhof. Heute befindet sich in dessen Nähe die Wintersportkaserne der Bundeswehr.

An der "Alten Tränke" (km 74)

Kekse, Buttermilch, Banane und dazu ne Dose Fisch; hoch geht da die Wanderfahne und der Schritt bleibt stark und frisch. Zumindest noch 10 Kilometer. Kurz nach dem nächsten Ort Masserberg beziehe ich in der Heidehütte mein zweites Nachtquartier. 50 Kilometer scheint für mich im Moment so eine magische Grenze zu sein. Vielleicht könnte ich noch eine Stunde, aber es gibt an diesem Punkt ein gewisses Verletzungsrisiko. Zumindest sagt mir das irgendeine innere Stimme. Bleiben für morgen noch 70 Kilometer. 19:24 Uhr geht in Blankenstein der letzte Zug. Ich rechne beim Einschlafen und stelle fest: Ich muss 04:00 raus, zügig los und wenig Pausen machen. Dann kann ich es schaffen. 

Unterkunft und Verpflegung 

Der vermögende Rennsteigwanderer muss sich bei entsprechender Planung im Grunde kaum Sorgen um Nachtquartier oder Verpflegung machen. Entlang der Route liegen zahlreiche Wirtschaften, die mit traditionellen thüringer Gerichten locken und ein Bett mit Frühstück für etwa 70€ pro Nacht bieten. Bei entsprechender Vorausplanung und Buchung kann man also keineswegs verhungern oder Gefahr laufen, Nachts zu erfrieren. Überdies hat der Rennsteigverein an einigen Orten so genannte Rennsteighäuser (markiert durch ein großes, rotes R) errichtet, in welchen der Wanderer tagsüber kostenpflichtig Dusche und WC benutzen kann. 

Die Öffnungszeiten variieren allerdings. So zeigten sich einige Gasthäuser erst gegen Abend geöffnet, andere waren aus „technischen Gründen“ oder ähnlichem geschlossen. Das stellt jenen Wanderer vor Schwierigkeiten, der spontan oder auf den letzten Drücker eine Bleibe sucht. 

Ebenso die Rennsteighäuser, die mitunter schon 16:00 Uhr schließen. Ein bisschen früh für eine abschließende Dusche. 

Wer genügsam und mit Campingutensilien ausgerüstet ist, der sucht sich gegen Abend ein Plätzchen in einer Hütte, die hier etwa alle 3 Kilometer steht. Die meisten sind in gutem Zustand, bieten Tische und Bänke (manchmal drinnen, manchmal draußen) und zuweilen sogar eine Mülltonne. Wer also Strecke machen will, der ist auf dem Rennsteig maximal flexibel und bei dessen derzeitiger Auslastung findet er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bleibe. 

Supermärkte gibt es zumindest in der östlichen Hälfte ausreichend, die man problemlos in seine Tagestour einplanen kann, sodass man nur für die Strecke Hörschel – Oberhof größere Vorräte mit sich rumschleppen muss. Insgesamt ist die Versorgungslage demnach anständig. Was kann man von Deutschlands bekanntestem Weitwanderweg mit 100000 Wanderern jährlich denn auch schon anderes erwarten? 

Das Rennsteighaus "Neue Ausspanne" (km 47) mit einigen weisen Worten Martin Luthers.

Das Gasthaus Dreiherrenstein (km 28)

Das alte Schulhaus in Brennersgrün wurde zu einem Rennsteighaus umfunktioniert. (km 149)

Tag 3 

Etwa 06:30 Uhr breche auf und begrabe gleich zu Beginn des Tages meinen Plan, heute noch Blankenstein zu erreichen. Ich bin froh, wenn ich meine Leistung von gestern nochmal wiederholen kann. Der Berg fordert seinen Tribut und zudem ist es heute nicht nur grau und kühl, sondern auch noch windig. 17 Grad Höchsttemperatur. Ich rede mir ein, ich würde die Strecke im April gehen und freue mich über das gute Wetter! 

Es geht über Schieferwege und viele Wurzeln durch den Ort Friedrichshöhe bergauf, bergab schließlich nach Neuhaus am Rennweg. Auch hier erstrahlt alles in schönstem schiefergrau. Dann weiter über offenes Feld bergauf, bergab über Spechtsbrunn nach Steinbach am Wald. Hier verläuft der Rennsteig auf etwa 8 Kilometer entlang einer stark befahrenen Bundesstraße auf einem Radweg. Optional wurde hier vor einigen Jahren eine alternative Umgehung mit einem blauen R gekennzeichnet für diejenigen, die Ruhe und Idylle als ihre Priorität ansehen. Ich selbst bleibe aber auf dem Original und kann es kaum erwarten, den auf der Strecke sehr oft ausgewiesenen Wasserscheidenobelisk von Steinbach bewundern zu können. Hier kreuzen sich nämlich die Gebiete der drei großen Ströme Werra/Weser, Saale/Elbe und Main/Rhein. Mir der tiefen Bedeutsamkeit dieses Ortes bewusst, verweile ich für einige Sekunden am Kreisverkehr, der um die Säule läuft. Dann mache ich ein Foto und stürze zum Supermarkt, an dem ich mich deutlich länger aufhalte. Nicht zuletzt aufgrund des Gesprächs mit einem jungen Angestellten, der mir interessante Dinge erzählt. Nämlich, dass es wohl Freaks gibt, die den Rennsteig in einem Ritt durcharbeiten. Wenn man etwa 5 Kilometer pro Stunde läuft, dann ergibt sich eine effektive Gehzeit von rund 35 Stunden. Die Pausen nicht mit eingerechnet. Körperliche und geistige Ermüdung nicht mit eingerechnet. Nächtliches Stolpern über Schieferbruch und Wurzeln nicht mit eingerechnet. Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann. Gesund erscheint es mir jedenfalls keineswegs. 

Der Dreistromstein nahe Neuhaus am Rennweg (km 109)

Der Weg durchs Schiefergebirge ist zuweilen etwas beschwerlich.

Und dann wieder nicht, dafür etwas lauter. Der Rennsteig bei Steinbach im Wald (km 134 - km 141)

Über den Schönwappenweg laufe ich nun Richtung Brennersgrün. Viel Muse zum Fotografieren habe ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr, sodass mir einige schöne Grenzsteine entgehen. Ultrawandern und Fotodokumentation unter einen Hut zu bringen – an diesem Konzept muss ich wohl noch ein wenig feilen. 

Mehr als 50 Kilometer werden es auch an diesem Tag nicht. Durch Brennersgrün, einem ebenfalls schick mit Schiefer verzierten Ort, muss ich mich schon schleppen und kann die Ankunft an der nächsten Schutzhütte kaum erwarten. Dort, gleich hinter der nächsten Biegung muss sie liegen, in einer sanft geschwungenen Rechtskurve. Nur noch ein einziges Buschwerk trennt mich von meiner nächtlichen Bleibe. Das Herz tanzt schon in freudiger Erregung, den Fersen wachsen Flügel und ich eile zum verheißungsvollen Domizil, das sich da nun zeigt als... ein Hochsitz! Wer zum Teufel hat diese Wanderkarte gemacht? Wasserabweisend. Reißfest. Mit exakten Kilometerangaben und vielen nützlichen oder auch nutzlosen Informationen über Museen, Gasthäuser und Bademöglichkeiten in der Region. Scheinbar niemand, der in Schutzhütten übernachtet. (Anm. Gute Infos hierzu liefert die Seite www.rennsteig-rueger.de. Nachher ist man immer schlauer.). Na gut, die nächste Hütte ist nur etwa 2 Kilometer entfernt. Also los – noch ein letztes Mal für heute fersenbeflügelt durchs Dickicht geeilt zur Hütte „Hohe Tanne“, die natürlich auf einem Berg liegt! Ich eile also hinauf über gewundene Pfade erneut in gespannter Erwartung. Das dümmste, was mir passieren kann ist, dass sie belegt ist. Mit zwei Hochständen hintereinander rechne ich jedenfalls nicht. Die „Hohe Tanne“ zeigt sich als eine Art Holztipi. Runder Grundriss, nach oben spitz zulaufende Wände. Also völlig ungewöhnlich und völlig anders im Bau, als die anderen Hütten. Sie steht am Waldrand auf einer Lichtung auf der Kuppe des, naja, Hügels, den ich gerade mit letzter Kraft erklomm. Dann rümpft sich meine Nase, denn die Hütte ist belegt. Das ist nicht das erste mal, dass ich diese Erfahrung als Fußgänger dieses Jahr mache. Auf den letzten Metern zieht ein Radfahrer an mir vorbei und schnappt mir meinen Rastplatz weg. Kann man nur Guten Tag sagen und weiterziehen. 

Der fummelt da gerade an seiner Gepäcktasche herum. Vielleicht will er ja gerade losfahren, so kurz vor Sonnenuntergang. Wer weiß das schon? Es gibt ja auch Irre, die laufen den Rennsteig in einer Tour. „Tach. Deine Hütte?“ Frage ich so halb im Vorbeigehen. Der Typ lässt von seiner Gepäcktasche ab, wendet sich mir zu und guckt. Ich bleibe stehen und gucke auch. Schweigen. Dann reißt er seine Arme in die Höhe und fährt mich an: „Na, kommen wir jetzt überein, oder nicht?!“. Eine so herzliche Einladung kann ich unmöglich ausschlagen, auch wenn mir gemeinschaftliches Nächtigen auf Reisen etwas Neues ist. Aber Maik ist wirklich voll in Ordnung. Meine letzte Nacht hier oben ist seine erste und sein Vorhaben leicht spektakulärer, als meins. Dieser mit Lochplatten gelegte Weg dort, zwischen der Hütte und der Bank, auf der wir gerade sitzen, das ist die ehemalige innerdeutsche Grenze. Und die fährt er jetzt mit dem Fahrrad ab. 1600 Kilometer allein in der Todeszone. Aber Maik versorgt mich nicht nur mit dem besten Gespräch über Gott und die Welt auf dieser Reise, sondern auch mit Würsten. Ein prima Abend, bei dem mir auch der Begriff „Trail Magic“ näher gebracht wird. Also, Trailmagic ist, wenn unterwegs genau die richtigen Dinge passieren und es einfach läuft. Wenn genau die Momente entstehen, die in Erinnerung bleiben ohne, dass man sich großartig darum bemühen muss. Momente, die die Reise würzen, wie das Salz die Suppe. 

Ich darf alleine in der Hütte schlafen, denn Maik begnügt sich mit der Bank unter dem freien Himmelszelt. Das ist die einzige Nacht, in der ich nicht friere. Jetzt, wie ich dies schreibe befindet er sich wahrscheinlich irgendwo auf dem Brocken und steht kurz vor einem Hitzeschlag. Danke, du tapferer Grenzreiter! Und fahre nicht auf eine Mine! 

Die Tonne mit der Message (km unbekannt)

Bei Brennersgrün haben Zwergen eine kleine Stadt in den Wald gebaut. (km 150)

Der Wald lebt und spricht zu uns in seiner eigenen Sprache. Wenn wir zuhören, dann verstehen wir ihn auch. (km unbekannt)

Tag 4 

20 Kilometer sind noch übrig. Das ist der Vormittag, den ich mit der letzten Wanderung nach Blankenstein verbringe. Die erste Hälfte durch den Wald, die zweite auf einem Trampelpfad entlang der Landstraße über weitestgehend offenes Gelände. Die Sonne lächelt vom Himmel und ich habe es geschafft. Nicht in drei Tagen aber in dreieinhalb. 

Blankenstein selbst zeigt sich als verschlafenes Nest, in dem nicht viel los ist. Googlemaps gibt mir im Vorfeld für den Bahnhof dort „Mehr Besucher als gewöhnlich“ an. Die drei Angestellten, die da vor der Tür stehen und rauchen, haben an diesem Sonntag wohl eine Extraschicht. 

Im Zug Richtung Saalfeld sitzen neben mir noch drei weitere Leute. Ganz schön leer für „100000 Wanderer jährlich“. Aber was solls? Mir ist es leer ja eigentlich lieber. 

Witzbolde! 

Der Belletz hat es fast geschafft. Da erschrickt sogar der Wegweiser. An einer Kreuzung in Schlegel (km 163)

Die Stelle in der Selbitz, an der mein Stein in den Fluten versank. (km 170)

Fazit 

Der Rennsteig ist wirklich ein schönes Erlebnis und man sollte ihn auf jeden Fall mal gegangen sein. Er ist eben ein Klassiker, um den man früher oder später nicht herumkommt. Eine gute Übungsstrecke, vom Terrain nicht schwierig und gut eingebettet in eine solide Infrastruktur, die einen weder verhungern noch erfrieren lässt (sofern man es nicht explizit darauf anlegt). 

Die Wege sind leider nicht immer attraktiv. Den größten Teil geht es über eine recht breite Forststraße, im Osten zuweilen entlang von Bundesstraßen, was der Wanderung ein wenig Zauber nimmt. Vielleicht sollte man den Rennsteig als eine Art Magistrale durch den Thüringer Wald sehen, der eine gute Basis ist für Ausflüge in die nähere Umgebung, die durch vielerlei Möglichkeiten glänzt. Ganz sicher kann man den Rennsteig auch als Rennstrecke benutzen, wie ich es tat und wie der jährlich dort stattfindende GutsMuths – Rennsteiglauf das ja auch zu pflegen tut. 

Ich habe Hasen gesehen und Rehe und weit ins Land geschaut. Ich habe nette Menschen getroffen, ein paar Grenzen ausgetestet und auch eine Bratwurst gegessen. 

Ob ich auf diesem Trip was gelernt habe? Fragt das die Grenzsteine und Bäume, die da so rumstehen und mehr wissen, als sie sagen.